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Was bislang zu kurz kam

Von Madenfürzen, adipösen Makaken und klugen Frauen

21.12.2010
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Von Daniel Rücker / Haben Sie sich heute schon geärgert? Ja, das ist gut, dann haben Sie es hinter sich. Das Leben ist schön, lustig und manchmal bizarr. So kurz vor Weihnachten ohnehin. Wir sind in der Zeit der frohen Botschaften. Leider stehen die schönen Dinge viel zu selten in der Zeitung – aber heute schon.

Gute Nachrichten gab es in diesem Jahr wie Bläschen im Sektglas, man muss sie nur erkennen wollen. Dazu gehört auch, dass die Welt manchmal doch gerecht ist und sich die Schönen und Reichen nicht überall besser stehen als die konventionell Werktätigen. Brad Pitt, Heidi Klum, Til Schweiger oder Penelope Cruz dürfen sich ob ihrer superschlanken Silhouette zwar über die ebenso kurzfristige wie oberflächliche Anerkennung der restlichen Menschheit freuen, wirklich gesund ist ihr Aussehen aber nicht. Gesünder sind wir Normalgewichtigen, zumindest dann, wenn das Fett an der richtigen Stelle sitzt. Nicht am Bauch, da ist es schlecht.

Po, Hüften und Schenkel sollten drall aus­fallen, haben Wissenschaftler von der Universität Oxford herausgefunden. An jenen Körperstellen angesiedelt, mindern die nur scheinbar überflüssigen Funde das Risiko, an Diabetes oder Herzinfarkt zu erkranken. In der Weihnachtszeit sind solche Botschaften mit Plätzchen kaum aufzuwiegen. Jetzt haben wir die einmalige Chance, die dritte Gänsekeule mit einem nonchalanten »Eigentlich bin ich satt, ich tu es allein für meine Gesundheit« auf unsere Teller zu wuchten. Wer könnte dazu Nein sagen?

 

Wer in der Weihnachtszeit dem Müßiggang einen prominenten Platz im Terminkalender einräumt, der darf sich auch darüber freuen, dass Wissenschaftler dies nicht für unbedingt schlecht halten. Einen großen Auftritt hat hierbei der Schlaf. Dem Hyperaktiven gilt er vielleicht als lästig, Menschen mit wissen­schaftlichem Verständnis erkennen ihn mehr und mehr als Heilsbringer. Schlaf, sagen Forscher, hilft nicht nur gegen Müdigkeit, er macht auch schön und schlau. Sagen Sie selbst: Mehr geht nicht. Doch der Reihe nach. Wissenschaftler vom Karolinska Institut ins Stockholm haben Versuchspersonen Fotos von Menschen gezeigt, die in der Nacht zuvor acht oder fünf Stunden geschlafen hatten. Das Votum fiel eindeutig aus. Nach acht Stunden Schlaf sehen die Menschen besser aus als nach fünf Stunden. Die PZ-Redaktion hat darauf bereits reagiert. Vor 10 Uhr fängt bei uns niemand mehr an zu arbeiten, denn gut auszusehen ist für uns Pflicht. Und wenn man beim Schlafen auch noch schlauer wird, dann wäre es ja geradezu fahrlässig, das Bett den Rest des Tages zu meiden. Erlerntes, sagt der Leibniz-Preisträger Professor Jan Born, lässt sich im Schlaf besser abspeichern. In Kindertagesstätten könnten die Lernleistungen deutlich verbessert werden, wenn die Kinder zum Mittagsschlaf angehalten würden. Nun ist die PZ-Redaktion schon bei flüchtiger Betrachtung deutlich von einer Kindertagesstätte zu unterscheiden. Aber der täglichen Aufgabe, so früh aufzustehen, dass der PC noch vor dem Mittagsschlaf hochgefahren werden kann, stellt sich die Redaktion gern.

Weil Schlaf so wichtig für das Wohlbefinden ist, ist er auch bei den Krankenkassen ein Thema. Ob es bei der DAK eine Stabsstelle Somnologie gibt, haben wir nicht recherchiert. In jedem Fall gibt es dort Menschen, die sich mit dem Thema Schlaf auf einer höheren Ebene auseinandersetzen. Und diese haben herausgefunden, dass Vollmond als Erklärung für schlaflose Nächte nicht taugt. Die Lichtintensität des Mondes sei viel zu gering, den Schlaf zu beeinflussen, teilen uns die Kassensomnologen mit. Wer bei Vollmond schlechter schlafe, sei Opfer einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Er sehe zuerst den Vollmond und rede sich dabei ein, schlechter schlafen zu können. Also nicht der Mond ist schuld, sondern man selber.

 

Freilich, der Mond wird moralisch entlastet, aber sonst? Ganz besonders ärgern müsste sich die Gruppe der naturbeseelten Mondüberschätzer. Krankenkassenexperten reduzieren die Strahlkraft des Mondes auf seine Lux-Zahl, die auf der Erde ankommt. Die Mondphasen werden so zu einer Sinusfunktion. Prosaischer geht’s nimmer.

 

Wo wir uns gerade in dem großen Themenkreis Schuld, Wissenschaft und sich selbst erfüllende Prophezeiungen bewegen, soll an dieser Stelle eine weitere Berufsgruppe in den Fokus wissenschaftlicher Ermittlungen gerückt werden. Wissenschaftler von der Universität von Chicago haben geklärt, warum Mädchen schlecht in Mathematik sind. Schuld sind die Lehrerinnen, weil sie selbst Angst vor Mathe haben. Sie suggerieren deshalb ihren juvenilen Geschlechtsgenossinnen unbewusst, dass Trägerinnen zweier X-Chromosomen von Natur aus Probleme hätten, zwei und zwei zusammenzuzählen. Junge Mädchen orientierten sich gerne an den gleichgeschlechtlichen Vorbildern und adaptierten deren Panik. Jungs blieben davon unbetroffen, weil sie sich ihre Vorbilder unter Männern suchten. Die gibt es im amerikanischen Schuldienst aber kaum.

Bevor wir in ein undifferenziertes Frauen-Bashing verfallen, wie es Männern bisweilen widerfährt, wenn sie erst einmal ins Plaudern verfallen sind, soll an dieser Stelle auch von den unbestreitbaren Qualitäten von Frauen die Rede sein. Dass es dabei um eine ziemlich rollenkonforme Eigenschaft geht, ist reiner Zufall. Während also die Stimme einer Lehrerin bei jungen Mädchen Diskalkulie auslösen kann, zeitigt Mamas Stimme eine manifeste Oxytocin-Ausschüttung, gleichzeitig geht der Cortisol-Spiegel deutlich zurück. Die meisten unserer Leser dürften ob ihrer naturwissenschaftlichen Ausbildung bereits bemerkt haben, was die Wissenschaft uns hier sagen möchte: Es geht um die beruhigende Kraft der mütterlichen Stimme und deren physiologisch-biochemische Korrelate. US-amerikanische Wissenschaftler hatten bei 61 Mädchen zwischen 7 und 12 Jahren unmittelbar nach einer Klassenarbeit den Cortisol-Spiegel in der Spucke gemessen. Bei allen war er erhöht. Die Hälfte der Mädchen durfte dann mit der Mutter telefonieren. Bei einer anschließenden Messung wiesen diese Mädchen deutlich niedrigere Cortisol-Spiegel auf als die Mädchen ohne Mutterkontakt. Die PZ-Redaktion weiß natürlich aus eigener Erfahrung auch um die trostspendenden Qualitäten von Müttern. Gleichzeitig fragen wir uns aber auch, warum ähnliche Untersuchungen nicht mit Jungs und Vätern gemacht wurden. Hierfür hat die weibliche Übermacht in der Redaktion eine ebenso simple wie fragwürdige Erklärung. Ein Telefonat zwischen Sohn und Vater nach einer Klassenarbeit würde wahrscheinlich wie folgt ablaufen: »Hallo Papa« – »Und?« – »Na ja« – »Reicht doch« – »Bis dann« – »Jo«. Wer in den wohl dosierten Worten heilende Wirkung sucht, muss der Homöopathie nahestehen.

Einmal angefangen, fällt es schwer, das Thema Mann und Frau wieder zu verlassen. Zu viel wird auf diesem Gebiet geforscht. Zu den wichtigsten Erkenntnissen dieses Jahres gehört fraglos ein Artikel aus dem »European Journal of Operational Research«. In der Februar-Ausgabe gab es seinen Lesern ganz im Stil einer Boulevard-Zeitschrift Tipps zur Partnerwahl – freilich zielgruppengerecht wissenschaftlich verbrämt. Wer es darauf anlegt, seinen Ehepartner nicht auf halber Lebensstrecke noch einmal zu wechseln, der sollte bestimmte Regeln beachten, heißt es in dem Beitrag. Die wichtigste ist dabei, sich nicht etwa von Liebe blenden zu lassen. Vielmehr sollte folgendes Muster gesucht werden: Er fünf Jahre älter als sie, sie klüger als er, er aber auch nicht wirklich dumm, beide aus demselben Kulturkreis und beide noch ledig und nicht geschieden. Immerhin 1074 Ehepaare wollen die aus Lausanne stammenden Autoren der Untersuchung für fünf Jahre beobachtet haben. Die PZ-Redaktion begrüßt diese Untersuchung als einen Beitrag zur gesellschaftlichen Stabilität, vorausgesetzt die an Schweizern gewonnenen Ergebnisse lassen sich tatsächlich verallgemeinern. Für realitätsfern halten wir allerdings den Vorschlag der Wissenschaftler, Männer sollten sich eine klügere Frau suchen. Männer sind vielleicht bereit anzuerkennen, dass es Frauen gibt die klüger sind als andere Männer. Aber klüger als man selbst? Und sie dann noch quasi als Spiegel der eigenen Unvollkommenheit Tag für Tag um sich herum haben? Wohl kaum. Die Erkenntnis der Untersuchung ist sicher hilfreich, dass daraus aber eine allgemeingültige Strategie entsteht, erscheint doch eher unwahrscheinlich.

Kommen wir zur Kategorie Tiere. Und hier müssen wir mit einer traurigen Botschaft beginnen. Nicht nur Amerikaner, Deutsche oder Polen werden immer dicker, auch Hunde, Katzen oder Ratten legen kontinuierlich an Gewicht zu. Ja selbst Makaken, Schimpansen und Krallenäffchen, die von den Segnungen der westlichen Zivilisation verschont leben, sind nicht mehr so schlank wie vor 10 Jahren. Woran das liegt, ist nicht eindeutig geklärt. Natürlich werden die üblichen Verdächtigen – Umweltgifte, Hormone und Viren – ins Spiel gebracht. Eine schlüssige Erklärung haben die Wissenschaftler aber für die beobachtete Adipositas animalis nicht. Die PZ-Redaktion nimmt dieses unbefriedigende Resultat mit ungewohnter Nachsicht zur Kenntnis, fehlt uns doch auch bei uns selbst jegliche Erklärung dafür, warum sich unser Körpergewicht so hartnäckig in die falsche Richtung entwickelt.

Die Ehrung »Tier des Jahres« hat sich in diesem Jahr aus unserer Sicht eine Fliege verdient. Die Schmeißfliege Lucilla cuprina führt nämlich einen ebenso segens- wie erfolgreichen Kampf gegen Bakterien. Ihre Maden bilden dankenswerterweise ein antibiotisch wirksames Sekret, gegen das selbst die ansonsten recht findigen MRSA-Keime schutzlos sind. Lässt man die Maden an menschlichen Wunden knabbern, entfernen sie nicht nur das nekrotische Gewebe, sondern desinfizieren gleichzeitig die Wunde. Und es kommt noch besser. Wie Wissenschaftler in Singapur festgestellt haben, produzieren die Maden auch Gase mit antibiotischem Potenzial. Die Firma Medfly aus Singapur, die mit Lucilla cuprina schon heute gutes Geld verdient, denke nun über ein entsprechendes Spray nach, sagt die Managerin Donny Lim. Ob Madenfürze in Dosen ein Exportschlager werden könnte, erscheint uns allerdings zweifelhaft. Da müsste das Wirkprofil schon extrem überzeugend ausfallen.

 

Gleichwohl wollen wir hier keinesfalls die Schmeißfliege beleidigen, denn Tiere, dass wissen wir auch, sind bisweilen sensibel. Beispielsweise Kühe. Werden die nicht ausreichend wertgeschätzt, fahren sie ihre Milchproduktion nach unten. Das haben zumindest britische Wissenschaftler von der Universität Newcastle herausgefunden. Begrüßt der Bauer seine Kühe nicht wie es sich gehört mit Namen, dann versiegt das weiße Gold zwar nicht, mit einem Rückgang der Jahresleistung um 250 Liter muss er aber rechnen. Das sind immerhin fast 5 Prozent. Mehr Aufmerksamkeit für das Individuum bedeutet mehr Milch für den Bauern, so die simple Formel, die das Zeug dazu hat, Tierschützer und Ökonomen an einen Tisch zu bringen. Die bovinophilen Wissenschaftler sicherten sich mit dieser Arbeit übrigens einen von 10 IG-Nobelpreisen. Dieser Preis ehrt Wissenschaftler, die die richtige Frage im falschen Gebiet stellen und beantworten.

Wir können das Jahr nicht abschließen, ohne unseren Lesern zumindest noch einige praxisorientierte Tipps zum Weihnachtsfest zu geben. Beim ersten bedienen wir uns des Fachwissens der Bremer Kassenärztlichen Vereinigung. Die warnt davor, während der Feiertage Lebkuchen, Spekulatius und Gänsebraten zu sehr zuzusprechen. Verschiedene Krankheitszustände und Kopfschmerzen könnten dabei auftreten. Wer hätte das gedacht? Von den Ärzten lernen, heißt verdauen lernen und zwar das Richtige in korrekter Dosierung. Wer viel isst, muss auch stark leiden. Eine Botschaft, die gerade bei unseren protestantischen Leserinnen und Lesern auf offene Ohren stoßen könnte.

 

Und schließlich möchten wir noch den Rat loswerden, dass Alkohol allein auch keine Lösung ist. Zumindest dann, wenn es um den Abbau großer Mengen tierischer Fette geht. Nach einer im Britsh Medical Journal veröffentlichten Untersuchung verzögert Alkohol sogar die Verdauung. Züricher Wissenschaftler hatten 20 Probanden Raclette serviert, die Hälfte durfte dazu Wein trinken, für die anderen gab es Wasser oder Tee. Doch auch hier gilt die Frage »Was ist gut, was ist schlecht?« Denn neben dem physiologischen Ergebnis gibt es auch eine gefühlte Wahrheit. Und die besagte, dass es den Alkholtrinkern vielleicht nicht besser geht, sie sich aber besser fühlen. Wir sehen hier eine weitere Spielart des Konfliktes um die Einheit von Körper und Geist, fragen uns aber vor allem, wie ein Apotheker, eine Apothekerin, das Untersuchungsergebnis unter der Maßgabe heilberuflicher Korrektheit wahrheitsgemäß an die Kunden weitergeben kann.

 

Bleibt zuallerletzt eine Erkenntnis, die dem Volksmund auch nicht fremd ist. Geld macht nur bedingt glücklich, hat der amerikanische Nobelpreisträger Daniel Kahnemann herausgefunden. Bis 75 000 Dollar (58 000 Euro) Jahresgehalt nimmt das Glück noch zu, hat er mithilfe von 450 000 Fragebögen ermittelt. Dann beginnt Stagnation, wenn auch weitere Gehaltssteigerungen stimmungsmäßig nicht vollends verpuffen. Unter diesen Umständen hat sich die PZ-Redaktion entschlossen, den vorschnell geplanten Verzicht auf weitere Gehaltserhöhungen dann doch auszusetzen. Natürlich zeigt uns Herrn Kahnemanns Erkenntnis, dass Geld nicht alles ist. Glück, Gesundheit und Gemeinsamkeit sind doch weitaus wichtiger. Manch einer mag dies schon vermutet haben. Die PZ-Redaktion lässt dies noch zuversichtlicher ins neue Jahr blicken. Wenn die wahren Werte zu Jahresende eine Hausse erleben, dann geht es im nächsten Jahr vielleicht so weiter. Das gibt uns Hoffnung, vielleicht Ihnen auch. Und wenn nicht, dann wünschen wir zumindest ein frohes Fest und eine gute Zeit. /

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