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Gesundheitswesen

»Die Zukunft ist da«

20.01.2016
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Von Christiane Berg, Kiel / Im Dezember hat der bekannte Gesundheitsökonom Professor Fritz Beske sein neues und – wie er sagt – auch letztes Buch vorgestellt. Mit der Pharmazeutischen Zeitung sprach der ehemalige Chef des Kieler Instituts für Gesundheits-System-Forschung über verpasste Chancen und die immensen Herausforderungen, vor denen das deutsche Gesundheitswesen steht.

PZ: Früh und immer wieder haben Sie mit Blick auf die demografische Entwicklung von düsteren Zukunftsvisionen für das Gesundheits- und Sozialwesen gesprochen, sollte die Politik untätig bleiben. Dennoch hat sich eigentlich nicht viel getan.

 

Beske: Das stimmt, die Mahnungen blieben ungehört. Die Problemlösung wurde immer wieder vertagt und hat letztlich bis heute nicht stattgefunden. Jetzt wird die Zeit knapp. Die Zukunft ist da. Es macht mir allergrößte Sorge, dass die Bundesregierung auf drängende Probleme erst dann reagiert, wenn es schon fast zu spät ist. Soll vermieden werden, dass das Gesundheitswesen von den Entwicklungen überrollt wird, muss schnell und konsequent ge­handelt werden.

 

Um es gleich vorweg zu sagen: Eine Steuersubventionierung der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) ist ausgeschlossen, da gleichermaßen zahlreiche andere Anforderungen an die öffentliche Hand gegeben wurden und die Flüchtlingssituation zusätzliche Belastungen schafft.

 

PZ: Eine Ihrer Hauptforderungen war und ist die Reduktion des GKV-­Leistungskatalogs auf das Notwendige.

 

Beske: Unumgänglich ist die Berufung eines unabhängigen, nicht von eigenen Interessen geleiteten Expertengremiums, das Handlungsoptionen zur ausgewogenen Reduktion des Leistungskatalogs definiert. Dabei darf mit Ausnahme der Notfallversorgung kein Bereich a priori unberücksichtigt bleiben. Einsparungen sind unter anderem durch den Ausschluss versicherungsfremder Leistungen, die Erhöhung der Selbstbeteiligung, die Einführung von Festzuschüssen oder auch Karenz­tagen vor Auszahlung des Krankengeldes sowie die Begrenzung stationärer Rehabilitation und Kuren zu erzielen. Für unumgänglich halte ich vor allem einen strikten Bürokratieabbau.

 

PZ: Trotz der sich bereits heute abzeichnenden finanziellen Schwierig­keiten der Krankenkassen und des Gesund­heitsfonds nennt Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) die Finanzlage des GKV-Systems unverändert stabil. Wie bewerten Sie diese Aussage?

 

Beske: Diese Einschätzung kann ich nicht teilen. Es bleibt festzuhalten, dass die Anforderungen an die Leistungen der GKV erheblich steigen. Höheren Beitragssätzen sind Grenzen gesetzt, Leistungen können nicht uneingeschränkt finanziert werden. Leistungseinschränkungen sind somit unumgänglich. Die Grenze ist in jedem Fall dann erreicht, wenn das medizinisch Notwendige an einer Stelle versagt werden muss, weil an anderer Stelle Leistungen erbracht werden, die medizinisch nicht begründet sind oder lediglich wirtschaftlichen Interessen dienen.

 

Wird die Gesundheitspolitik hier nicht umgehend aktiv, tritt der Worst Case ein. Dann entscheidet nicht die medizinische Notwendigkeit, sondern der Zufall über das Gewähren medizinischer Leistungen. Das wäre die ungerechteste und unsozialste Lösung überhaupt.

 

PZ: Bereits heute ist im ländlichen Raum die hausärztliche Versorgung vielerorts nicht mehr gesichert. Die Große Koalition meint auch hier, die Lage mit dem Versorgungsstärkungsgesetz im Griff zu haben. Sehen Sie das auch so?

 

Beske: Nein, die Wirklichkeit spricht eine andere Sprache. Gibt ein Hausarzt aus Altersgründen seine Praxis auf, finde­t er immer schwerer einen Nachfolger. Praxen verwaisen, kleinere Krankenhäuser werden geschlossen. Es wird unter den bisherigen Voraussetzungen und Gegebenheiten nicht gelingen, die Versorgung im ländlichen Raum durch niedergelassene Ärzte und Krankenhäuser flächendeckend und wohnortnah sicherzustellen.

 

PZ: Es gibt bundesweit Aktivitäten, um Abhilfe zu schaffen. So hat die Gemein­de Büsum in Schleswig-Holstein das erste deutsche Ärztezentrum in kommunaler Trägerschaft gegründet hat. Sind solche Lösungsansätze zu begrüßen?

 

Beske: Unbedingt. Lokale und regionale Lösungen sind das Gebot der Stunde. Was sich bewährt, sollte nachgeahmt werden. Vor allem aber halte ich ein verbindliches Haus- und Primärarztsystem unter neuen Modalitäten für unumgänglich. Die hausärztliche Versorgung findet in der Bevölkerung breite Anerkennung, muss aber angesichts der anstehenden Pensionierungswelle und mangelnder Neigung der nachwachsenden Mediziner-Generation zur Niederlassung neu aufgestellt werden.

 

PZ: Was schlagen Sie vor?

 

Beske: Die Forderung nach einem Hausarztsystem, das ich für die beste Lösung halte, läuft ins Leere, wenn es nicht als tragende Säule eine ausreichende Zahl an Allgemeinärzten gibt. Wie bereits gesagt: Die Perspektive ist derzeit kritisch. Daher muss nach meiner Meinung als Allererstes die Approbationsordnung für Ärzte dahingehend geändert werden, dass Schwerpunkt der Ausbildung zum Arzt die hausärztliche Versorgung ist. Jede Landesregierung muss sicher­stellen, dass die medizinischen Fakultäten über einen Lehrstuhl für Allgemeinmedizin verfügen. Dann muss eine vom Bundesgesundheitsministerium entsprechend strukturierte und finanzierte Weiterbildung zum Allgemeinarzt eingeführt werden.

 

Dazu gehört auch die Finanzierung der Ärzte in entsprechender Weiterbildung mit monatlich rund 4000 Euro, dem Anfangsgehalt eines Assistenzarztes im Krankenhaus. Die so weiter gebildeten Ärzte sind zu einer Tätigkeit als Allgemeinarzt für zehn Jahre bei freier Wahl des Tätigkeitsortes verpflichtet. Außerdem halte ich die Einführung der Einzelleistungsvergütung in der ambulanten vertragsärztlichen Versorgung für sinnvoll. Die Zahl der im Quartal behandelten Patienten würde sich entscheidend reduzieren. Damit stünde mehr ärztliche Zeit für den einzelnen kranken Menschen zur Verfügung.

 

PZ: Kommt ein solches Haus- und Primärarztsystem auch der Apotheke zugute?

 

Beske: Ja, denn unvermeidlich werden die derzeitigen Entwicklungen, sofern ihnen kein Einhalt geboten wird, zu einem Konzentrationsprozess auch von Apotheken führen. Geht im ländlichen Raum die Zahl niedergelassener Ärzte zurück, kommt der Zeitpunkt, an dem Apotheken ihre Existenzgrundlage verlieren. Sie werden schließen. Das ist vorhersehbar. Meine größte Sorge gilt den Patienten, zu deren Schaden das alle­s auch menschlich gereichen wird.

 

PZ: Viele Patienten berichten schon heute von einer Verschlechterung ihrer Versorgung, unter Ärzten und Apothekern wachsen angesichts der fehlenden Zeit für ihre Patienten Frust und Resignation. Was tun?

 

Beske: Die negativen Entwicklungen lassen sich nur stoppen, wenn Ärzte und Apotheker an einem Strang ziehen und mehr miteinander kommunizieren, kooperieren und koordinieren. Insbesondere die gemeinsame Beratung und Betreuung multimedikamentöser Patienten durch Hausarzt und Hausapotheke bei entsprechender Honorierung halte ich für unabdingbar. Nur so lassen sich auch die immensen Kosten durch Klinikeinweisungen infolge falscher Medikation mindern. Bis zu 15 Prozent aller Krankenhausaufenthalte resultieren aus einer falschen Arzneimittel­einnahme. Jeweils ein Drittel davon ist auf falsche ärztliche Verordnungen, Einnahmefehler und falsche Dosierungen sowie Wechselwirkungen und mangelnder Kontrolle der medikamentösen Therapie zurückzuführen. Das sind Negativ-Effekte, die lediglich durch die Zusammenarbeit und Kooperation von Ärzten und Apothekern vermieden werden können.

 

Vor allem aber: Die Selbstverwaltungen der Ärzte und Apotheker müssen größtmögliche Organisationsfreiheit erhalten, damit sie wieder gestalten statt verwalten können. /

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