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ABDA

»Der Chef gehört auf die Bühne«

11.12.2012  18:04 Uhr

Von Daniel Rücker / Ab Januar 2013 ist Friedemann Schmidt Präsident der ABDA. In den nächsten vier Jahren will er die Rolle der Apotheker im Gesundheitswesen deutlich stärken. Dazu müssten die Honorierung und die Approbationsordnung der Apotheker weiterentwickelt werden. Auch in der internen Kommunikation will er neue Wege gehen.

PZ: Was muss ein ABDA-Präsident können?

 

Schmidt: Der Chef gehört auf die Bühne. Der ABDA-Präsident muss den Berufsstand persönlich repräsentieren. Er muss der Apothekerschaft ein Gesicht geben und für sie sprechen. Und er muss vermitteln können.

 

PZ: Wo sehen Sie Ihre Stärken?

 

Schmidt: Ich habe in mehr als zehn Jahren beim Fernsehen gelernt, medial zu präsentieren. Ich bin kamerafest und kann in schwierigen Situationen die richtigen Worte finden, meistens zumindest. Ich denke, dass ich auch gut in Kontroversen moderieren kann, denn ich mache seit 20 Jahren berufspolitische Arbeit.

 

PZ: Muss der ABDA-Präsident Teamplayer oder Einzelkämpfer sein?

Schmidt: Als Vize habe ich ABDA-Präsident Heinz-Günter Wolf viele Jahre begleitet. Der war immer beides. Das muss auch so sein. Denn der ABDA-Präsident ist in den Gremien verwurzelt und muss deren Beschlüsse vertreten. Hier ist er Teamplayer. Es gibt aber auch immer wieder Situationen, in denen der Präsident schnell und allein entscheiden muss. Die Freiheit muss er haben.

 

PZ: Was wird Ihre wichtigste Aufgabe in den kommenden vier Jahren sein?

 

Schmidt: Fast alle Gesundheitspolitiker, mit denen ich in letzter Zeit geredet habe, wollen die Apotheker stärker in die Verantwortung nehmen. Das ist auch das Resultat der Politik von Heinz-Günter Wolf, die pharmazeutischen Aufgaben der Apotheker stärker zu betonen. Diesen Weg gehen wir weiter. Wir haben mehr Verantwortung gefordert, jetzt gibt es die Gelegenheit, dies umzusetzen. Die dürfen wir nicht verstreichen lassen.

 

PZ: Was bedeutet dies für die Apothekerschaft?

 

Schmidt: Wir müssen sicherstellen, dass alle Apotheker, die den Weg mitgehen wollen, über die notwendigen Kompetenzen verfügen. Außerdem brauchen wir ein neues Honorar­system, dass eine angemessene Vergütung von Leistungen ermöglicht. Hier muss die ABDA etwas entwickeln und mit der Politik abstimmen, was der DAV dann mit den Kassen verhandeln kann.

 

PZ: Eine Umstellung der Honorierung wäre eine sehr große Aufgabe. Wie wollen Sie die angehen?

 

Schmidt: Natürlich wird es weiter eine packungsbezogene Vergütung geben. Daneben muss eine tragfähige Säule leistungsorientierter Vergütung aufwachsen. Dabei denke ich zunächst an Leistungen im unmittelbaren Zusammenhang mit der Arzneimitteltherapie. Wir müssen unsere Abhängigkeit von der Packungszahl reduzieren, die Risiken sind dort einfach zu groß. Die Schweizer Apotheker sind hier schon deutlich weiter als wir. Dort tragen Dienstleistungen zu einem erheblichen Anteil zum Honorar bei, auch wenn das dortige Modell entscheidende Schwächen hat.

 

PZ: Was bedeutet diese Veränderung des Berufsbildes für die Ausbildung der Apotheker?

 

Schmidt: Ich halte unsere derzeitige Approbationsordnung nicht für zukunftsfähig. Sie zielt auf die Vielfalt des Apothekerberufs. In Zukunft wird sich die Apothekerausbildung stärker an der Arbeit in öffentlichen Apotheken ausrichten müssen. Das ist keine mangelnde Wertschätzung für Apotheker in der pharmazeutischen Industrie oder der Verwaltung. Ich sehe aber ein deutliches Auseinanderdriften der Fertigkeiten, die in den unterschiedlichen Tätigkeitsfeldern der Apotheker gebraucht werden und glaube, dass sich das Schicksal des Berufes in der Offizin entscheiden wird. Dem müssten wir stärker Rechnung tragen. Apotheker, die in der Offizin oder im Krankenhaus arbeiten, müssen patientenbezogen und gesundheitswissenschaftlich ausgebildet sein, ohne die naturwissenschaftliche Basis zu verlieren. Sie könnten dann eine wichtige Portalfunktion im Gesundheitssystem übernehmen.

 

PZ: Das ABDA-KBV-Modell ist eines der wichtigsten Projekte der Apotheker, das andere ist die gerade gestartete Pharm-CHF-Studie, in der getestet wird, ob Herzinsuffizienz-Patienten von einer intensiven Betreuung von Apothekern profitieren. Welche Bedeutung haben die Ergebnisse der beiden Projekte für die Zukunft der Apotheker?

 

Schmidt: Die Pharm-CHF-Studie und das ABDA-KBV-Modell sind zwei qualitativ sehr hoch stehende Projekte, mit denen wir anhand von klinischen Endpunkten bestätigen wollen, dass Apotheker in der Lage sind, die Versorgung von Patienten zu verbessern. Das ist sehr wichtig für uns, denn in einer Welt knapper Ressourcen muss man seine Ansprüche gut begründen können.

 

Dennoch wäre es falsch, die beiden Projekte als schicksalhaft für die Apotheker zu bezeichnen. Ich glaube an den Erfolg, würde mich aber auch von Misserfolgen nicht vom Kurs abbringen lassen.

 

PZ: Wie bewerten Sie die politische Arbeit der ABDA im vergangenen Jahr? Lange Zeit sah es so aus, dass die Apotheker womöglich gar nichts erreichen würden. Am Ende wurde dann zumindest etwas erreicht. War das ein Erfolg oder ein Misserfolg?

 

Schmidt: Ich kann gut verstehen, dass viele Apotheker nicht zufrieden sind mit den Ergebnissen dieses Jahres. Das liegt auch an einem unglücklichen Erwartungsmanagement unsererseits und an nicht realistischen Erwartungen an der Basis. Man muss aber neben der Vergütungsfrage auch die anderen berufspolitischen Felder anschauen, auf denen wir gekämpft haben.

 

Aus meiner Sicht ist eine Gesamtbilanz des Jahres erst möglich wenn der Abschlag für 2013 feststeht. Sollten wir zu einem Betrag um 1,75 Euro oder etwas darunter kommen, dann haben wir ein insgesamt vertretbares Ergebnis erreicht. Natürlich haben wir dabei auch Fehler gemacht, aus denen wir lernen werden.

 

PZ: 2012 war wegen der Auswirkungen des Arzneimittelmarkt-Neuordnungsgesetzes ein sehr schwieriges Jahr für die Apotheker. Das hat das Verhältnis der Mitgliedsorganisationen untereinander, aber auch zur ABDA belastet. An der Basis hat es ebenfalls rumort. Der ABDA wird mangelnde Transparenz vorgeworfen. Wie bewerten Sie die Entwicklung?

 

Schmidt: Der Ärger der Basis richtet sich, da haben sie recht, ganz direkt auf die ABDA-Spitze. Hier müssen wir einen neuen Kommunikationsweg aufbauen. Heute gibt es für den ABDA-Präsidenten kaum eine Möglichkeit, direkt mit der Basis zu kommunizieren. Das läuft praktisch immer über die Mitgliedsorganisationen. Ich halte das für unbefriedigend. Ich möchte als ABDA-Präsident nicht die Zielscheibe abgeben ohne die Möglichkeit, mich zu wehren. Insofern wird sich an der internen ABDA Kommunikation viel ändern.

 

Auch den Ärger mancher Mitgliedsorganisation kann ich verstehen. Wir haben bei bestimmten Projekten der letzten Jahre etwas unglücklich agiert, ich erinnere an den geplanten Erwerb des neuen Bürogebäudes. Auch bezüglich des ABDA-Haushaltes sind die Interessen der Mitglieder manchmal nur noch schwer zur Deckung zu bringen. Eine Debatte über Aufgaben und zukünftige Finanzierung der ABDA ist deshalb unverzichtbar und muss sofort beginnen. Ziel bleibt aber immer eine gemeinsame Linie.

 

PZ: Wie soll das gehen?

 

Schmidt: Ich möchte die Bedeutung des Gesamtvorstandes stärken. Hier sind die Präsidenten und Vorsitzenden aller Landesorganisationen versammelt. Er ist das richtige Gremium für wichtige Entscheidungen. Wir überlegen, wie wir die Beteiligung ausbauen können, ohne zusätzliche Sitzungstermine zu schaffen. Ein stärkerer Gesamtvorstand könnte die Mitwirkung aller Mitgliedsorganisationen an wichtigen Entscheidungen sicherstellen und damit mehr Vertrauen schaffen.

 

Wenn wir den Gesamtvorstand stärken, dann erwarte ich aber auch die Loyalität der Mitglieder zu ihren eigenen Entscheidungen. Ich habe kein Interesse daran, den Blitzableiter in den Mitgliedsorganisationen zu spielen, wenn deren Chefs einer Entscheidung zuvor selbst zugestimmt haben. Wer Verantwortung im Gesamtvorstand übernimmt, der muss in seiner Organisation diese Entscheidungen auch erklären und verteidigen.

 

PZ: Den Druck auf die ABDA haben in diesem Jahr die Onlinemedien verstärkt. Wie wollen Sie in Zukunft mit denen umgehen?

 

Schmidt: Ich finde Vielfalt gut. Wir leben in einer neuen Medienwelt, die uns viele Möglichkeiten bietet, aber natürlich auch Schwierigkeiten bereiten kann. Etwa, wenn Informationen öffentlich werden, die noch nicht abgestimmt sind. Das kann uns im Einzelfall sehr schaden, ist aber nicht das Problem dieser Medien. Wir müssen lernen, mit den neuen Möglichkeiten der Artikulierung und der Mitwirkung richtig umzugehen und sie für uns zu nutzen

 

PZ: Wie soll die pharmazeutische Welt zum Jahresende 2016 aussehen?

 

Schmidt: Ich wünsche mir, dass wir den Verlust an Apotheken in Deutschland stoppen können. Eine flächen­deckend sichere Versorgung aus öffentlichen Apotheken ist das oberste Gebot unserer Politik. Außerdem wünsche ich mir, dass wir bei der Einführung neuer Leistungen weitergekommen sind. Das ABDA-KBV-Modell soll die Kassen davon überzeugen, dass es immer besser mit den Apothekern geht als ohne sie. Und dann sollte es uns auch gelingen, die Situation beim pharmazeutischen Nachwuchs zu entspannen. Wir brauchen mehr Absolventen von den Universitäten und auch mehr PTA. /

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