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Wissenschaft

Aus dem Osten kommt das Licht

08.12.2009
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Von Gisela Stiehler-Alegria, Oldenburg / Auf der internationalen Sonderausstellung »Ex oriente lux? – Wege zur neuzeitlichen Wissenschaft« wird der Besucher auf eine Reise durch die Wissenschaftsgeschichte geschickt. Das Landesmuseum für Natur und Mensch in Oldenburg will die faszinierende Vielfalt der Naturwissenschaften museal erfahrbar machen.

Die hier vorgestellten Disziplinen Astronomie, Mathematik, Ingenieurkunst, Physik, Pharmazie, Biologie und Medizin haben in der Antike nicht in der heutigen Form existiert. Sie waren interdisziplinäre Forschungsbereiche mit fließenden Übergängen. »Ex oriente lux*« – mit diesem Anspruch berufen sich die Ausstellungsmacher auf die Anfänge der Naturwissenschaften in Mesopotamien, wo es die Erfindung der Schrift ermöglichte, Wissen zu bewahren und zu verbreiten.

 

Materia medica und Chemiatrie

 

Dass Praxis und theoretisches Schriftgut in der Medizin Hand in Hand gingen, veranschaulichen faszinierende medizinhistorische Exponate. Ergänzt werden sie von den in arabischer und lateinischer Sprache redigierten Kompendien der Schriften Galens und Hippokrates´, wobei dem Corpus islamisch-arabischer Gelehrsamkeit besondere Aufmerksamkeit gewidmet wurde.

Stellvertretend sei hier der in Nordpersien geborene Ar-Razi genannt, der im 9.Jahrhundert an Hospitälern in Rayy und Bagdad praktizierte und lehrte. Er gilt als Pionier der »Chymiatrie«, der chemischen Heilkunst, denn seine Heilmittelkunde war nicht nur anwendungsorientiert, er experimentierte auch mit Mineralien und erprobte seine entwickelten Medikamente im Selbstversuch. Arzt, Pharmazeut und Philosoph in Personalunion, fertigte er Drogenlisten in den fünf Wissenschaftssprachen seiner Epoche: Arabisch, Griechisch, Syrisch, Indisch und Persisch an und definierte die Aufgaben des Apothekers. Auf Ar-Razi geht ferner das pharmazeutische Labor mitsamt seinen Destillationsapparaturen Alembik (al-anbiq) und Aludel (al-udel) zurück, wo der für Konservierung und Wundmedizin genutzte Alkohol (al-kull) entstand.

 

Die Pharmazie musste auf dem Weg ins 20. Jahrhundert verschlungene Pfade bis zur Herstellung moderner Medikamente überwinden. Ein Abriss zur Geschichte der Pharmazie und ihrer Stellung innerhalb der Naturwissenschaften ist deshalb undenkbar ohne eine Definition der Nomenklatur. Der Begriff Chemie ist dem griechischen »chymeia« (chemischer Metallguss) entlehnt, der sich im Arabischen durch den Artikel »al« zu »Al-kimiya« wandelte, um dann über »alchymia« im 17. Jahrhundert Chymie und schließlich ab 1750 als Chemie bezeichnet zu werden.

Im Dunkel bleiben allerdings die Wurzeln der oft im Geheimen blühenden Alchemie, obwohl viele arabische Alchemisten gleichzeitig Ärzte mit Bezug zur praktischen Pharmazie waren und ihr theoretisches Wissen in einem Schriftenkorpus des 8. Jahrhunderts überlieferten. Doch trotz des naturwissenschaftlichen Ansatzes vertrat diese Disziplin eine gnostische Weltsicht mit dem Ziel, aus der Verschmelzung scheinbar unvereinbarer Elemente den »Stein des Weisen« zu schaffen. Von praktischem Nutzen und quasi als Nebenprodukt dieser Experimente entstand die Metallurgie, die sich durch hohen Dokumentationsanspruch und Genauigkeit auszeichnete. Im 16. Jahrhundert verschmolzen Pharmazie und Metallurgie mit der Alchemie zur »Chemiatrie«, der chemischen Heilkunst, die bei Paracelsus »latrochemie« hieß. Als erster praktischer Chemiker gilt Andreas Libavius, obwohl er sein Werk im 17. Jahrhundert noch »Alchymia« betitelte. Libavius entdeckte viele Substanzen, modernisierte die Laborausstattung, hielt Vorlesungen über Mineralogie und Metallurgie. Erstmals verfügten Praktiker über mehr Wissen als Gelehrte, doch zum Vorteil beider Seiten kombinierten sie ihre Erfahrungen. Die Ära der modernen Wissenschaft konnte beginnen. /

 

*) »Ex oriente lux«: Aus dem Osten kommt das Licht (frei übersetzt).

Die in der Ausstellung gesammelten Erkenntnisse lassen sich in dem großartig gestalteten Begleitband vertiefen, aufbereitet mit Einführungstexten und Essays zu den Wissensgebieten. Die kommentierten Illustrationen geben zudem alle Exponate wieder, darunter die kostbaren Manuskripte. (Katalog, 526 Seiten, 450 Farbbilder, Quellen- und Literaturverweis. 34,90 Euro. Von Zabern, Mainz).

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