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Diabetiker-Betreuung

Apotheker sind gefragt

Die Bundesregierung gibt jährlich mehr als 50 Millionen Euro für Prävention aus. Kritiker bemängeln eine planlose Verteilung der Mittel. Dabei gibt es Projekte, die etwa die Versorgung von Diabetikern spürbar verbessern können – unter fleißiger Mitwirkung der Apotheker.
Christina Müller
18.09.2019
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Wieland Schinnenburg ist unzufrieden. Die Antworten der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage, die der FDP-Gesundheitsexperte federführend für die Bundestagsfraktion seiner Partei vorgelegt hatte, belegen aus seiner Sicht, dass im Bereich Prävention bisher eine klare Strategie fehlt. In dem Dokument, das insgesamt 180 Seiten umfasst und im Wesentlichen aus Tabellen besteht, bleiben die Zielsetzungen der geförderten Projekte oft vage und die Evaluation lückenhaft. Die Bundesregierung räumt ein: »Bezogen auf die Maßnahmen der Jahre 2018 und 2019 lassen sich Ergebnisse (und Erfolge) derzeit noch nicht vollständig abbilden, da die Ergebnisse der laufenden Studien derzeit noch nicht ausgewertet sind beziehungsweise sich entsprechende Effekte erst in späteren Studien abbilden werden.« Sie verweist auf die Komplexität der Projekte. Daraus folge, dass auch Erfolge sich erst mittel- bis langfristig einstellen würden.

»Es ist beschämend, wie wenig die Bundesregierung aus den mehr als 50 Millionen Euro, die für die Prävention von Krankheiten bereitstehen, macht«, kommentiert Schinnenburg. »Statt Gelder unkontrolliert mit der Gießkanne zu verteilen, sollte die Bundesregierung besser dafür Sorge tragen, dass die Gelder in Programme fließen, deren Erfolg messbar ist.«

Das Budget für Präventionsleistungen legt die Regierung mit dem Haushalt für das jeweils kommende Jahr fest. Der Etat steigt: Für 2019 hatte der Bund 58,4 Millionen Euro für diesen Bereich eingeplant. Im aktuellen Haushaltsentwurf für 2020 schlägt Prävention bereits mit rund 63,5 Millionen Euro zu Buche. Das Geld weist das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) vor allem der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zu, die damit zum Beispiel Aufklärungskampagnen bezahlt.

Auf die Frage der PZ, ob das Ministerium künftig auch die Apotheker stärker in entsprechende Angebote einbeziehen möchte, verweist das BMG auf den Kabinettsentwurf des Apotheken-Stärkungsgesetzes: Die darin geplanten neuen pharmazeutischen Dienstleistungen können der Deutsche Apothekerverband und der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherung demnach auch dazu nutzen, den Offizinen mehr Aufgaben zur Vermeidung von Krankheiten und deren Verschlimmerung zu übertragen.

Apotheker und Ärzte kooperieren

Ein Beispiel dafür, wie Pharmazeuten sich strukturiert und in Absprache mit der Ärzteschaft in der Primär- und Sekundärprävention von Volkskrankheiten engagieren können, ist die Kommission Apotheker in der Diabetologie. Alexander Risse, leitender Arzt des Diabeteszentrums am Klinikum Dortmund und Vorsitzender der Kommission, schätzt die Zusammenarbeit mit den Pharmazeuten, wie er im Gespräch mit der PZ betont. »Da, wo Apotheker qualifiziert sind, lässt sich die Beratung der Betroffenen deutlich verbessern.« Die Menschen seien sehr dankbar für den Service, berichtet er. »Wir haben hier vor Ort zwei Offizinen, die sich in der Diabetiker-Betreuung besonders engagieren. Da gehen meine Patienten gern hin.«

Mit besonderem Engagement meint Risse, dass jeweils mindestens ein Pharmazeut eine von der Kommission Apotheker in der Diabetologie entworfene Intensivfortbildung absolviert hat. Der Kurs vermittelt neben (patho-)physiologischen, klinischen und pharmakologischen Kenntnissen zum Beispiel auch, wie es gelingen kann, Diabetiker zu ihrer Erkrankung zu schulen und so die Eigenverantwortung zu stärken. Ein dreitägiges Praktikum in einer Diabetesklinik oder Schwerpunktpraxis komplettiert das Curriculum. Inzwischen haben bereits rund 5000 Apotheker in Deutschland an der Fortbildung teilgenommen.

Hinter der im Jahr 2000 gegründeten Kommission stecken die Bundesapothekerkammer (BAK) und die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG). Ihr gemeinsames Ziel ist es, die Zusammenarbeit von Diabetologen und Apothekern zu harmonisieren und zu vertiefen. Dazu sei es zunächst nötig gewesen, gewisse Vorbehalte abzubauen, erklärt Risse. »Es gibt traditionell große Animositäten zwischen der Ärzteschaft und den Apothekern«, sagt er. »Die Konflikte entstehen meist bei Medikation und Verschreibung, wo der Apotheker einfach besser ist.«

Der Zusammenschluss aus BAK und DDG war in seinen Anfangszeiten auf heftigen Widerstand gestoßen, insbesondere innerhalb der Ärzteschaft. »Das war ein großes Politikum«, erinnert sich der Diabetologe. Um den Medizinern ihre Ängste zu nehmen, entschied sich die Kommission, zunächst ein Konsensuspapier aufzusetzen, in dem sie die Rolle der Heilberufler klar definierte. »Es war ganz wichtig, dass sich die Apotheker nicht in die Therapie einmischen und die Hoheit beim Arzt bleibt«, hebt Risse hervor. Dennoch: »Krankheitsbild und Folgeerscheinungen sind so komplex, dass wir Ärzte eigentlich jede Hilfe gebrauchen könnten.«

Dem Papier zufolge sollen die Apotheker vor allem für Arzneimittelfragen, aber auch bestimmte Präventionsangebote zuständig sein. Dazu zählen die Information der Öffentlichkeit über die Erkrankung und ein sogenanntes Risikoscreening. Dabei spricht der Pharmazeut Menschen an, bei denen er Hinweise auf ein erhöhtes Diabetes-Risiko erkennt, schätzt das Ausmaß ein und empfiehlt darauf basierend weitere Schritte – von regelmäßigen Kontrollen bis hin zu einem umgehenden Besuch beim Arzt.

Zusätzlich zur Primärprävention, also dem Identifizieren von Personen mit erhöhtem Diabetes-Risiko, kann das Apothekenpersonal laut Risse auch in der Sekundärprävention eine wertvolle Stütze für den Behandler sein. »Oft werden Apotheker an Stellen aufmerksam, wo es der Arzt gar nicht sieht«, gibt er zu bedenken. Verlangt ein Diabetiker etwa nach schwarzer Zugsalbe, könne ein Arzneimittelexperte schnell darauf schließen, dass möglicherweise eine Fußverletzung dahintersteckt. Zudem erfahre der Apotheker in der Beratung oft kritische Details, die der Patient beim Arzt nicht erwähnt hat.

Risse nimmt die Pharmazeuten als verlässliche Partner wahr und ist damit offenbar nicht allein. »In der Kommission sitzen Ärzte, die den Apothekern sogar gern noch mehr Kompetenzen übertragen würden als bisher.« Der Experte für das diabetische Fußsyndrom möchte die Füße seiner Patienten am liebsten von den Offizinen untersuchen lassen. Eine entsprechende Arbeitsanweisung hat die Kommission bereits vorgelegt und auf der Website der ABDA zum Download bereitgestellt. Der Facharzt fürchtet jedoch, dass seine Kollegen da nicht mitspielen werden. »Die Resonanz bei den Ärzten zur Zusammenarbeit mit den Apothekern ist verhalten«, räumt er ein. Inzwischen sei das Thema jedoch auch unter Medizinern nicht mehr so negativ besetzt wie in der Vergangenheit.

Von der Politik wünscht sich Risse deutlich mehr Unterstützung: Dem BMG stehen demnach alle Türen offen, die Versorgungssituation von Diabetikern zu verbessern. Eine Möglichkeit wäre es, eine Studie in Auftrag zu geben mit dem Ziel, den Nutzen einer strukturierten, interdisziplinären Betreuung für die Patienten zu belegen. »So etwas kostet viel Geld, das weder die DDG noch die BAK aufbringen können.« Langzeitstudien seien zwar in Berlin oft schwierig zu verkaufen. »Aber Diabetes ist eine Volkskrankheit, da muss die Politik irgendwann ran.«

Wandel des Apothekerberufs

Vor dem Hintergrund, dass Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) derzeit einen Wandel für den Apothekerberuf einläutet, hält Risse die Zeit für reif, den Pharmazeuten mehr Aufgaben in der Diabetesprävention zu übertragen. »Ich stehe diesbezüglich voll hinter Herrn Spahn.« Es gelte nun, Projekte wie das seiner Kommission politisch zu stärken und vonseiten der Kassen auch zu bezahlen.

Wenn es nach Risse geht, sollen bald möglichst viele seiner Patienten von den Diensten der Apotheker profitieren. Auch für Medikationsanalysen in den Offizinen und Konzepte wie pharmazeutische Sprechstunden, bei denen der Apotheker den Patienten regelmäßig zu seinen Arzneimitteln berät, kann sich der Facharzt begeistern. »Das sind Projekte, mit denen man sofort anfangen könnte.«

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