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Amokläufe

Umgang mit dem Unverständlichen

03.12.2013
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Von Annette Mende, Berlin / Nach einem Amoklauf ist für Überlebende und Angehörige von Opfern nichts mehr, wie es war. Die psychischen Folgen können sich auch Jahre später noch zeigen. Betroffene langfristig besser zu versorgen, war deshalb eine zentrale Forderung auf einer Pressekonferenz beim Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) in Berlin.

Eine Pressekonferenz auf einem Fachkongress, deren Türen wegen Überfüllung geschlossen werden müssen, gehört zu den eher seltenen Ereignissen. Der enorme Andrang nicht nur von Pressevertretern, sondern auch von Besuchern des DGPPN-Kongresses zeigte, welch großes Interesse das Thema Amokläufe weckt. Unerwartet war auch, dass während der gesamten Pressekonferenz nur ein einziges Mal versehentlich der Name des Amokläufers von Utøya genannt wurde – obwohl die Veranstaltung ja dazu dienen sollte, die Hintergründe von Taten wie seiner besser zu verstehen.

 

Berühmt durch Gewalt

 

Doch genau hier offenbart sich ein fundamentales Problem der Berichterstattung über Amokläufe. Sein Morden hat den Attentäter von Utøya und Oslo international zum wohl berühmtesten zeitgenössischen Norweger gemacht. Indem viele Medien auf die Person des Täters und seine Motive fokussierten, erfüllten sie aber ungewollt genau die Funktion, die er ihnen zugedacht hatte.

 

»Es geht nach einem Amoklauf nicht um den Täter, sondern um die Opfer«, sagte Professor Dr. Ulrik Fredrik Malt, Direktor der Abteilung für Neuro- psychiatrie und Psychosomatische Medizin der Universität Oslo und Gutachter im Prozess gegen den Amokläufer von Utøya. Aufgabe von professionellen Helfern sei es, den Opfern kurz- und langfristig bei der Suche nach einem Weg des Umgangs mit der katastrophalen Erfahrung beizustehen. In den ersten Stunden nach dem Ereignis bräuchten diese vor allem emotionale Unterstützung, aber auch körperliche Nähe und schnell Kontakt zu ihren persönlichen Bezugspersonen. »Darüber hinaus gibt es Hinweise, dass die Gabe von Betablockern, die ja die physio- logische Stressreaktion blockieren, sich positiv auf den Langzeitverlauf auswirken kann«, sagte Malt.

 

Posttraumatische Belastungsstörungen, Depressionen, Angstzustände und Schlafstörungen sind mögliche psy- chische Folgen eines überlebten Amoklaufs, unter denen Opfer und ihre Angehörigen oft noch Jahre danach leiden. »Für Betroffene gibt es dann aber kein Netzwerk und keine Ansprechpartner. Das steht in krassem Gegensatz zur Überversorgung mit Hilfsangeboten unmittelbar nach einem solchen Ereignis«, sagte Gisela Mayer vom Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden. Sie verlor 2009 beim Amoklauf in der baden-württembergischen Kleinstadt ihre Tochter, die als Referendarin an der Albertville-Realschule unterrichtete.

 

Betroffene befänden sich nach einem Amoklauf in einer absoluten Ausnahmesituation und verfügten über keine Handlungsoption. Helfer dagegen seien vorbereitet und hätten sogar einen Handlungsauftrag. »In dieser Situation kommt Kommunikation an ihre Grenzen«, berichtete Mayer aus ihrer Erfahrung. Psychische Verletzungen infolge mangelnden Fingerspitzengefühls und unangemessenen Verhaltens seien für die Opfer besonders schwerwiegend und hätten langfristige Auswirkungen.

 

Opfer der Medien

 

Auch im Umgang mit Journalisten seien Opfer zunächst vollkommen wehrlos. Gespräche zwischen Medienvertretern und Betroffenen fänden daher nicht auf Augenhöhe statt. »Durch die so entstandenen Beiträge in den Medien bekommt man später seine eigene Hilflosigkeit nochmals vor Augen geführt«, sagte Mayer. Psychologen sprechen in diesem Fall von einer sekundären Viktimisierung. Deren Folgen sind gerade für junge Menschen häufig schwierig zu verarbeiten.

 

Unmittelbar nach einem Amoklauf ist das Verständnis für die Betroffenen riesig. Es erlahmt aber rasch und schlägt dann um in eine gewisse Erwartungshaltung: »Ungefähr nach zwei Jahren hat man als Opfer sein Trauma bewältigt zu haben oder aktiv eine Therapie aufzusuchen«, sagte Mayer. Sehen sich Betroffene dazu nicht in der Lage, stoßen sie oft auf Unverständnis. Zum Verhaltenskodex des »üblichen Opferverhaltens« gehöre andererseits aber auch eine gewisse Passivität. »Aktives Nachfragen, etwa um die Persönlichkeit des Täters zu begreifen, wird nicht toleriert.«

 

Täterpersönlichkeit nicht einheitlich

 

Auf die Frage, wie ein Mensch zum Amokläufer wird, gibt es Malt zufolge nicht nur eine Antwort. Häufig sei es ein Mix aus verschiedenen Faktoren wie wiederholte Kränkungen, Gefühle der Unterlegenheit, gesellschaftliche Einflüsse wie Filme, Computerspiele, Politik oder Religion, der in Kombination mit Persönlichkeits- oder Entwicklungsstörungen die nahezu ausschließlich männlichen Täter dazu brächten, extreme Gewalt auszuüben. Amokläufe als geplante Tötungen beruhten dabei meist auf extremen, lange gehegten Hassgefühlen (kalte Wut). Im Gegensatz dazu sei der Auslöser eines spontanen Mordes häufig ein akutes Gefühl des Verletztseins oder des Zurückgewiesenwerdens (warme Wut).

 

»Wegen der vielschichtigen Entstehungsbedingungen von Amokläufen kann man keine einheitliche Täterpersönlichkeit bestimmen«, ergänzte Professor Dr. Henning Saß, Vorsitzender der unabhängigen Expertenkommission für Recht und Psychiatrie der DGPPN. Viele Amokläufer hielten ihre Pläne um jeden Preis geheim, weshalb es häufig unmöglich sei, sie vor der Tat zu identifizieren. Eine Ausnahme stellen Malt zufolge Täter dar, die im Internet über ihre Pläne schreiben.

 

Beide Psychiater betonten, dass Amokläufer in der Regel keine Menschen sind, die vor ihrer Tat bereits wegen einer psychischen Erkrankung in Behandlung waren. Dies sei jedoch leider ein verbreitetes Vorurteil. »So werden Amokläufer auch für psychiatrische Patienten zu einer Belastung, weil die Stigmatisierung steigt«, sagte Saß. /

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