Pharmazeutische Zeitung online
Demografischer Wandel

Kein Grund zur Panik

18.03.2013
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Von Stephanie Schersch / Die Deutschen werden immer älter und bekommen weniger Kinder als früher, soviel steht fest. Doch ein Krieg der Generationen droht deshalb noch lange nicht. Denn die Entwicklung ist keinesfalls so dramatisch, wie sie oft dargestellt wird – und viele der demografischen Probleme sind lösbar.

Es ist ein trauriger Rekord: In kaum einem anderen Land der Welt bringen Frauen so wenige Kinder zur Welt wie in Deutschland. Auf 1000 Einwohner kommen hierzulande nur acht Neugeborene. Im Jahr 2010 war nicht einmal jeder siebte Bundesbürger jünger als 15 Jahre, mehr als jeder fünfte hatte hingegen bereits seinen 65. Geburtstag hinter sich. Weltweit hat nur Japan eine noch ältere Bevölkerung.

 

Glaubt man den Statistiken, setzt sich die Alterung der deutschen Gesellschaft in den kommenden Jahren ungehindert fort. Das liegt nicht nur an der sinkenden Geburtenzahl, sondern hängt auch mit der steigenden Lebenserwartung zusammen. Sie wird 2060 für neugeborene Jungen bei 85 Jahren liegen. Mädchen werden dann im Schnitt sogar 89 Jahre alt werden, wie aus der zwölften koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamts hervorgeht. Demnach steigt die Zahl Hochbetagter in den kommenden Jahren deutlich. Jeder Siebte wird 2060 bereits 80 Jahre oder älter sein, jeder Dritte hat dann immerhin schon 65 Jahre durchlebt.

Diese Entwicklung stellt die sozialen Sicherungssysteme in Deutschland auf eine harte Probe. Das wird sich ab 2020 sehr deutlich zeigen, wenn die Generation der sogenannten Babyboomer das Rentenalter erreicht.

 

Unabwendbare Katastrophe?

 

Während 2010 etwa 50 Millionen Menschen im Erwerbsalter zwischen 20 und 65 Jahre waren, werden es in gut 50 Jahren rund 30 Prozent weniger sein (Grafik). 34 Senioren im Alter von 65 und mehr kamen 2010 auf 100 Personen im Erwerbsalter – 2060 werden es mit bis zu 67 Rentnern beinahe doppelt so viele sein. Langfristig schrumpft darüber hinaus die Einwohnerzahl Deutschlands von heute rund 82 Millionen auf voraussichtlich nur noch 65 bis 70 Millionen im Jahr 2060. Diese Entwicklung können auch Zuwanderer aus dem Ausland nicht stoppen. Das sogenannte Wanderungssaldo, also die Zuzüge nach Deutschland minus Fortzüge in andere Länder, wird Schätzungen zufolge künftig zwischen 100 000 und 200 000 Personen im Jahr liegen.

 

Für Pessimisten steht angesichts dieser Zahlen die unabwendbare Katastrophe bevor. Sie warnen vor der Vergreisung Deutschlands und einem Krieg der Generationen. Der Mathematikprofessor und langjährige Politikberater Gerd Bosbach hält diese Schreckensvisionen für reine Panikmache. Er verweist auf die Unsicherheiten, die mit langfristigen Vorausberechnungen verbunden sind. »Bevölkerungsprognosen für die nächsten 50 Jahre sind völlig unseriös«, sagt Bosbach im Gespräch mit der Pharmazeutischen Zeitung. Das mache ein Blick in das Jahr 1950 deutlich. Eine Prognose von damals hätte für das Jahr 2000 zwangsläufig Einiges übersehen: den Babyboom um 1960, die Entwicklung der Antibabypille, den Zuzug der »Gastarbeiter« und ihrer Familien, den Trend zu Kleinfamilien oder zum Singledasein, die Auflösung des Ostblocks und die damit verbundene Zuwanderung von etwa drei Millionen Aussiedlern. »Strukturbrüche ähnlicher Größenordnung werden auch in Zukunft stattfinden und drastische Auswirkungen haben.« Damit werde jede langfristige Prognose zur Makulatur.

 

Bosbach zieht eine weitere Lehre aus der Vergangenheit. »Die demografische Revolution steht nicht vor uns, sondern wir haben sie in den letzten gut hundert Jahren bereits bewältigt.« So sei der Anteil der Über-65-Jährigen zwischen 1900 und 2000 mehr als doppelt so stark gestiegen, als für die nächsten 50 Jahre prognostiziert wird. Der Anteil der Kinder und Jugendlichen an der Gesamtbevölkerung sei darüber hinaus von 44 auf etwa 21 Prozent gefallen. Dennoch sei der Wohlstand gestiegen und ein Ausbau der Sozialsysteme erfolgt. »Altern und weniger Kinder erzwingen also keinesfalls einen Abbau sozialer Leistungen.« Als Grund für diese Entwicklung verweist Bosbach auf die wachsende Produktivität, die auch in Zukunft weiter steigen werde. Selbst ein geringfügiger Anstieg des Brutto­inlands­produkts um nur 1 Prozent pro Jahr könne den demografischen Wandel abfedern.

Umstrittener Altenquotient

 

Wenn es um die wachsende Last der Erwerbstätigen geht, wird kaum ein Wert häufiger bemüht als der sogenannte Altenquotient. Er beschreibt die Anzahl der Rentner, die auf 100 Personen im Erwerbsalter kommen und wird sich, wie bereits erwähnt, bis zum Jahr 2060 nahezu verdoppeln. Bosbach hält diese Größe für wenig aussagekräftig. Denn der arbeitende Teil der Bevölkerung müsse nicht nur die Senioren ernähren. Auch Kinder und Jugendliche benötigten Lebensmittel, Kindergärten, Schulen und vieles mehr.

 

Das Statistische Bundesamt hat diese Tatsache in seiner Vorausberechnung durchaus berücksichtigt. Die Ergebnisse werden in den Medien allerdings selten zitiert. Betrachtet man nun Kinder und Rentner gemeinsam als Gruppe der zu versorgenden Personen, mussten 2010 100 Erwerbsfähige 64 Menschen ernähren. 2060 werden es voraussichtlich bis zu 98 sein. Das ist zwar immer noch ein stolzer Anstieg. Dennoch wächst der Anteil der zu versorgenden Personen bei dieser Betrachtungsweise lediglich um 53 und nicht um 97 Prozent, wie es der Altenquotient nahelegt. Allein durch Einbeziehung der Kinder und Jugendlichen hat sich die Dramatik nahezu halbiert.

 

Bevölkerungsprognosen seien keine Naturgewalten, betont Bosbach. Entscheidende Faktoren der demografischen Entwicklung könne die Politik mehr oder weniger stark beeinflussen. Dazu zählen die Geburtenhäufigkeit, die Zuwanderung oder die Bildung der Bürger und damit das Fachkräftepotenzial im eigenen Land.

 

Tatsächlich hat die Politik das Thema demografischer Wandel schon vor langer Zeit für sich entdeckt. Von 1992 bis 2002 gab es im Deutschen Bundestag sogar eine entsprechende Enquetekommission, die mögliche Auswirkungen einer alternden Gesellschaft bewertet und Empfehlungen für politische Entscheidungen ausgegeben hat.Einige dieser Vorschläge finden sich in der sogenannten Demografiestrategie der Bundesregierung wieder, die Schwarz-Gelb im vergangenen Frühjahr vorgestellt hat.

 

Politische Strategie

 

Unter dem Titel »Jedes Alter zählt« bündelt die Koali­tion auf insgesamt 74 Seiten verschiedene Vorhaben, die Deutschland auch unter den sich ändernden Bedingungen für die Zukunft wappnen sollen. Dabei ist sie bemüht, die Alterung der Gesellschaft vor allem als Chance darzustellen. Zum Teil fasst der Bericht allerdings lediglich bekannte Maßnahmen der einzelnen Bundesministerien zusammen und ist in diesen Punkten somit mehr Bilanz als Strategie. Wirklich konkret wird die Regierung an den wenigsten Stellen. /

Gute Noten erteilt sich die Koalition in dem Papier für die Anhebung des Renteneintrittsalters auf 67 Jahre. Seit 2012 müssen Millionen Bundesbürger länger arbeiten, wenn sie ohne Abzüge in den Ruhestand gehen wollen. Die Regierung begründet diesen Schritt mit der steigenden Lebenserwartung der Deutschen, denn »noch nie war das Verhältnis von Lebenserwartung zu Lebensarbeitszeit so positiv wie heute«.

 

Kritiker bemängeln allerdings, die Anhebung komme einer Rentenkürzung gleich, da viele Menschen etwa aus gesundheitlichen Gründen gar nicht bis zum 67. Lebensjahr arbeiten können. Tatsächlich gehen die Deutschen heute im Schnitt bereits mit 62 Jahren in den Ruhestand.

 

Veränderte Arbeitswelten

 

Aus Sicht der Koalition müssen sich die Unternehmen darauf einstellen, dass Arbeitnehmer künftig im Schnitt deutlich älter sein werden. Neuere Untersuchungen zeigten, dass ein größerer Anteil älterer Beschäftigter in der Regel mit einer höheren Produktivität verbunden sei, heißt es in der Demografiestrategie. Um die Potenziale auszuschöpfen, müssten Unternehmen altersgerechte Arbeitsbedingungen schaffen. Darüber hinaus sollten »Qualifizierung und Weiterbildung zu einem festen Bestandteil in allen Altersgruppen der Beschäftigten werden«.

 

Auch in puncto Gesund­heits­prävention sollen Unternehmen in Zukunft mehr leisten.

 

Heute bekommen Frauen in Deutschland im Schnitt 1,4 Kinder. Damit sich wieder mehr Paare für Nachwuchs entscheiden, will die Koalition die Unterstützung von Familien ausbauen. Eltern sollen mehr Wahlmöglichkeiten erhalten, wie sie Familie und Beruf miteinander vereinbaren können. Die Regierung will sich dafür einsetzen, dass mehr flexible Arbeitszeitmodelle in Betrieben entstehen. Darüber hinaus soll es mehr staatliche Förderung für haushaltsnahe Dienstleistungen geben. Das komme insbesondere Eltern zugute, die wieder in den Beruf einsteigen möchten, und Familien, die über weitere Kinder nachdenken, heißt es.

Ab 1. August 2013 haben Eltern zudem einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für Kinder im Alter zwischen einem und drei Jahren. Unklar ist allerdings, ob es tatsächlich gelingen wird, bis dahin ein ausreichendes Angebot an Krippenplätzen zu schaffen.

 

Mehr Unterstützung sagt die Regierung auch im Bereich Bildung zu, denn fehlende Fachkräfte werden Wirtschaft und soziale Sicherungssysteme künftig vor zusätzliche Herausforderungen stellen. Gezielte Förderung soll es laut Demografiestrategie insbesondere für junge Menschen aus bildungsfernen Elternhäusern und Migranten geben. Einen Schwerpunkt setzt die Koalition dabei auf einen reibungslosen Übergang von der Schule in die Ausbildung. Darüber hinaus wollen Bund und Länder mehr Geld in die Hochschulen investieren und dort unter anderem für mehr Studienplätze sorgen.

 

Neben der Fachkräftesicherung im eigenen Land will die Regierung auch qualifiziertes Personal aus dem Ausland anwerben. Dabei soll es künftig weniger bürokratische Hürden für Zuwanderer geben. So sollen etwa im Ausland erworbene Berufsabschlüsse künftig leichter anerkannt werden.

 

Taten müssen folgen

 

Bei Experten trifft die Demografiestrategie auf ein geteiltes Echo. Bosbach kann einige gute Ansätze in dem Papier erkennen. In den wesentlichen Punkten falle die Strategie aber durch »Was fehlt, ist eine massive Bildungsoffensive«, sagt er. Für den Wirtschaftswissenschaftler Professor Dr. Axel Börsch-Supan, Direktor des Munich Center for the Economics of Aging, weisen die geplanten Vorhaben in die richtige Richtung. Jetzt müsse die Regierung aber auch handeln. »Diese Maßnahmen werden nur Biss haben, wenn sie finanziell und gesetzesmäßig unterlegt werden«, sagt er.

Bis zu 4,5 Millionen Pflegebedürftige

In Deutschland wird aufgrund der demografischen Alterung auch die Zahl der Pflegebedürftigen in den kommenden Jahren deutlich steigen. Ende 2011 waren etwa 2,5 Millionen Menschen auf Pflege angewiesen. 2030 werden es voraussichtlich 3,4 Millionen sein, wie aus Daten des Statistischen Bundesamts hervorgeht. Bis zum Jahr 2050 klettert die Zahl der Pflegebedürftigen voraussichtlich auf bis zu 4,5 Millionen.

 

Das Statistische Bundesamt hat noch ein zweites Szenario zur Entwicklung der Pflegebedürftigkeit aufgestellt. Darin gehen die Experten davon aus, dass sich der Gesundheitszustand der Deutschen aufgrund von Neuerungen in der Medizin und einer gesünderen Lebensweise kontinuierlich verbessern wird. Damit sollte langfristig das Pflegerisiko in den einzelnen Altersgruppen sinken. Mit steigender Lebenserwartung verlagert sich demnach die Pflegebedürftigkeit in ein höheres Alter. In dieser Variante steigt die Zahl der Pflegebedürftigen bis 2030 auf etwa 3 Millionen und liegt 2050 bei 3,8 Millionen.

 

Im Rahmen des demografischen Wandels werden bestimmte Krankheiten darüber hinaus künftig häufiger auftreten. Für das Jahr 2030 rechnet das Statistische Bundesamt mit 26 Prozent mehr Krankenhausbehandlungen aufgrund von Herz-Kreislauf-Erkrankungen als 2008. Klinikaufenthalte wegen Krebserkrankungen sollen um etwa 17 Prozent steigen, Behandlungen von Atemwegserkrankungen um 10 Prozent. Aufgrund der sinkenden Geburtenzahl wird es auf der anderen Seite etwa ein Fünftel weniger Krankenhausfälle geben, die mit Schwangerschaft und Geburt in Verbindung stehen.

 

Deutlich steigen wird die Zahl der Demenz­kranken. Heute leben rund 1,4 Millionen Demenz­patienten in Deutschland. Nach Berechnungen der Deutschen Alzheimer-Gesellschaft könnte ihre Zahl auf bis zu 3 Millionen im Jahr 2050 steigen.

Der Regierung zufolge war die Vorlage der Demografiestrategie nur ein erster Schritt. Auf einem Gipfeltreffen im vergangenen Oktober hat sie gemeinsam mit Ländern und Kommunen sowie Verbänden und Sozialpartnern darüber beraten, wie die formulierten Ziele erreicht werden können. Insgesamt neun Arbeitsgruppen wurden eingesetzt, die bis zu einem weiteren Treffen Mitte Mai konkrete Handlungsoptionen entwickeln sollen.

 

Steigende Kassenbeiträge

 

Für die demografisch bedingten Herausforderungen im Bereich der medizinischen Versorgung sieht sich die Regierung bereits heute mit dem sogenannten Versorgungsstrukturgesetz gut aufgestellt, das Anfang 2012 in Kraft getreten ist. Das Gesetz soll insbesondere dafür sorgen, dass sich mehr Mediziner für eine Praxis auf dem Land entscheiden. Damit könne »auch in Zukunft eine flächendeckende, wohnortnahe und bedarfsgerechte Versorgung gewährleistet werden«, heißt es in der Demografiestrategie. Für eine nachhaltige und demografiefeste Finanzierung der Gesetzlichen Krankenversicherung präsentiert die Koalition hingegen kein Konzept.

 

Wie sich die Alterung der Gesellschaft langfristig auf die Krankenkassen auswirkt, hat Dr. Martin Werding untersucht, Professor für Sozialpolitik und öffentliche Finanzen an der Ruhr-Universität Bochum. Dabei gebe es jedoch erhebliche Unsicherheiten, sagt er. Denn anders als im Rentensystem, in dem sich die Ansprüche der künftigen Senioren relativ genau vorausberechnen ließen, seien präzise Aussagen über die Gesundheitsversorgung kaum möglich. »Aus heutiger Sicht ist völlig unklar, welche Leistungen die Gesetzliche Krankenversicherung in Zukunft zu welchen Kosten decken wird.«

Fortschritt als Kostentreiber

 

Relativ unstrittig ist zwar, dass die Deutschen immer älter werden. Doch wie sich die steigende Lebenserwartung auf die alterspezifische Morbidität auswirken wird, ist offen. Dabei stehen sich zwei Theorien gegenüber: Der Medikalisierungsthese zufolge steigt die Morbidität mit zunehmendem Alter deutlich. Werden die Menschen also älter, nehmen auch die Lebensjahre zu, die sie in Krankheit verbringen. Die Kompressionsthese geht hingegen davon aus, dass die Menschen mit zunehmendem Alter nicht kontinuierlich kränker werden. Vielmehr verlagert sich die Phase ausgeprägter Multimorbidität in ein höheres Alter und schwere Krankheiten ereignen sich in einem festgesetzten Zeitfenster vor dem Tod. So gesehen werden die Menschen gesünder älter.

 

Offen ist außerdem, welche Kosteneffekte der medizinisch-technische Fortschritt langfristig mit sich bringt. Sicher sei lediglich, »dass er über alle Altersgruppen hinweg zu Mehrkosten im Gesundheitsbereich führen wird«, so Werding.

 

Die Entwicklung der Kassenbeiträge hat Werding anhand verschiedener Varian­ten berechnet. Heute liegt der Beitragssatz für alle Krankenkassen bei 15,5 Prozent. Er steigt allein aufgrund der demografischen Alterung bis 2060 auf rund 19 Prozent. Entlastungen könnte es allerdings geben, wenn die altersspezifische Morbidität der Kompressionstheorie folgend tatsächlich schrumpft. Dann würde der Beitragssatz langfristig sogar nahezu stabil auf dem heutigen Niveau verbleiben.

 

In einer dritten Variante hat Werding die Effekte des medizinisch-technischen Fortschritts ermittelt. Dabei zeigt sich ein sehr deutliches Bild: Der Beitragssatz schnellt bis 2060 auf mehr als 30 Prozent in die Höhe. In der sogenannten Referenzvariante schließlich, die demografische Entwicklung, Kompression und medizinisch-technischen Fortschritt gleichermaßen berücksichtigt, liegt der Beitragssatz bei immerhin noch mehr als 20 Prozent.

 

»Das größte Risiko für die Gesundheitsausgaben sind die Kostenwirkungen des medizinisch-technischen Fortschritts«, folgert Werding. Der Blick auf die Berechnungen zeige Eines in jedem Fall sehr deutlich: »Diskussionen über die Einnahmeseite der Krankenkassen sind zweitrangig, entscheidend ist die Ausgabenseite.«

 

Sicher ist, dass die Gesundheitskosten langfristig steigen werden. Sie bleiben aber bezahlbar, wenn die Politik einige Weichenstellungen vornimmt.

 

Werding fordert ein vorausschauendes Handeln über Legislaturperioden hinweg. »Dabei muss die Politik auch eine Begrenzung des Leistungskatalogs der Krankenkassen in Erwägung ziehen.«

Pflege

<typohead type="1">»Wir brauchen mehr Geld«

In den kommenden Jahren werden deutlich mehr Menschen auf Pflege angewiesen sein als heute. Aus Sicht der Vorsitzenden des Sozialverbands Deutschland, Ulrike Mascher, müssen die Beiträge zur Pflegeversicherung steigen, um diese Entwicklung abfedern zu können.

 

PZ: Experten gehen davon aus, dass es hierzulande im Jahr 2050 bis zu 4,5 Millionen Pflegebedürftige geben wird. Ist Deutschland ausreichend darauf vorbereitet?

 

Mascher: Nein, das denke ich nicht. Bereits heute leben hierzulande 1,4 Millionen Demenzkranke, die größten­teils zu Hause von ihren Angehörigen betreut werden. In den kommenden Jahren wird ihre Zahl deutlich steigen. Unsere Pflegeversicherung konzentriert sich dennoch bis heute lediglich auf die körperlichen Einschränkungen eines Menschen. Mit der derzeitigen Einteilung in Pflegestufen werden demenziell Erkrankte daher benachteiligt. Daran hat auch die zu Beginn des Jahres in Kraft getretene Pflegereform nichts geändert. Das Gesetz bringt allenfalls punktuelle Verbesserungen für Demenzkranke und ihre Angehörigen. Ohne die längst überfällige Anpassung des Pflegebedürftigkeitsbegriffs bleibt die grundlegende Benachteiligung bestehen.

 

PZ: Abgesehen davon, dass wir eine neue Definition von Pflegebedürftigkeit brauchen: Was muss die Politik tun, um die Pflegeversicherung für die Zukunft zu wappnen?

 

Mascher: Wir brauchen mehr Geld, um echte Verbesserungen zu erreichen. Die Anhebung um 0,1 Prozentpunkte zu Jahresbeginn ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Um wirklich voranzukommen, wäre eine Anpassung um 0,5 Beitragssatzpunkte erforderlich. Darüber hinaus muss es mehr Unterstützung für Angehörige geben, sodass sie Pflege und Beruf besser mit­einander vereinbaren können. Andernfalls können wir nicht mehr lange auf die Angehörigen als größten Pflegedienst der Nation zählen.

 

PZ: Seit Anfang Januar erhalten Versicherte einen staatlichen Zuschuss, wenn sie auch privat für ihre Pflege im Alter vorsorgen. Ist das der richtige Weg, um mit dem erwarteten Kostenanstieg in der Pflege umzugehen?

 

Mascher: Grundsätzlich ist es natürlich gut, wenn die Bürger vorsorgen. Der »Pflege-Bahr« ist allerdings völlig ungenügend, um den Kostenanstieg abzufedern. Darüber hinaus halte ich eine Kapitaldeckung in der Pflegeversicherung für den falschen Ansatz. Die tatsächlichen Kosten, die in der Pflege anfallen, setzen sehr hohe Beiträge voraus und die können sich nur wenige leisten. Die Millionen-Zuschüsse für private Zusatzversicherungen wären in mehr Angeboten für Demenzkranke aus meiner Sicht besser angelegt.

 

PZ: Experten warnen seit Jahren vor einem Fachkräftemangel in der Pflege. Studien gehen von bis zu 112 000 fehlenden Pflegern im Jahr 2025 aus. Wie können wir diesen Notstand noch abwenden?

 

Mascher: Den Fachkräftemangel spüren wir bereits heute sehr deutlich. Viele Altenpfleger klagen über zu große Belastungen am Arbeitsplatz und scheiden daher vorzeitig aus ihrem Beruf wieder aus. Wir müssen unbedingt dafür sorgen, den Pflegeberuf attraktiver zu gestalten. Dazu gehören eine angemessene Bezahlung und bessere Arbeitsbedingungen. Vor allem aber müssen Pflegerinnen und Pfleger in der Gesellschaft mehr Wertschätzung erfahren für eine Arbeit, die unsere Anerkennung voll und ganz verdient.

Literatur und Quellen

  1. Statistisches Bundesamt, Bevölkerung Deutschlands bis 2060: 12. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung. Begleitmaterial zur Pressekonferenz, 2009.
  2. Statistisches Bundesamt, Auswirkungen auf Krankenhausbehandlungen und Pflegebedürftige im Bund und in den Ländern. Demografischer Wandel in Deutschland, Heft 2, 2010. Download unter: https://www.destatis.de/DE/Publikati[...]ungPflegebeduerftige.html
  3. Bosbach, G., Korff, J. J., Lügen mit Zahlen: Wie wir mit Statistiken manipuliert werden. Heyne Verlag 2011.
  4. Bosbach, G., Demografische Entwicklung: Realität und mediale Aufbereitung. Berliner Debatte Initial 3, 2006.
  5. Jedes Alter zählt. Demografiestrategie der Bundesregierung, 2012. www.demografiestrategie.de
  6. Werding, M., Bleibt das Gesundheitswesen im Laufe der demografischen Alterung finanzierbar? Vortrag im Rahmen des Spreestadt-Forums in Berlin, 4. Februar 2013.

Die Autorin

Stephanie Schersch hat Journalistik, Spanisch und Englisch an der Universität Hamburg studiert. Nebenbei schrieb sie als freie Mitarbeiterin für die Hamburger Redaktion der »Welt« und »Welt am Sonntag«. 2009 begann sie ein Volontariat bei der Pharmazeutischen Zeitung in Eschborn und wechselte ein Jahr später in das Hauptstadtbüro nach Berlin. Dort leitet sie seit 2012 das Ressort »Politik und Wirtschaft«.

 

E-Mail: schersch(at)govi.de

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