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Sammlung Prinzhorn

Gegen jede Vernunft

08.12.2009
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Von Ulrike Abel-Wanek, Heidelberg / Unwirklich und traumhaft: Motive surrealistischer Künstler wie Dalí, Miró oder Magritte sind fern der realen Welt. Dass sie auch von den fantastischen Bildern psychiatrischer Patienten inspiriert wurden, zeigt jetzt eine Ausstellung der Sammlung Prinzhorn in Heidelberg.

Die Sammlung Prinzhorn an der Psychiatrischen Universitätsklinik Heidelberg geht auf den Arzt und Kunsthistoriker Hans Prinzhorn (1886 bis 1933) zurück. Er trug in den Jahren 1919 bis 1921 rund 4500 Werke von Anstaltsinsassen aus ganz Deutschland zusammen. Prinzhorns 1922 erschienenes Buch »Bildnerei der Geisteskranken« brachte Max Ernst noch im Erscheinungsjahr nach Paris und sorgte bei seinen Künstlerkollegen für Furore. Ein Buch, das die Ästhetik der »Anstaltskunst« in dieser Weise würdigte, hatte es bisher noch nicht gegeben. Die erste Auflage von 1500 Exemplaren war umgehend vergriffen, das Buch wurde zur »Bibel der Surrealisten«.

 

Der Surrealismus gilt als eine der wichtigsten Strömungen der klassischen Moderne. Grundlage dieser Bewegung ist die Absage an Moral, Gesellschaft und Konvention. Die von André Breton seit Anfang der 1920er-Jahre in Paris geführte Bewegung war, wie der Dadaismus auch, unter anderem eine Antwort auf die katastrophalen Auswirkungen des Ersten Weltkriegs und die Beobachtung, dass Wissenschaft, Technik und Pflichterfüllung nichts anderes als Zerstörung hinterlassen hatten. Nicht nur der Glaube an den gesellschaftlichen Fortschritt, sondern auch das Vertrauen in jegliche Vernunft als Maßstab menschlichen Handelns waren nachhaltig erschüttert. Breton selbst erlebte den »Wahnsinn des Weltkriegs« nicht nur metaphorisch, sondern als junger Medizinstudent in einem psychiatrischen Zentrum der französischen Armee mit schwer traumatisierten Soldaten.

 

Die Künstler um Breton suchten nach neuen Motiven für ihre Kunst: in der Auseinandersetzung mit dem menschlichen Unbewussten, den Träumen und Trance ähnlichen Zuständen. Die emotionalen Bereiche des Menschen, seine Abgründe und Fantasien wurden zur Quelle für das künstlerische Schaffen von zum Beispiel Max Ernst, Salvador Dalí oder André Masson. Dass hierbei auch die »Irrenkunst« maßgeblich Einfluss nahm, machen die Bilder, Zeichnungen, Druckgrafiken und Schriften der Heidelberger Ausstellung »Surrealismus und Wahnsinn« deutlich. Beispielsweise ist hier eine Pariser Galerie-Ausstellung aus dem Jahr 1929 rekonstruiert. Gezeigt werden Werke aus verschiedenen Sammlungen französischer Psychiater, unter anderem auch Bilder aus der Sammlung Prinzhorn. Die Ausstellung in der »Galerie Max Bine« wurde damals mit großem Interesse verfolgt, und die Presse bezeichnete die Arbeiten der »Verrückten« provozierend als die »wahre Avantgarde«. Auch die Surrealisten um Breton sahen die Kunstwerke und waren begeistert. Sie schienen die »Wahnsinnigen« um ihre Freiheit und ihre Erfahrungen mit psychischen Grenzsituationen geradezu zu beneiden. So bezieht sich Breton in seinen Schriften wiederholt ausdrücklich auf den »klinischen Wahnsinn« als künstlerische Inspirationsquelle und betont seine Bedeutung für die surrealistische Bewegung.

 

Die Heidelberger Präsentation stellt verschiede Arbeiten gegenüber und zeigt, wie stark sich die Motive der surrealistischen und der Anstaltskünstler ähneln, wie fließend die Übergänge zwischen ihren Werken sind. Dass es »genauso wenig eine Kunst von Wahnsinnigen wie eine spezielle Kunst von Magen- oder Knie-kranken gibt«, wie der Surrealist Bernard Buffet feststellte, scheint sich hier zu bestätigen. /

Die Ausstellung ist bis zum 14. Februar 2010 in der Sammlung Prinzhorn, Psychiatrische Universitätsklinik Heidelberg, Voßstraße 2, 69115 Heidelberg zu sehen. Ausstellungsinfo: 06221 564739, www.prinzhorn.uni-hd.de. Katalog: Surrealismus und Wahnsinn. Heidelberger Verlag »Das Wunderhorn«, Preis: 29,80 Euro.

 

Parallel zur Heidelberger Ausstellung sind im Wilhelm-Hack-Museum und im Kunstverein Ludwighafen Gemälde, Objekte und Skulpturen surrealistischer Künstler sowie Werke von Fotografen dieser Kunstrichtung zu sehen: »Gegen jede Vernunft. Surrealismus Paris – Prag«. Informationen: www.wilhelmhack.museum.de.

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