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ABDA-Wahlkampf

»Das Ohr an der Basis«

21.09.2016
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Von Christiane Berg, Hamburg / Am 7. Dezember 2016 tritt der Präsident der Apothekerkammer Hamburg, Kai-Peter Siemsen, als Gegenkandidat von Friedemann Schmidt zur Wahl des ABDA-Präsidenten an. Die PZ fragte nach Motiven und Konzepten.

PZ: Herr Siemsen, Sie haben sich stets als Anhänger von Friedemann Schmidt und Verfechter der ABDA-Politik gezeigt. Ausdrücklich, ja geradezu euphorisch, haben Sie und die Apothekerkammer Hamburg die Wahl von Friedemann Schmidt im Januar 2013 begrüßt. Was ist passiert?

Siemsen: Ja, das stimmt. Ich war stets einer seiner größten Verfechter und kann auch heute noch sagen, dass er von den jeweils 17 Kammerpräsidenten und Vereinsvorsitzenden der begabteste Redner und brillanteste Rhetoriker ist. Doch ist Rhetorik nicht alles. Auf Reden müssen Taten folgen. Friedemann Schmidt versteht sich als Moderator. Die ABDA ist jedoch keine Talkshow, die man moderieren kann und muss. Ihre Aufgabe ist die Durchsetzung der Forderungen der Apotheker im knallharten politischen Geschäft. Hier ist es notwendig, klare Kante zu zeigen. Das kommt mir derzeit zu kurz.

 

PZ: In der Meldung der Apothekerkammer Hamburg zu Ihrer Kandidatur heißt es, dass sich zudem nur durch eine Neuausrichtung des Amts des ABDA-Präsidenten wieder mehr Nähe zu den Mitgliedsorganisationen und damit zu den Kollegen vor Ort herstellen lässt. Wie kann eine solche Neuausrichtung aussehen?

 

Siemsen: Die Satzung der ABDA gibt eindeutig vor, dass die Mitgliedsorganisationen die politische Ausrichtung und Zielsetzung bestimmen. Damit sie dies tun können, müssen sie nicht nur Gelegenheit haben, intensiv in der Sache zu streiten. Sie müssen auch gehört und auf Augenhöhe behandelt werden. Leider musste ich feststellen, dass dies immer weniger der Fall war und ist, ja die Diskussionen sogar als nicht erwünscht betrachtet oder gar verhindert wurden. Das muss sich ändern. Aus meinem Verständnis heraus muss es zukünftig unter anderem eine regelmäßige Klausurtagung geben, in der die Effektivität der gemeinsamen politischen Aktivitäten beleuchtet und gegebenenfalls neu justiert wird. Eine solche Tagung wird auf meine Initiative und mein wiederholtes Drängen hin zu Beginn des kommenden Jahres durchgeführt. Für die Klärung der für die Bundestagswahl relevanten Themen kommt sie zu spät.

 

PZ: Und wie sieht Ihr ganz ureigenes Amtsverständnis aus?

 

Siemsen: Kai-Peter Siemsen als ABDA-Präsident wird deutlich offener und ansprechbarer für die Mitgliedsorganisationen und auch die einzelnen Apotheker sein. Ich möchte das Ohr an der Basis haben, die Sorgen, Kritik und die Wut der Kollegen kennen und verstehen. Ich will wissen, wo es brennt. Und ich will meine Argumente und meine Beweggründe, wenn sie nicht ankommen, im persönlichen Gespräch erklären.

 

PZ: Ob auf Kammerversammlungen oder in Online-Foren: Es gibt Kritik an der Arbeit der ABDA. Die Rede ist von verkrusteten Strukturen. Wenn dem so ist: Wie kann es gelingen, diese Strukturen aufzubrechen?

 

Siemsen: Ja, das lese und höre ich auch immer wieder. Dass liegt daran, dass wir alle in der ABDA es bislang nicht geschafft haben, mehr Transparenz und Offenheit zu leben und besser mit der nicht organisierten Basis zu kommunizieren. Das zu ändern ist eines meiner Hauptziele. Der Apothekertag steht vor der Tür. Ich möchte daher unbedingt erwähnen, dass in diesem Zusammenhang unter anderem auch die bessere Information der Kollegenschaft über den jeweiligen Grad der Umsetzung beziehungsweise Bearbeitung der verabschiedeten oder in den Ausschuss verwiesenen Anträge wichtig ist. Als ABDA-Präsident werde ich mich für die bereits 2014 auf dem Apothekertag geforderte, jedoch abgelehnte Datenbank engagieren, in der der jeweilige Sachstand zu den Anträgen berufsöffentlich gemacht wird. Die Kollegen müssen auch hier deutlich sehen können, was wir bei der ABDA tun und dürfen nicht – wie oftmals angenommen und beklagt – den Eindruck haben, dass die Anträge in Berlin in der Versenkung verschwinden.

 

PZ: Sie gelten als durchsetzungsfähiger Kandidat, der – obwohl in Südafrika geboren–über norddeutsche Gelassenheit und Standfestigkeit verfügt. Wie wollen Sie die Apotheker bundespolitisch wahrnehmbarer machen?

 

Siemsen: Ich bin Hamburger – durch und durch. Ich könnte mich sogar geborener Hamburger, also Hamburger in dritter Generation nennen, wenn meine Eltern nicht beide zum Zeitpunkt meiner Geburt, also 1962, vorübergehend in Kapstadt gearbeitet hätten. Der Hamburger ist verlässlich, Handschlag genügt. Und er ist bekannt dafür, hartnäckig und konsequent seine wirtschaftlichen Ziele zu verfolgen. Stringent und zielgerichtet. So müssen wir Apotheker uns auf bundespolitischer Ebene darstellen. Wir müssen unsere Leistungen, Meinungen und Forderungen bei jeder Gelegenheit mit Persönlichkeit und Präsenz öffentlich vortragen und uns immer wieder deutlich positionieren. Das gilt übrigens nicht nur für die Politik, sondern auch im Miteinander mit den Ärzten. Wir müssen uns erkennbar und bestimmt artikulieren. Nur so ist eine gute Kooperation und Zusammenarbeit möglich. Auch hier gilt es, Souveränität und Selbstbewusstsein zu demonstrieren. Dabei ist immer gegenseitiger Respekt angezeigt.

 

PZ: Welches sind die größten Herausforderungen, die die Apotheker in den nächsten Jahren werden meistern müssen?

 

Siemsen: Wir werden uns verstärkt weg vom Kaufmann hin zum Heilberufler entwickeln müssen. Mit Blick auf Logistik sind andere besser als wir. Daran werden wir die Ausbildung anpassen müssen. Wir müssen dafür sorgen, dass die Strukturen der Freiberuflichkeit erhalten bleiben. Und neben einer adäquaten Honorierung auch für die Implementierung einer Gebührenordnung für pharmazeutische Dienstleistungen sorgen. Als weitere große Herausforderung betrachte ich die Digitalisierung im Gesundheitswesen. Da sind wir ja bereits auf dem richtigen Weg.

 

PZ: Einige große Apotheken sowie einige Verbände und Kooperationen würden wirtschaftlich und berufspolitisch nur zu gern eigene Wege gehen. »Die ABDA muss sich von der Vorstellung lösen, auch die letzte Apotheke im bayerischen Wald vertreten zu können«, hieß es zum Beispiel beim Kooperationsgipfel 2015 in München. Wie wollen Sie einer möglichen Zersplitterung des Berufsstands auch vor diesem Hintergrund entgegen wirken?

 

Siemsen: Die ABDA vertritt die Gesamtheit aller Apotheker. Das muss sie auch. Diese Apotheken, Verbände und Kooperationen wollen sich–und das ist legitim–wirtschaftlich besser stellen. Sie verfolgen jedoch nur Partikularinteressen und vergessen, dass auch sie nur auf der generellen Basis der Institution Apotheke existieren. Aufgabe der ABDA ist es, das große Ganze zu sehen und zu schützen, das sowohl dem wirtschaftlichen Gedeihen der Apotheke als auch dem gesundheitlichen Wohl der Patienten dienen muss. Das ist unser aller Existenzberechtigung.

 

PZ: Mehr Nähe, mehr Verständnis, ein Präsident zum Anfassen: Was gibt Ihnen den Mut und den Optimismus, dass es Ihnen als ABDA-Präsident gelingen wird, den grundlegenden Sachzwängen der Standes- und Berufspolitik zu widerstehen?

 

Siemsen: Ich will diesen Zwängen nicht widerstehen, sondern sie in Einklang bringen mit meinem persönlichen Verständnis von Kollegialität, Fairness und guten Gepflogenheiten eines partnerschaftlichen Miteinanders. Das scheint mir umsetzbar.

 

PZ: Friedemann Schmidt und Mathias Arnold gibt es, so haben sie gesagt, nur im Doppelpack. Wen wissen Sie an Ihrer Seite?

 

Siemsen: Dass Mathias Arnold und ich gut zusammenarbeiten können, haben wir im Rahmen unserer vierjährigen gemeinsamen Arbeit im PR-Ausschuss der ABDA bewiesen. Des Weiteren habe ich in einem Brief an alle Mitgliedsorganisationen der ABDA die Gründe für meine Kandidatur dargelegt. Der Großteil hat darauf bereits reagiert und mein Angebot für weitere Gespräche angenommen. Ich habe viele Einladungen zu Delegiertenversammlungen und Vorstandssitzungen erhalten, die ich–soweit es vor dem 7. Dezember noch machbar ist–wahrnehmen werde. Ich weiß viele der Mitgliedsorganisationen hinter mir, so dass ich hier guter Dinge bin. /

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