Pharmazeutische Zeitung online
Anorexia nervosa

Eltern verschließen häufig ihre Augen

20.12.2011
Datenschutz bei der PZ

Von Maria Pues / Eltern wollen die Probleme ihrer Töchter oft nicht wahrhaben. Im Rahmen einer Studie lehnte die Hälfte der Eltern trotz eines erkennbar erhöhten Magersucht-Risikos ihrer Kinder Angebote zu weiterer Diagnostik und Vorbeugung ab.

»Für so’n Scheiß hab’ ich keine Zeit« oder »Das wächst sich schon wieder zurecht«. Dies sind zwei der ablehnenden Antworten, die Wissenschaftler um Professor Dr. Corinna Jacobi im Rahmen ihrer Studie zur Früherkennung von Magersucht von Eltern erhielten, für deren Kinder ein erhöhtes Risiko für diese Erkrankung ermittelt wurde. Andere Eltern sind möglicherweise stolz auf ihre disziplinierten, gertenschlanken und sportlichen Töchter – zunächst jedenfalls. Denn wo hören gesunder Ehrgeiz, Sportlichkeit und Ernährungsbewusstsein auf? Und wo fängt Magersucht an? Eine beginnende Magersucht kann sich zum Beispiel darin äußern, dass junge Mädchen (selten auch Jungen) auffallend schlank sind, exzessiv Sport treiben und Figur und Gewicht in den Mittelpunkt ihres Interesses rücken. Andere, frühere Interessen geraten dabei häufig in Vergessenheit. Dafür beschäftigen sie sich ausführlich mit Ernährung und Diäten. Frühe Anzeichen einer Magersucht zu erkennen und die Erkrankung möglichst zu verhindern, ist ein Ziel der Untersuchung, die Psychologen der Goetz-Stiftungsprofessur für Essstörungen der Technischen Universität Dresden derzeit durchführen – mit einer ernüchternden Zwischenbilanz.

 

Noch schlank oder schon mager?

 

Über 6000 Fragebögen haben die Wissenschaftler des Instituts für Klinische Psychologie und Psychotherapie der TU Dresden an mehr als 40 Schulen in und um Dresden verteilt. Angesprochen waren Mädchen zwischen 11 und 17 Jahren und deren Eltern. Beide sollten je einen eigenen Fragebogen ausfüllen. Das Zwischenergebnis: Drei Viertel der Fragebögen blieb gänzlich unbeantwortet. Bei 15 Prozent der Mädchen, die ihre Bögen zurückgeschickt hatten, stellten die Forscher ein erhöhtes Risiko für eine Magersucht fest. Mindestens ebenso bedenklich: Die Hälfte der Eltern dieser Mädchen war nicht zu einem weitergehenden diagnostischen Gespräch bereit. Etliche von ihnen nennen Angst, »schlafende Hunde zu wecken« als Grund für ihre ablehnende Haltung, erklärte Jacobi auf die Frage der PZ, warum Eltern der Möglichkeit einer Früherkennung und einem frühen Eingreifen so reserviert gegenüberstehen. Eltern von Patientinnen sagten hingegen häufig, sie hätten gerne von der Möglichkeit der Früherkennung und -intervention gewusst und denken im Nachhinein, dass dies für sie hilfreich gewesen wäre, erläuterte Jacobi. Gleichzeitig sagten sie aber auch, dass sie vermutlich davon keinen Gebrauch gemacht hätten, da sie die Ernsthaftigkeit der Erkrankung unterschätzt hätten. »Ich denke, es ist eine Mischung aus Unwissenheit um die Gefährlichkeit dieses Verhaltens und eine relativ hohe soziale Akzeptanz von Dünnsein und Perfektionismus.«

Bestätigt sich im diagnostischen Gespräch das erhöhte Risiko, können die Eltern an einem Internet-gestützen Vorsorgeprogramm, »E@T« (Eltern als Therapeuten), teilnehmen. Dabei erhalten sie Informationen und Tipps, zum Beispiel zu problematischem Essverhalten oder zu Fragen der Kommunikation mit ihren Kindern. Sie können außerdem anonym an einem Online-Diskussionsforum mit anderen Betroffenen teilnehmen sowie eine individuelle psychologische Beratung nutzen, zum Beispiel mit Anregungen, wie sie ihre Tochter dabei unterstützen, zu gesundem Essverhalten zurückzukehren. Dadurch soll verhindert werden, dass die Töchter an Magersucht erkranken. Hat sich das Vollbild einer Magersucht erst einmal entwickelt, verläuft die Erkrankung häufig chronisch und ist meist nur schwer zu behandeln.

 

Häufig geht einer Magersucht bereits frühzeitig ein gestörtes Essverhalten voraus. Das Vollbild zeigt sich dann zumeist im späten Jugend- bis frühen Erwachsenenalter, rund 10 Prozent der Betroffenen hungern sich zu Tode. Damit tritt Magersucht zwar im Vergleich mit anderen psychischen Erkrankungen eher selten auf, ist aber gleichzeitig diejenige mit der höchsten Mortaliät.

 

Schäden bleiben

 

Selbst nach erfolgreicher Behandlung müssen viele Betroffene mit den Folgen des – auch überwundenen – massiven Untergewichtes leben. Langfristige Schäden sind unter anderem am Herzmuskel zu befürchten, zum Beispiel Bradykardie oder Herzrhythmusstörungen mit der Gefahr eines plötzlichen Herztodes. Durch oft jahrelangen Calciummangel entwickelt sich häufig eine unumkehrbare Osteoporose. Auch die Blutbildung sowie die Hormonproduktion leiden. Allerdings stellen Zyklus­anomalien kein sicheres Anzeichen für eine Magersucht dar, da sie durch Einnahme der »Pille« häufig lange Zeit kaschiert werden können.

 

Die Studie läuft überwiegend in Sachsen. Inzwischen gibt es den Screening-Fragebogen jedoch auch in einer Online-Version, sodass auch Teilnehmerinnen aus anderen Bundesländern eingeschlossen werden können. Die Studie wird voraussichtlich noch zwei Jahre laufen. /

Mehr von Avoxa