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Gesundheitsversorgung

Ab 2020 deutlich mehr Bedarf

11.12.2012  19:09 Uhr

Von Stephanie Schersch, Berlin / Die Anforderungen an die Gesundheitsversorgung in Deutschland werden ab 2020 deutlich steigen und 2040 den Höhepunkt erreichen. Das geht aus einer Studie des Kieler Instituts für Gesundheits-System-Forschung hervor, die der Leiter des Instituts Professor Fritz Beske vergangene Woche in Berlin vorgestellt hat.

Demnach werden immer mehr Behandlungen erforderlich, obwohl die Bevölkerungszahl bis 2060 um 17 Millionen auf dann 65 Millionen zurückgeht. Aufgrund der steigenden Lebenserwartung müssen vor allem komplexe und personalintensive Leistungen häufiger erbracht werden, so zum Beispiel intensivmedizinische und schlaganfallbedingte Behandlungen. Lediglich die Zahl der Leistungen für Kinder und Jugendliche geht zurück.

Die Autoren der Studie haben ausschließlich untersucht, wie sich die demografische Entwicklung auf die Bereiche Krankenhaus- und Arzneimittelversorgung sowie die ambulante vertragsärztliche Versorgung auswirkt. Alle anderen Einflussfaktoren blieben unberücksichtigt. »Kein Land Europas hat eine so ungünstige Altersstruktur seiner Bevölkerung wie Deutschland«, sagte Beske. Grund dafür seien die Auswirkungen zweier Weltkriege, die Baby-Boomer-Jahrgänge und der darauf folgende sogenannte Pillenknick Mitte der 60-er Jahre. Deutschland hat seitdem die niedrigste Geburtenziffer in Europa.

 

Im Krankenhaus werden der Studie zufolge in Zukunft sehr viel häufiger Operationen vorgenommen werden. Zwischen 2010 und 2040 steigt deren Zahl voraussichtlich um bis zu 90 Prozent. In ihren Berechnungen haben die Wissenschaftler insgesamt 13 umsatz- und verordnungsstarke Arzneimittelgruppen berücksichtigt. Gesetzliche und Private Krankenversicherung geben demnach bis 2040 mit 39,3 Milliarden Euro insgesamt 16 Prozent mehr für Medikamente aus als 2010. Während in diesem Jahr jedem Einwohner durchschnittlich 494 Tagesdosen Arzneimittel verordnet wurden, werden es 2040 voraussichtlich 635 sein. 2050 liegt dieser Wert sogar bei 651. Lediglich bei den Immuntherapeutika wird es laut Studie einen Rückgang der Verordnungszahlen geben.

 

Kaum vorbereitet

 

Den größten Handlungsbedarf sieht Beske in der Versorgung der Pflegebedürftigen. Zwischen 2009 und 2050 verdoppelt sich ihre Zahl beinahe und steigt von 2,34 auf 4,56 Millionen. Dabei gibt es immer mehr stark pflegebedürftige Menschen. Bis zum Jahr 2060 werden den Berechnungen zufolge daher mehr als 780 000 zusätzliche Pflegekräfte benötigt. Die Ausgaben der Pflegeversicherung steigen zwischen 2009 und 2060 allein aufgrund der Bevölkerungsentwicklung von 19,7 auf 41,6 Milliarden Euro.

 

Deutschland sei auf diese Entwicklung »nicht im Ansatz vorbereitet«, kritisierte Beske. In allen Ländern Europas würden die Ausgaben im Gesundheitssystem gekürzt, mit Ausnahme von Malta und Deutschland. »Gehandelt wird offenbar erst, wenn das Haus brennt.« Dabei müsse man jetzt dafür sorgen, dass auch künftig jeder zumindest die medizinisch notwendige Versorgung erhalte. /

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