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Diabetikerversorgung

»Apotheker und Arzt ergänzen sich in ihren Rollen«

21.12.2010
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Von Stephanie Schersch und Sven Siebenand, Berlin / Die Kommission »Einbindung der Apotheker in die Diabetikerversorgung« (EADV) will das Engagement der Apotheker in der Betreuung von Menschen mit Diabetes stärken. Ärzte und Apotheker sollen demnach besser kooperieren und die Versorgung nach abgestimmten Regeln untereinander aufteilen. Die PZ sprach mit dem Vorsitzenden der Kommission EADV, dem Mediziner Dr. Alexander Risse, und dem Apotheker Professor Dr. Martin Schulz, stellvertretender Vorsitzender der Kommission.

PZ: Was verbirgt sich hinter EADV?

 

Schulz: Die Kommission EADV ist eine gemeinsame Kommission der Deutschen Diabetes-Gesellschaft (DDG) und der Bundesapothekerkammer (BAK), gegründet im Jahr 2000. Ziel ist, die Apotheker systematisch und stärker als bislang in die Versorgung von Menschen mit Diabetes einzubinden. Gemeinsam haben wir ein Curriculum entwickelt, das als zertifizierte Fortbildung zum »diabetologisch qualifizierten Apotheker DDG« anerkannt ist. Die Landesapothekerkammern setzten die Fortbildung in Zusammenarbeit mit den Landesgruppen der DDG um. Rund 5000 Apothekerinnen und Apotheker sind bereits zertifiziert.

 

Risse: Aufseiten der Ärzte gibt es häufig Vorbehalte, wenn es darum geht, Verantwortung abzugeben. Die Kommission EADV stellt sich diesen Vorurteilen entgegen. Der Apotheker nimmt sich Zeit für die Beratung und Fragen der Patienten. Ärzte und Apotheker ergänzen sich in ihren Rollen und nur, wenn alle Beteiligten zusammenarbeiten, kann eine gute Diabetikerversorgung gelingen. Genau das wollen wir erreichen.

 

PZ: Welche Aufgaben kommen denn damit auf die Apotheker zu?

 

Schulz: Der Apotheker spielt etwa im Bereich der Prävention und Früherkennung von Diabetes-bedingten Folgeerkrankungen eine wichtige Rolle. Nehmen Sie das Beispiel diabetischer Fuß. Apotheker sollten aufmerksam werden, wenn ein Patient Antidiabetika oder Insulin und gleichzeitig eine Fuß- oder Wundsalbe kauft. Hier können Apotheker gezielt Verletzungen am Fuß ansprechen und den Patienten gegebenenfalls an einen Arzt verweisen. Außerdem kann der Apotheker wichtige Hinweise geben und damit zwischen den Arztbesuchen des Patienten tätig werden. Das passt übrigens sehr gut in das gemeinsame Konzept von ABDA und Kassenärztlicher Bundesvereinigung. Auch darin ist eine engere Zusammenarbeit von Ärzten und Apothekern vorgesehen.

 

Risse: Die politische Entwicklung kommt uns dabei sehr entgegen. In Deutschland wird viel über den Ärztemangel diskutiert. Die Politik versucht, die Anzahl der Arztbesuche zu reduzieren. Das wiederum bedeutet, dass Ärzte Aufgaben abgeben müssen. Hier sollte man die gute Struktur in den Apotheken nutzen.

 

PZ: Bei vielen Ärzten, aber auch bei einigen Apothekern gibt es Vorbehalte gegenüber einer verstärkten Zusammenarbeit. Wie lässt sich dieser Widerstand ausräumen?

 

Risse: Ich bin zuversichtlich, dass die Kooperation von Ärzten und Apothekern besser wird und die Vorbehalte abnehmen. Wir müssen schrittweise vorgehen, auf regionaler Ebene lässt sich bereits viel erreichen. Es gibt mittlerweile viele lokale Netzwerke oder Kooperationen zwischen Ärzten und Apothekern. Auch die Pflegedienste gehören übrigens mit in solche Qualitätszirkel. Auch sie müssen in eine verbesserte Versorgungsstruktur eingebunden werden.

 

Schulz: Wir können eine verbesserte Kooperation nicht von oben herab erzwingen, sondern nur die Grundlagen schaffen. Die Kammern stellen die Qualifizierung durch das Curriculum sicher, am Ort hängt es dann von der Initiative einzelner Ärzte und Apotheker ab, wie sich die Zusammenarbeit gestaltet.

 

PZ: Der Apotheker übernimmt zusätzliche Aufgaben, wenn er sich stärker als bislang in die Diabetikerversorgung einbringt. Nicht jeder wird davon angesichts ohnehin steigender Anforderungen begeistert sein. Ist eine Vergütung der Extraleistungen in Aussicht?

 

Schulz: Ich denke, wir sollten nicht warten, bis Apotheker für Betreuungsangebote extra bezahlt werden. Wenn sich ein Apotheker auf die Versorgung von Menschen mit Diabetes spezialisiert, dann bindet er damit Arzt und Patienten an seine Apotheke. Davon profitiert er natürlich. Eine entsprechende Spezialisierung spricht sich herum. Die Menschen mit Diabetes sind ein großes Kollektiv multimorbider Patienten, die hohen Bedarf an Arzneimitteln und auch an Hilfsmitteln haben.

 

Zudem geht es bei der Versorgung von Menschen mit Diabetes vor allem darum, die Therapietreue zu verbessern. Wenn Patienten länger eine Therapie verfolgen und ihre Medikamente regelmäßig einnehmen, verbessert dies das Therapieergebnis und die Einnahmen der Apotheke steigen durch die erhöhte Adhärenz. Klar ist aber auch, dass wir sehr bald mit der GKV über eine Vergütung der Leistungen des Apothekers im Medikationsmanagement verhandeln müssen.

 

PZ: In Deutschland gibt es einen nationalen Krebsplan, einen entsprechenden Aktionsplan für Diabetes jedoch nicht. Sehen Sie eine Chance für eine nationale Diabetestrategie? Welche Rolle könnte EADV darin spielen?

 

Schulz: Die DDG hat dem Bundesministerium für Gesundheit Vorschläge für einen nationalen Diabetesplan vorgelegt. Dort hat man sich bislang nur zögerlich dazu geäußert. Wenn es zu einer solchen Vereinbarung kommt, könnte die Kommission EADV hier wichtige Aufgaben übernehmen.

 

Risse: Das Problem ist, dass Diabetes häufig als Lifestlye-Erkrankung wahrgenommen wird. Wenn man über Diabetes spricht, dann meist darüber, dass die Menschen zu dick sind und deshalb Diabetes entwickeln. Nur selten geht es darum, wie man diese Patienten behandeln kann. Ich bin leider sehr pessimistisch, dass sich daran etwas ändern wird. Ein nationaler Aktionsplan ist daher nicht in Sicht. / 

Weitere Informationen

Unter www.abda.de/kommission-eadv.html gibt es weitere Informationen der Kommission EADV, unter anderem Arbeitsmaterialien, Vorträge, Publikationen und Angaben zu Curricula. Eine Übersicht findet sich im Serviceteil der Druckausgabe.

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