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Internationale Tage Ingelheim

Verborgene Schätze

Wieder einmal muss man nicht die großen Museen dieser Welt besuchen, um in den Genuss einer sehenswerten Ausstellung zu kommen. Die Internationalen Tage Ingelheim präsentieren im Jahr ihres sechzigsten Bestehens fast vergessene Werke und Künstler, die sich sehen lassen können.
Ulrike Abel-Wanek
24.04.2019
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Nur einen Steinwurf von den Resten der karolingischen Kaiserpfalz entfernt, wäre das grundsanierte und erweiterte Gebäude des Alten Rathauses im historischen Stadtteil Nieder-Ingelheim allein schon einen Besuch wert: mit neuem Foyer, neuem unterirdischen Ausstellungsraum, vier Galerien und einem gemütlichen Café. Der ebenfalls neue Name »Kunstforum Ingelheim – Altes Rathaus« macht deutlich, dass dies ein Ort für Kunst ist – Kunst auf höchstem Niveau. Das kleine Ausstellungshaus ist dank seiner hochkarätigen Präsentationen seit vielen Jahren ein Begriff in der deutschen Museumslandschaft.

In bester Gesellschaft

Auf den ersten Blick könnten es auch Bilder von Max Beckmann sein: die großformatigen, farbigen Figurenbilder von Paul Kleinschmidt zu Beginn des Rundgangs durch die Ausstellung »Vergessene Moderne – Kunst in Deutschland zwischen den Weltkriegen«. Kleinschmidts Vater ist Theaterdirektor, die Mutter Schauspielerin, seine bildnerischen Motive findet der Künstler hinter den Kulissen von Theater und Variété, in Bars und Cafés. Mit bissiger Ironie entlarven seine Bilder häufig Langeweile und Oberflächlichkeit der Akteure und halten ihnen kritisch den Spiegel ihrer selbst vor. Kleinschmidt, der mit Lovis Corinth befreundet ist, arbeitet zunächst als freier Maler und Grafiker in Berlin, wo er 1909 erstmals an der Ausstellung der Berliner Sezession teilnimmt. Es folgen Einzelausstellungen und weitere Präsentationen – unter anderem in der Berliner Galerie Gurlitt. Ab 1933 von den Nationalsozialisten verfemt, verfolgt und auf der Flucht, wird 1945 ein Großteil seines Werks bei einem Bombenangriff auf sein Haus in Bensheim an der Bergstraße zerstört. Dort stirbt er verarmt 1949.

Es sind Künstler, deren Werke sich nur fragmentarisch erhalten haben, die die Ausstellung aus der Vergessenheit holt. Neben den klassischen Bereichen Malerei, Skulptur und Druckgrafik, ist auch die Fotografie vertreten, die sich in der Zeit zwischen den Weltkriegen zu einem selbstständigen künstlerischen Ausdrucksmittel entwickelte. So Helmar Lerskis fotografisches Werk, das in Deutschland wie in Palästina entstand und das sich vor allem aus der Erfahrung als Kameramann bei vielen expressionistischen Stummfilmen auf das menschliche Gesicht konzentrierte. In der Serie Verwandlungen durch Licht, 1935/36 in Tel Aviv aufgenommen, fertigte er 175 Aufnahmen von nur einem einzigen Modell an, die jeweils unterschiedlicher kaum sein könnten.

Multi-Kulti in der Kunst

»Es müssen nicht alle Künstler Deutsche sein, die die Deutsche Moderne prägten«, machte Kurator Dr. Ulrich Luckhardt zur Eröffnung der Schau vergangene Woche deutlich. Tatsächlich war die Herkunft der Künstlerinnen und Künstler, die nach dem Ersten Weltkrieg bis in die Anfangsjahre der nationalsozialistischen Herrschaft mit ihrer Kunst in Deutschland Impulse setzten, vielfältig. Neben den Einheimischen kamen die künstlerisch Schaffenden aus weit verstreuten Herkunftsländern, wie dem Osmanischen Reich, aus Bessarabien, der Schweiz. Oder sie waren, wie T. Lux Feininger, zwar in Deutschland geboren, jedoch Staatsbürger der Vereinigten Staaten von Amerika, oder wie Jussuf Abbo nach dem Zerfall des Osmanischen Reichs, staatenlos. Gemeinsam haben die gegenüber den Expressionisten eher jüngeren Künstler, deren Kunst von den Nationalsozialisten ebenso als »entartet« diffamiert wurde, zum Teil dramatische Schicksale.

Nach 1933 gingen sie vielfach ins Exil oder in die innere Emigration, zerbrachen an der sie umgebenden Realität oder wurden als Juden in KZs ermordet. »Aber diese Schicksale sollen in unserer Ausstellung nicht den Blick auf die Kunstwerke verstellen und die Rezeption durch Persönliches überlagern«, betont Luckhardt. Im Mittelpunkt stehe die enorme Vielfalt unterschiedlichster, junger und moderner Kunst einer ganzen Künstlergeneration der Moderne, deren Namen und Werke vielfach heute vergessen seien, so der Ausstellungsleiter weiter. Denn nach 1945 waren es meist die großen Namen des künstlerischen Aufbruchs nach der Jahrhundertwende und die Kunst der Meister am Bauhaus, die in ihrer Bedeutung an der Entstehung der modernen Kunst in Deutschland hervorgehoben wurden.

Elfriede Lohse-Wächtlers großartige Studien der 1920er-Jahre aus dem Milieu der Kneipen und Prostitution, von Außenseitern und gestrandeten Existenzen, waren im letzten Jahr in der Frankfurter Schirn im Rahmen der Ausstellung »Glanz und Elend der Weimarer Republik« zu sehen. Seite an Seite mit Namen wie Max Beckmann, Otto Dix oder George Grosz. Sie ist eine der insgesamt elf Künstlerinnen und Künstler mit eher unbekanntem Namen, aber einem bedeutenden Nachlass, der nun erfreulicherweise einem größeren Publikum in Ingelheim offen steht. 

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