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Asthma bronchiale

Wieder richtig durchatmen

27.11.2017
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Von Katja Renner / Die meisten Asthma-Patienten bekommen mehrere Medikamente. Doch welches Spray ist wann angezeigt? Wer braucht einen Spacer, und wie reinigt man ihn? Kann man im Liegen inhalieren? Vor-Ort-Apotheker können solche Fragen klären und arzneimittelbezogene Probleme erkennen und lösen – weil sie ihren Patienten direkt gegenüberstehen.

Erfahrene Apotheker wissen es: Es gibt nichts, was es nicht gibt! Patienten sind äußerst »kreativ«, wenn es um ihre Medika­tion geht. In einem Fall fragte die Apothekerin eine Asthma-Patientin, wann und wie oft sie jeweils das kurz wirksame Salbutamol- und das antientzündliche Budesonid-Spray anwende. Die Patientin erklärte ihr: »Wenn ich starke Luftnot habe, benutze ich das starke Cortison und sonst immer das blaue Salbutamol-Spray – etwa fünf- bis sechsmal täglich. Das wirkt sofort und sehr gut.«

Ein anderer Patient bekam Tiotropiumbromid-Kapseln zur Inhalation mit dem Applikator HandiHaler® verordnet. Der Pneumologe erklärte ihm die Handhabung, und auch das Apothekenpersonal wies daraufhin, dass die Kapseln in den Inhalator einzulegen sind. Beim nächsten Besuch erkundigte sich der Apotheker, ob die Anwendung gut funktioniere. Der Patient bejahte freudig: »Das ist ja nicht schwierig. Die Kapseln habe ich einmal täglich geschluckt und danach mit dem Gerät inha­liert.«

 

Solche Fälle sind nicht außergewöhnlich, denn Patienten mit Asthma bronchiale benötigen dauerhaft Medikamente, und deren Anwendung ist komplex. Zum einen sind inhalative Atemwegstherapeutika per se erklärungsbedürftig und zum anderen muss der Patient über Selbstkontrolle, Verhalten im akuten Asthmaanfall und Vermeidung von Auslösern Bescheid wissen. Zudem ist die Gruppe der ­Asthma-Patienten sehr inhomogen. Das Altersspektrum erstreckt sich vom Kind bis ins hohe Lebensalter. Indivi­duelle Beratung – eine Spezialität der Apotheker – ist hier gefragt.

 

Typisch Asthma

 

Asthma bronchiale zählt neben der chronisch-obstruktiven Lungenerkrankung COPD weltweit zu den häufigsten Atemwegserkrankungen. Wenn sich die beiden Erkrankungen nicht exakt abgrenzen lassen, sprechen Ärzte vom Asthma-COPD-Overlap-Syndrom, kurz ACOS (Kasten).

 

In Deutschland sind etwa 10 bis 15 Prozent der Kinder und etwa 5 bis 7 Prozent der Erwachsenen an Asthma erkrankt. Dem Weißbuch Lunge zufolge stiegen Häufigkeit und Schweregrad in den letzten Jahren an (1). Während bei den meisten Kindern und Jugend­lichen eine allergische Ursache vorliegt, tritt bei 30 bis 50 Prozent der erwachsenen Asthmatiker eine nicht-allergische Form auf. Die Erkrankung beruht auf einem bronchialen Entzündungsgeschehen, das durch zahlreiche Entzündungsmediatoren unterhalten wird. Darauf beruht die sehr spezifische innovative Antikörpertherapie (2).

 

Ein Asthma-Patient kennt die typischen klinischen Symptome wie Luftnot, Brustenge, Pfeifen und Husten. Ausgelöst werden diese durch eine bronchiale Hyperreagibilität, die einen Spasmus der Bronchialmuskulatur und eine Schwellung der Bronchialwände verursacht. Schleimhautödeme und verstärkte Schleimsekretion führen dann zu einer Obstruktion.

 

Die Beschwerden treten – im Gegensatz zur stetigen Progredienz bei COPD – reversibel in Intervallen auf und können mit einer frühzeitigen Thera­pie gut kontrolliert werden. Bei unzureichender Therapie führt die ständige Reizung zu einem langfris­tigen Umbau der Schleimhaut, dem »Remodelling« der Bronchien. Kenn­zeichen sind eine Verdickung der Basalmembran und eine Hypertrophie der glatten Bronchialmuskulatur.

ACOS: Asthma-COPD-Overlap-Syndrom

Asthma und COPD sind differenzial­diagnostisch nicht immer klar zu trennen. Überschneidungen gibt es zum Beispiel bei jüngeren Rauchern, die unter Allergien leiden, oder bei älteren Rauchern, die gleichzeitig eine Atopie-Neigung haben. Die Frage ist, welche Erkrankung überwiegt. Eine hohe Eosinophilen­zahl im Blut deutet zwar auf ein gutes Ansprechen auf inhala­tive Glucocorticoide hin, bedeutet aber nicht zwangsläufig die Diagnose Asthma.

 

Das Asthma-COPD-Overlap-Syndrom (ACOS) ist noch nicht ausreichend definiert, sodass der Arzt entscheiden muss, welche Erkrankung vorrangig therapiert werden soll. In der Apotheke können diese Patienten ohne Arztbericht und Diagnose nur schwer identifiziert werden. Fragen, die mehr Klarheit bringen, sind: Was hat Ihnen der Arzt zu Ihrer Atemwegserkrankung gesagt? Liegen dieser Allergien zugrunde? Darf ich fragen, ob Sie rauchen?

 

Therapieziel: im Alltag ohne Einschränkung

 

Derzeit ist Asthma nicht heilbar. Ziel der Therapie ist vielmehr, die Symptome erfolgreich zu kontrollieren und akute Exazerbationen (Verschlimmerungen) zu vermeiden. Dementsprechend definieren die Nationale Versorgungsleitlinie, die sich zurzeit in Überarbeitung befindet (NVL; 3), und die internationale GINA-Leitlinie (GINA: Global Initiative for Asthma; 4) drei Grade: kontrolliertes, teilweise kontrolliertes und unkontrolliertes Asthma. Als »kontrolliert« gilt ein Patient, wenn er in den letzten vier Wochen keine Aktivitäts­einschränkung, keine nächt­lichen Symptome und weniger als zweimal täglich asthmatische Symptome hatte und seine Bedarfsmedikation nur zweimal pro Woche benötigte. ­Jeder Asthma-Patient sollte mithilfe seiner Medikamente ein möglichst uneingeschränktes Alltagsleben führen können.

 

Um dieses Ziel zu erreichen, erhalten fast alle Patienten sowohl anti­inflammatorisch als auch bronchodilatatorisch wirksame Therapeutika. Die Medikation ist dem aktuellen Beschwerdezustand anzupassen. Das bedeu­tet eine Intensivierung der Thera­pie bei unkontrollierten oder nur teilweise kontrollierten Beschwerden und eine schrittweise Reduktion der Pharmakotherapie bei Besserung. Dieses Prinzip müssen die Patienten kennen und verstehen. Einige Ärzte geben ihnen Notfallpläne mit, in denen definiert wird, mit welchen Dosierungs­erhöhungen sie bei einem bestimmten Peak-Flow-Wert reagieren sollen.

 

Basis- und Akuttherapeutika

Man unterscheidet Dauermedikamente zur Langzeitkontrolle und Bedarfsmedikamente. Zu den »Controllern«, die die Basistherapie sichern, zählen inhalative Glucocorticoide, inhalative lang wirksame Beta-2-Sympathomimetika (LABA: long-acting beta-2-agonists) und inhalative lang wirksame Anticholinergika (LAMA: long-acting muscarinergic antagonists).

 

Zu den Bedarfsmedikamenten gehören die inhalativen rasch wirksamen Beta-2-Sympathomimetika, zum Beispiel das kurz wirksame Salbutamol und das lang wirksame Formoterol. Bereits eine bis zwei Minuten nach der Inhalation spürt der Patient Besserung bei der Atmung.

 

Formoterol hat im Gegensatz zu dem ebenfalls lang wirksamen Salmeterol einen relativ schnellen Wirkungseintritt und kann daher auch bei akuter Atemnot eingesetzt werden. Wenn das therapeutisch gewollt ist, sollte der Arzt Formoterol unbedingt als Dosieraerosol verordnen. Pulver­inhalatoren sind im akuten Anfall nicht geeignet, da der Patient in dieser Notsitua­tion nicht genug Atemzugstärke für ein erfolgreiches Atem­manöver aufbringt.

 

Als Goldstandard gilt, ein inhala­tives Glucocorticoid mit einem lang wirksamen Beta-2-Sympathomimetikum zu kombinieren, da die Mono­therapie mit Salmeterol ohne inhalatives Glucocorticoid in einer Studie mit etwas häufiger auftretenden Asthma-bezogenen Todesfällen in Zusammenhang gebracht wurde (5). Der frühzeitige Einsatz inhalativer Glucocorticoide soll laut der überarbeiteten Leitlinie, die 2018 erscheinen soll, bereits bei Menschen mit leichten Asthma-Symptomen erwogen werden.

 

Für Patienten mit schwerem ­Asthma, das mit oralen und inhalativen Glucocorticoiden nicht ausreichend kontrolliert werden kann, bieten Antikörper eine weitere Therapieoption (Kasten). Diese werden wegen der ­hohen Kosten jedoch nur selten ver­ordnet.

 

Wie im Patientenbeispiel eingangs beschrieben, kennen viele Patienten die Unterschiede zwischen Basis- und Bedarfsmedikation nicht. Daher ist es erste Aufgabe im Beratungsgespräch, die Wirkung des bronchialerweiternden Mittels und des antientzündlichen Glucocorticoids zu erläutern. Nur wenn die Patienten die pathologischen Sachverhalte und die Therapieprinzipien kennen und verstehen, können sie ­diese auch erfolgreich umsetzen.

 

Praktischer Tipp: Werden die Sprays mit roten (Akutmedikament) und blauen (Basismedikament) Aufklebern ­markiert, erleichtert dies den Patienten die Orientierung.

Beratungsaspekte zu Antikörpern

Relativ neu bei Asthma sind therapeutische Antikörper, die sehr gezielt in Mechanismen des inflammatorischen Geschehens eingreifen. So richtet sich der bereits seit mehreren Jahren etablierte IgE-Antikörper Omalizumab gegen zu hohe IgE-Spiegel bei aller­gischem Asthma. Bei eosinophilem Asthma spielt die Aktivität von Interleukin 5 eine wichtige Rolle. Mepolizumab und Reslizumab wirken gegen IL-5. Weitere Antikörper befinden sich in klinischer Prüfung (2).

 

Antikörper werden nur sehr selten verordnet. Dennoch müssen Apotheker auf korrekten Umgang und Lagerung achten. Die Lagerung muss lichtgeschützt in der Originalverpackung bei Kühlschranktemperatur zwischen 2 und 8 Grad Celsius erfolgen. Sowohl höhere als auch niedrigere Temperaturen gefährden die Stabilität der empfindlichen Proteine.

 

Die Antikörper werden von medizinischem Personal injiziert. In der Regel wird das Medikament vor der Anwendung 20 Minuten auf Raumtemperatur angewärmt.

Was läuft alles falsch?

 

Typische arzneimittelbezogene Probleme bei Asthma-Patienten sind fehlerhafte Inhalationstechnik, Non-Adhärenz, falsche Dosierungsintervalle und Lagerungsfehler.

 

Studien haben gezeigt, dass ein großer Teil der Patienten die Inhalationssysteme nicht richtig anwendet und deshalb die Wirkung der Arzneimittel vermindert ist (6). Die Vielzahl an verfügbaren Geräten bedeutet in der ­Praxis, dass die Patienten sich immer wieder an eine andere Bedienung und Atemtechnik gewöhnen müssen. Aufgrund der wechselnden Rabattver­träge weiß der Arzt oft nicht, welches System in der Apotheke abgegeben wird, es sei denn, er setzt das Aut-idem-Kreuz. 

In der NVL heißt es (3): »Apotheker können unter anderem durch Überprüfung und Korrektur der Anwendung von Inhalationssystemen zu einer leit­liniengerechten Inhalationstechnik und einer Steigerung der Therapietreue (Adhärenz) beitragen.« Wenn dabei deutlich wird, dass das Gerät für den Patienten nicht geeignet ist, sollte das Apothekenteam Rücksprache mit der Arztpraxis halten und interdisziplinär eine Lösung finden.

 

In puncto Rabattverträge können Apotheker »Pharmazeutische Bedenken« geltend machen, wenn sie erkennen, dass der Patient das rabattierte Arzneimittel nicht richtig anwenden kann. Typisches Beispiel ist ein Einzel-Dosis-Pulverinhalator wie der Aero­lizer® oder HandiHaler®, bei dem eine Kapsel in das Gerät eingelegt werden muss. Menschen mit rheumatischen oder arthritischen Veränderungen der Hände oder mit Tremor können diese Feinmotorik oftmals gar nicht auf­bringen.

 

Das richtige Atemmanöver ist für viele Patienten schwierig. So sollte die Inhalation mit einem Dosieraerosol langsam und gleichmäßig, mit einem Pulverinhalator kräftig und stoßartig erfolgen, damit die Pulverpartikel ausreichend desagglomeriert und in die Lunge transportiert werden. Den Kopf sollten die Patienten bei der Inhalation leicht nach hinten neigen. Dies können Apotheker korrigieren, wenn sie sich die Inhalation demonstrieren lassen.

 

Ein häufiges Problem bei der Inhalation mit Dosieraerosolen ist, dass die Koordination von Auslösen und Einatmen nicht klappt. Kinder unter fünf Jahren oder alte Menschen mit geringem Atemzugvolumen sollten daher am besten mit einem Spacer inhalieren. Das ist auch sinnvoll bei Patienten nach Schlaganfall, die das Mundstück nicht vollständig mit den Lippen umschließen können. Nach dem Einsprühen des Dosierstoßes in den Spacer kann der Patient die Dosis ganz entspannt einatmen, entweder durch ein Mundstück oder eine Inhalations­maske.

 

Pflegebedürftige Patienten benötigen beim Inhalationsvorgang in der ­Regel Unterstützung. Apotheker sollten deshalb mit den Angehörigen die Inhalation üben und sie darauf hin­weisen, dass sie bettlägerige Menschen zunächst in eine aufrecht sitzende Posi­tion bringen müssen.

 

Bei den Pulverinhalatoren ist die Feuchtigkeitsempfindlichkeit zu beachten. Bei starkem Speichelfluss sollte das Mundstück immer erst abgewischt werden, bevor es wieder verschlossen wird. Sonst verklumpt das Pulver in Reservoir­systemen (Easyhaler®, Turbo­haler®). Einige Geräte (Beispiel Easy­haler®) sollen geschüttelt und andere (Beispiel Turbohaler®, Elpenhaler®) nach dem Laden möglichst nicht erschüttert werden.

 

Studien zeigen, dass die Gewöhnung an die Handhabung eines bestimm­ten Inhalationssystems eine wichtige Rolle für den Therapieerfolg spielt (7). Ein Präparatewechsel kann Anwendungsfehler zur Folge haben; dies gilt besonders bei Kindern, älteren Menschen und Patienten, bei denen bereits die Ersteinstellung sehr viel Schulung erforderte. Selbst ohne Sub­stitution liegt die Fehlerquote bei der Anwendung inhalativer Arzneimittel langfristig bei nahezu 80 Prozent. Dass Apotheker die Inhalationstechnik von Patienten maßgeblich verbessern können, zeigte die VITA-Untersuchung zur »Verbesserung der Inhalationstechnik von Menschen mit Asthma oder COPD in Apotheken« (7).

 

Auch wenn Schulungsvideos und Kurzanleitungen der einzelnen Geräte leicht verfügbar sind und sicher zur richtigen Anwendung beitragen: Pa­tienten entwickeln die höchste Kom­petenz bei der Inhalation, wenn sie von einem Experten fachgerecht geschult werden – am besten mit Wiederholungen (8).

 

Achtung Hygiene

Wer die Inhalationsgeräte im Beratungsgespräch umfassend erläutern will, sollte auch auf deren Reinigung eingehen. Immer wieder reklamieren Patienten scheinbar funktionsuntüchtige Geräte, bei denen Verunreinigungen am Mundstück den Ausgang verkle­ben. Bei Dosieraerosolen oder dem Respimat®, die nicht regelmäßig benutzt werden, sollten der erste beziehungs­weise die beiden ersten Sprühstöße verworfen werden. Es ist sinnvoll, beim Öffnen des Deckels das Mundstück zu kontrollieren, denn nicht selten verirren sich Krümel oder Staubpartikel aus der Hosentasche hierher.

 

Spacer sollten einmal pro Woche mit etwas Spülmittel gereinigt und abgetrocknet werden. Das ist sogar bei niedrigen Temperaturen in der Spülmaschine möglich.

 

Pulverinhalatoren, bei denen Kapseln eingelegt und vor der Inhalation angestochen werden, sollten anschließend mit einem trockenen Tuch oder einem feinen Pinsel von den Pulver­partikeln befreit werden. Hier darf ­wegen der Verklumpungsgefahr am Mundstück nicht feucht gereinigt ­werden. Bei vermehrtem Speichelfluss, aber auch bei einer Erkältung ist das Abwischen des Mundstücks schon aus hygienischen Gründen zu empfehlen.

Fallbeispiel: Basisberatung von Mutter und Sohn

Eine Mutter kommt mit ihrem zwölfjährigen Sohn in die Apotheke. Der Junge habe eine Hausstaubmilben­allergie und daraus sei ein Asthma bronchiale entstanden. Sie löst ein Rezept über Viani® Diskus (Salmeterol und Fluticason) und Salbutamol-Dosier­aerosol ein. »Dazu bekamen wir in der Praxis noch ein Messgerät; man hat zwar alles erklärt, aber ich war so aufgeregt, dass ich gar nicht alles mitbekommen habe«, sagt die Mutter.

 

Die Apothekerin nimmt Mutter und Sohn mit in die Beratungsecke und holt die verordneten Medikamente. Sie erläutert das allergisch bedingte Entzündungsgeschehen in den Bronchien, die zweimal tägliche Inhalation der Basismedikation mit anschließendem Spülen des Mundes und die Verwen­dung von Salbutamol als ­Akutspray, das unter Anstrengung oder 15 Minuten vor dem Sport inhaliert wird.

 

Die Mutter sorgt sich, dass der Sohn wieder schlecht Luft bekommt. »Am liebsten würde ich ihn vom Schulsport befreien.« Die Apothekerin beruhigt sie und zeigt das Peak-Flow-Meter. Das sei genau das richtige Gerät, um den Zustand des Sohnes objektiv einzuschätzen. Sie erläutert dem Jungen das Atemmanöver: »Du musst aufrecht stehen und so fest du kannst in das Gerät pusten – als wolltest du alle Kerzen auf einem Geburtstagkuchen auf einmal auspusten. Dann trägst du den Wert mit deiner Mutter in dieses Tagebuch ein. So weißt du bald, was dein Bestwert ist, wenn es dir richtig gut geht. Werte, die deutlich darunter liegen, zeigen an, dass du mit deinem Arzt sprechen musst oder dass das Akutspray bei Anstrengung notwendig ist.«

 

Abschließend gibt die Apothekerin eine Broschüre zum Verhalten im akuten Asthmaanfall mit und rät zu Encasings für die Matratze und eine Wohnumgebung ohne Staubfänger.

 

Dosierungsintervalle erfragen

 

Um die korrekte Therapie zu beurteilen, sollten Apotheker nach der Häu­figkeit der Inhalation von Akut- und Dauer­medikation fragen. Verwenden Patienten das Akutspray sehr oft pro Tag, so deutet das auf eine Verschlimmerung der Obstruktion hin, insbesondere wenn die Basismedikation im Gegen­zug vergessen wird.

 

Werden Asthmatiker auf andere Arzneistoffe umgestellt, die anders ­dosiert werden, sollte das neue Dosierungsintervall besprochen und auf dem Medikationsplan des Patienten ordnungsgemäß vermerkt sein. Falsche Dosierungen können ein Zeichen für unbewusste (unbeabsichtigte), aber auch für bewusste Non-Adhärenz sein.

 

Cortison-Angst oft unbegründet

 

Ein Hauptauslöser von bewusster Non-Adhärenz ist die Angst vor den Ne­benwirkungen eines Corticoids. Dies erfährt der Apotheker aber nur, wenn er empathisch Vorbehalte erspürt und genauer nachfragt. Eine gute Einstiegsfrage ist: »Wissen Sie, welches Spray wie wirkt und wie oft Sie inhalieren sollen?« Aus der Antwort lässt sich oftmals heraushören, ob der Patient die Anwendung korrekt vornimmt. So antwortete eine Patientin darauf: »Na ja, das Corticoid vergesse ich schon einmal, aber wissen Sie, meine Nachbarin nimmt ebenfalls so etwas gegen ihr Rheuma und hat ganz schön zugenommen. Das möchte ich nicht auch noch.«

 

Die Patienten kennen meist nicht den Unterschied zwischen inhalativer und systemischer Gabe. Außerdem zweifeln manche an der Medikation, da sie im Gegensatz zu den Bronchodilata­toren keine direkte zeitnahe Wirkung spüren. Informationen zum Wirkmechanismus, zur Bedeutung der regel­mäßigen Anwendung und der guten Verträglichkeit der niedrig dosierten inhalativen Corticoide sind daher sehr wichtig. Formulierungen wie »körper­eigener Stoff« oder »die Feuerwehr ­gegen das Entzündungs­geschehen« helfen, Ängste abzubauen.

 

Ein positiver Motivator kann das Peak-Flow-Meter sein. So kann der Apotheker mit dem Patienten vereinbaren, über einen festen Zeitraum, zum Beispiel zwei Wochen, das Corticoid bestimmungs­gemäß anzuwenden und parallel dazu täglich seine Peak-Flow-Werte zu messen. Sieht der Patient, dass sich seine Lungenfunktionswerte mit der regelmäßigen Corticoid-Anwendung bessern, hat er einen Beweis für die Wirksamkeit der Therapie.

 

Natürlich sollten Apotheker außerdem immer auf das Ausspülen des Mundes, Zähneputzen oder Essen nach der Inhalation zur Vorbeugung von Soorbefall und Heiserkeit hinweisen. Benötigen Patienten über längere Zeit systemische Corticoide, sollte man insbesondere Frauen ab dem mittleren Alter auf das Thema Osteoporose-Prophy­laxe und Messung der Knochendichte aufmerksam machen.

Was nützt ein Peak-Flow-Meter?

 

Um die richtige Selbsteinschätzung des Patienten zu fördern oder wie im Fallbeispiel der Mutter mehr objektive Sicherheit zu geben, ist die regelmäßige Atemwegskontrolle mithilfe eines Peak-Flow-Meters zu empfehlen. Es ist ein einfaches Gerät zur relativen Überprüfung der Lungenfunktion, das es in unterschiedlichen Ausführungen bis hin zur elektronischen Variante gibt. In der Regel geben Lungenfachärzte ihren Patienten einfache Geräte bereits aus der Praxis mit. Aber auch die Verordnung als Hilfsmittel und Erstattung über die Krankenkasse sind möglich. Um Jugendliche zur Peak-Flow-Messung zu motivieren, raten Ärzte gerne zu einer App, die die gemes­senen Werte dokumentiert, auswertet und an den Arzt übertragen kann.

 

Viele Asthma-Patienten haben ein Gerät zu Hause, benutzen es aber nicht. Deshalb lohnt es sich, in der Apotheke danach zu fragen und den Patienten zu ermuntern, immer mal wieder die Werte zu messen. Die in ein Asthma-Tagebuch eingetragenen Messwerte ermöglichen es, Verän­derungen des Gesundheitszustands festzustellen und früh genug auf eine sich anbahnende Verschlechterung zu reagieren.

 

Sehr anschaulich kann sich der Pa­tient an dem Ampelschema orientieren. Fallen seine Werte in den gelben (80 bis 50 Prozent vom Bestwert) bis roten Bereich (unter 50 Prozent vom Bestwert), dann sollte er zum Arzt ­gehen. In der Regel wird dieser dann die Asthmatherapie intensivieren.

 

Ebenso sollte der Patient die wichtigsten Maßnahmen im akuten Notfall kennen: Inhalation des kurz wirk­samen Beta-Sympathomimetikums, Entspannungspositionen und Atmung über die Lippenbremse (Grafik). Außerdem sollten die Angehörigen oder Kollegen am Arbeits­platz über die Erkrankung und die Notfall-Medikamente informiert sein, sodass sie im Notfall helfen können. Das Apothekenteam kann ­diesen Notfall mit dem Patienten besprechen und üben. /

 

Literatur 

  1. European whitebook Lung. www.erswhitebook.org/chapters/ adult-asthma; aufgerufen am 2. Nov. 2017.
  2. Bendas, G., Asthmatherapie: Neue Targets, neue Antikörper. Pharm Ztg Nr 3 (2017) 178-185.
  3. Nationale Versorgungsleitlinie Asthma. 2. Aufl. Version 1.2 (2010); www.asthma. versorgungsleitlinien.de; aufgerufen am 1. Nov. 2017.
  4. GINA, http://ginasthma.org; aufgerufen am 1. Nov. 2017.
  5. Nelson, H., et al., The Salmeterol Multi­center Asthma Research Trial: a comparison of usual pharmacotherapy for asthma or usual pharmacotherapy plus salmeterol. Chest 129 (1) (2006) 15-26.
  6. Cochrane, M. G., et al., Inhaled corticosteroids for asthma therapy: patient compliance, devices, and inhalation technique. Chest 117 (2000) 542-550.
  7. Hämmerlein, A., Müller, U., Schulz, M., NVL Asthma: Apotheker sind mit eingebunden. Pharm. Ztg. Nr. 8 (2010) 716-723.
  8. Axtell, S., Haines, S., Fairclough, J., Effective­ness of various methods of teaching proper inhaler technique. J Pharm Pract 30 (2017) 195-201.

Die Autorin

Katja Renner studierte Pharmazie an der Rheinischen Friedrich Wilhelm Universität, Bonn, und wurde an der Universität Köln promoviert. Seit 1996 ist sie in öffentlichen Apotheken tätig. Sie arbeitet seit 2000 als Dozentin für verschiedene Apo­thekerkammern und die ABDA. Ihr Schwerpunkt ist die praxis­nahe Fortbildung zu Themen wie Depression, Kinder- oder Atemwegs­erkrankungen sowie zu Arzneimitteln in der Schwangerschaft. Renner ist Mitglied des Fort- und Wei­ter­bil­dungs­aus­schus­ses der Apothekerkammer Nordrhein und gehört zum Projektteam von ATHINA. Sie veröffentlichte zahlreiche Artikel in Fachzeitschriften und ist Buchautorin.

 

Dr. Katja Renner
Patersgraben 9
41849 Wassenberg
E-Mail: k.k.renner@t-online.de

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