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Schnarchen

Mehr als lästig

01.12.2009
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Von Hans Behrbohm / Schnarchen ist zwar meistens harmlos, kann jedoch erheblichen Leidensdruck erzeugen. Denn es stört nicht nur den Schlaf des Partners, sondern beeinträchtigt auch die Schlafqualität des Schnarchenden selbst. Meist entstehen Schnarchgeräusche im Rachen, was für die Selbstbehandlung ein wichtiger Ansatzpunkt ist.

Häufig sind es die Bettpartner der Schnarchenden, die gegen die nächtliche Lärmbelästigung Abhilfe und Rat in der Apotheke suchen. Und das nicht ohne Grund: So kann der Geräuschpegel des nächtlichen »Konzertes« Werte bis zu 90 Dezibel erreichen, was etwa einem vorbeifahrenden Lkw oder einer stark befahrenen Autobahn entspricht. Nicht selten wacht der Schnarchende sogar von seinem eigenen Geräusch auf. Um die übernächtigten Lärmgeplagten oder den Betroffenen selbst beraten zu können, ist es essenziell zu wissen, woher die Schnarchgeräusche kommen.

Viele Menschen gehen davon aus, dass eine temporäre oder anatomische Nasenobstruktion für das Schnarchen verantwortlich ist. Doch dies trifft nur für eine Minderheit der Betroffenen zu. Die eigentliche Geräuschquelle liegt in den meisten Fällen im Rachenraum. Wie mehrere Studien (1, 2) bestätigen, spielen Luftflussbehinderungen in der Nase eine geringere Rolle, als man noch vor Jahren annahm.

 

Geräusche entstehen im Rachen

 

Die eigentliche Geräuschbildung ist durch eine Vibration der Weichteilstrukturen im Rachenraum bedingt. Im Schlaf erschlafft die Muskulatur der Dilatatoren der oberen Atemwege. Dadurch steigert sich zum einen die Vibrationsbereitschaft der Weichteile und zum anderen verengt sich der obere Luftweg, was die Geschwindigkeit des Atemflusses erhöht. Diese Verstärkung der Luftströmungen bringt die Weichteile, insbesondere das Gaumensegel, zum Schwingen, vergleichbar mit einer Fahne im Wind. Häufig findet sich bei Schnarchern zusätzlich ein Schleimhautüberschuss im Gaumenbereich oder eine Weichteilvermehrung im Pharynx, was zu der Verengung der oberen Atemwege zusätzlich beiträgt. Eine behinderte Nasenatmung kann zwar bei anatomischen Fehlbildungen wie einer verkrümmten Nasenscheidewand, bei Polypen oder vorübergehend bei Rhinitis ebenfalls ursächlich beteiligt sein. Doch in den meisten Fällen, nämlich bei etwa 75 Prozent der regelmäßigen Schnarcher, liegt die Schallquelle im Rachen.

 

Zur Manifestation des Schnarchens können verschiedene Faktoren beitragen, die sich in angeborene und erworbene Ursachen einteilen lassen (3). Zu den angeborenen Faktoren zählen beispielsweise anatomische Besonderheiten wie die Rückverlagerung der Zunge oder ein verengter Unterkiefer. Die Prävalenz des Schnarchens ist zudem geschlechtsabhängig. So ist der Anteil der schnarchenden Männer mit 10 Prozent bei den Unter-30-Jährigen doppelt so hoch wie bei den Frauen (5 Prozent). Als Grund für diese ungleiche Verteilung wird ein hormoneller Zusammenhang diskutiert – ein Beweis steht jedoch noch aus. Mit zunehmendem Alter gleichen sich die Anteile jedoch ein wenig an, so schnarchen 40 Prozent der über 60-jährigen Frauen und 60 Prozent der über 60-jährigen Männer. Typische erworbene Faktoren sind Übergewicht (4), Alkoholgenuss (5), Schlafmangel (6, 7) und zunehmendes Lebensalter (8). Der Alterungsprozess ist mit einer nachlassenden Elastizität der Muskulatur des Rachensegmentes verbunden, wodurch die Weichteilvibration und das Zusammenfallen der oberen Luftwege gefördert werden. Die Muskelerschlaffung wird ebenfalls durch Alkohol verstärkt. Auch Schlafmangel oder die Einnahme bestimmter Hypnotika und Sedativa können zu Muskelrelaxation führen. Bei Übergewicht kommt es durch die vermehrte Fetteinlagerung im Rachenraum zu einer direkten Verengung der oberen Atemwege.

 

Einfache Hilfsmittel oft nützlich

 

Schnarchen, das nicht auf Grunderkrankungen zurückgeht und ohne nächtliche Atemaussetzer auftritt, wird als primäres Schnarchen bezeichnet. Etwa 90 Prozent aller regelmäßigen Schnarcher zählen zu den primären Schnarchern. Zwar besitzt das primäre Schnarchen keinen ernsthaften Krankheitswert, jedoch sind die sozialen Folgen der nächtlichen Lärmbelästigung nicht zu vernachlässigen. So verbringt jede dritte Frau wegen ihres schnarchenden Partners schlaflose Nächte (9) und in jeder sechsten Partnerschaft ist Schnarchen regelmäßiger Gegenstand von Beziehungskonflikten (10). Zudem können nächtliche Weckversuche des Partners sowie das eigene Schnarchgeräusch die Schlafqualität des Schnarchenden (11) selbst beeinträchtigen. Eine Behandlung ist deshalb sowohl aus psychologischen als auch aus physiologischen Gründen sinnvoll. Vom primären Schnarchen abzugrenzen ist das ernsthaftere Krankheitsbild des obstruktiven Schlafapnoe-Syndroms (OSAS), das etwa bei 10 Prozent der regelmäßigen Schnarcher zu finden ist.

Die Diagnose des Schnarchens baut in erster Linie auf der Anamnese auf, wobei die Fremdanamnese ein essenzieller Bestandteil ist. Dabei werden Schlafgewohnheiten, nächtliche Beschwerden und Tagesmüdigkeit erfasst. Die Untersuchung sollte mit einer Hals-Nasen-Ohren-Diagnostik beginnen, die eine Endoskopie der Nase, des unteren Rachens (Hypopharynx) und des Kehlkopfeinganges beinhaltet, um bereits Hinweise auf Obstruktionen zu gewinnen. Durch flexible Endoskopie kann während des Schlafes gezielt nach Obstruktionen und Kollapszuständen des Rachens gesucht werden. Zur Objektivierung der Nasenfunktion sollte eine Computer-Rhinomanometrie (Messung des Nasenatemwiderstandes) erfolgen. Es schließt sich die Aufzeichnung von kardiorespiratorischen und Schlafparametern in einem Schlaflabor an (12).

 

Die Behandlung richtet sich nach dem Schweregrad des Schnarchens. Bevor operiert wird, sollte beim einfachen, nicht apnoischen habituellen Schnarchen den nicht-invasiven Methoden eine Chance gegeben werden. Da Schnarchgeräusche überwiegend im Rachen entstehen, ist in der Selbstmedikation zunächst in diesem Bereich anzusetzen, zum Beispiel durch ein einfach anzuwendendes Rachenspray aus der Apotheke. Es handelt sich dabei um einen Schaum, der einen gelartigen Film auf die Rachenschleimhaut legt. Die beim Schnarchen stark austrocknende Rachenschleimhaut wird durch den Film befeuchtet, geschützt, und die Schnarchgeräusche können gemindert werden. Wenn eine nasale Symptomatik im Vordergrund steht, ist die Empfehlung von Nasenpflaster oder -klammern sinnvoll. Diese verbessern den Luftstrom in der Nase und reduzieren damit die Schwingungen. Ganz entscheidend und langfristig vielversprechend ist natürlich die Reduktion der erworbenen Faktoren wie beispielsweise Abbau von Übergewicht sowie der Verzicht auf Alkohol kurz vor dem Schlafengehen. Sollten diese Maßnahmen nicht binnen zwölf Wochen zu einer Verbesserung führen, sollte der HNO-Arzt aufgesucht werden.

 

Dann kann überlegt werden, ob ein chirurgischer Eingreif angezeigt ist. Heute kann durch verschiedene Operationsschritte und deren Kombination auf drei Ebenen (Multilevel-Chirurgie) Einfluss auf das Schnarchen und das obstruktive Schlafapnoe-Syndrom genommen werden: Die sind erstens die Nase (Nasenscheidewand- oder Muschelchirurgie), zweitens der weiche Gaumen (Entfernung der Rachenmandeln, Adenotomie, Kürzung oder Entfernung des Gaumenzäpfchens) und drittens der Zungengrund und Hypopharynx.

 

Gefährliche Atemaussetzer

 

Vom primären Schnarchen abzugrenzen ist das obstruktive Schlafapnoe-Syndrom, das sich tagsüber durch ausgeprägte Tagesmüdigkeit mit Sekundenschlafgefahr und nachts durch Atemaussetzer, Albträume sowie röchelnde nächtliche Atemgeräusche äußert. Bei OSAS handelt es sich um ein schwerwiegendes, behandlungsbedürftiges Krankheitsbild. Der Sauerstoffmangel, der durch die nächtlichen Atempausen entsteht, führt nicht nur zu Müdigkeit, sondern erhöht auch das Risiko für Bluthochdruck, Herzrhythmusstörungen, Infarkt und Depressionen. Deshalb ist bei Verdacht auf nächtliche Atemaussetzer oder bei extremer Tagesmüdigkeit der Gang zum Facharzt unabdingbar. Der HNO- oder Lungenfacharzt klärt zunächst die Verdachtsdiagnose mithilfe einer ambulanten Somnografie ab. Dabei werden den Patienten kleine Geräte mit nach Hause gegeben, die diese nachts tragen und die verschiedene Parameter wie Sauerstoffsättigung des Blutes, Atemgeräusche oder EKG aufzeichnen. Bei bestätigtem Schlafapnoe-Syndrom folgt dann meist die ausführlichere Diagnose im Schlaflabor. Die Behandlung erfolgt auch hier je nach Schweregrad durch Operation oder Arzneimittel wie Theophyllin zur Steigerung des Atemantriebs. Beim Schlafapnoe-Syndrom ist die nCPAP-Maske (nasal Continous Positive Airway Pressure) heute die Standardtherapie. Mit dieser therapeutischen Atemmaske wird ein leichter Überdruck in den Atemwegen des Patienten erzeugt. Dadurch wird verhindert, dass die Atemwege zusammenfallen und sich dadurch verschließen (»pneumatische Schienung«). Dies ist allerdings ein symptomatischer Ansatz, der die Störung nicht beseitigt. In Einzelfällen kann eine Operation notwendig sein. /

 

Literatur

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Regli, A., et al.,The impact of postoperative nasal packing on sleep-disordered breathing and nocturnal oxygen saturation in patients with obstructive sleep apnea syndrome. Anesth Analg. (2006) 102(2): 615-620.

Virkkula, P., et al., Snoring is not relieved by nasal surgery despite improvement in nasal resistance. Chest (2006) 129(1): 81-87.

Stoohs, R. A., Aschmann, A., Snoring and Upper Airway Resistance Syndrome (UARS). In: Sleep Disorders Volume 4. Obstructive Sleep Apnea: Diagnosis and Treatment, C. Cushida, Ed.,Informa Healthcare (2007)

Teculescu, D., et al., Habitual loud snoring. A study of prevalence and associations in 850 middle-aged French males. Respiration (2006) 73(1): 68-72.

Berry, R. B., Bonnet, M. H., Light, R. W., Effect of ethanol on the arousal response to airway occlusion during sleep in normal subjects. Am Rev Respir Dis. (1992) 145: 445-452.

Stoohs, R. A., Widerstandssyndrom der oberen Atemwege. Dtsch Arztebl (2007) 104(12): A 784-789.

Guilleminault, C., et al., A cause of excessive daytime sleepiness. The upper airway resistance syndrome. Chest (1993) 104: 781-787.

Wolkove, N., Sleep and aging: 1. Sleep disorders commonly found in older people. CMAJ (2007) 176(9): 1299-1304.

FORSA-Umfrage (2008) im Auftrag der Techniker Krankenkasse

Umfrage GFK (2005)

Nakano, H., Furukawa, T., Nishima, S., Relationship between snoring sound intensity and sleepiness in patients with obstructive sleep apnea. J Clin Sleep Med (2008) 4(6): 551-556.

Behrbohm, H., Kaschke, O., Nawka, T., Kurzlehrbuch Hals-Nasen-Ohrenheilkunde, Thieme (2009): 294.

 

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