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Europharm Forum

Paneuropäisch gegen Pandemien und Fälschungen

27.11.2007
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Europharm Forum

Paneuropäisch gegen Pandemien und Fälschungen

Von Mona Tawab, Bratislava

 

Vertreter aus 24 europäischen Ländern diskutierten in der Slowakei über die Arzneimittelsicherheit im Internet, die Rolle der Apotheker bei einer Influenzapandemie sowie die Weiterentwicklung der pharmazeutischen Berufe vor dem Hintergrund der Migration.

 

Das 1992 gegründete Europharm Forum ist eine Gemeinschaftsinitiative nationaler Apothekerorganisationen aus 32 europäischen Ländern. Im siebenköpfigen Vorstand vertritt Karin Graf (Vizepräsidentin der Landesapothekerkammer Baden-Württemberg) die Interessen Deutschlands bei der Konzeption und Gestaltung der Aktivitäten des Europharm Forums. Ziel des Forums ist es, durch länderübergreifenden Erfahrungsaustausch die pharmazeutische Praxis in Apotheken weiterzuentwickeln und in enger Kooperation mit der Weltgesundheitsorganisation (WHO) spezielle Projekte zur Gesundheitsförderung durchzuführen. Für diesen Zweck wurden in den vergangenen Jahren 19 Arbeitsgruppen gegründet, die sich mit unterschiedlichen Themen unter anderem Diabetes mellitus, Asthma bronchiale, Raucherentwöhnung sowie allgemeinen Arzneimittelfragen befassen. Auf der Basis der durch die WHO gesetzten Prioritäten wurden acht Arbeitsgruppen (sichere Anwendung von Medikamenten, psychische Leiden, Krebs, Fettleibigkeit, Influenzapandemie, Gesundheitssysteme, Arzneimittelqualität, Ausbildung und Fortbildung)  als »high priority working group« (Arbeitsgruppen mit höchster Priorität) deklariert. Die hohe Priorität, welche diesen Arbeitsgruppen zugeteilt wurde, spiegelt sich auch in den klar definierten Zielen wider. So will die Arbeitsgruppe »Qualitätssicherung - Arzneimittelfälschung« eine Leitlinie entwickeln, die Apothekern das Erkennen von Arzneimittelfälschungen erleichtern und bei Fragen zu gefälschten Arzneimitteln beraten und unterstützen soll.

 

Deutschland als Vorbild

 

Valide Daten zum Ausmaß von Arzneimittelfälschungen in Europa sollen nationale Apothekerorganisationen in ihren Bemühungen unterstützen, politische Institutionen von den Gefahren gefälschter Arzneimittel und der Notwendigkeit strenger Kontrollen des Internethandels zu überzeugen. Die Arbeitsgruppe umfasst sieben Mitgliedsstaaten (Belgien, Dänemark, Deutschland, Frankreich, Ungarn, Mazedonien, Schweden), wobei Deutschland von Dr. Mona Tawab vom Zentrallaboratorium Deutscher Apotheker (ZL) vertreten wird. Im Rahmen ihres Plenarvortrags zur Qualität von Arzneimitteln im Internet präsentierte Tawab die Ergebnisse der ZL-Testkäufe von illegalen Arzneimittelhändlern. Sie warnte vor der stetig wachsenden Gefahr durch gefälschte Arzneimittel aus dem Internet, denn auch kürzlich durchgeführte Testkäufe von Sildenafil zeigten, dass 50 Prozent der gelieferten Präparate mit einem Mindergehalt von 50 Prozent Wirkstoff gefälscht sind. Mit diesen Studien nimmt Deutschland in Europa eine Vorreiterrolle ein, weshalb zahlreiche Teilnehmer angekündigt haben, die ZL-Ergebnisse auch in ihren Ländern präsentieren zu wollen. Mit ihrem Vortrag unterstrich Tawab ihre Forderung, in der Arbeitsgruppe Qualitätssicherung eine Strategie zu entwickeln, Patienten auf die Gefahren des Vertriebs gefälschter Arzneimittel im Internet aufmerksam zu machen.       

 

Neben dem Thema Arzneimittelfälschungen steht auch eine mögliche Influenzapandemie im Zentrum der Aktivitäten des Europharm Forums. So hat sich die Arbeitsgruppe »Influenzapandemie« zur Hauptaufgabe gesetzt, die Rolle der Apotheker in verschiedenen europäischen Nationalplänen zu identifizieren und Empfehlungen zum Verhalten von Apothekern im Pandemiefall herauszugeben. Derzeitige Mitglieder dieser Arbeitsgruppe sind Frankreich, Ungarn, Irland, Mazedonien, Großbritannien und  Deutschland (vertreten durch Dr. Daniela Schierhorn, ABDA). Schierhorn präsentierte die Aufgaben der deutschen Apotheker im Falle einer Influenzapandemie. Auch die Vertreterinnen aus Großbritannien und Frankreich skizzierten jeweils die Aufgaben der Apotheker in ihren Ländern. Auf Vorschlag von Schierhorn wird die Arbeitsgruppe einen Fragebogen zu den pandemiespezifischen Aufgaben der Apotheker entwickeln, der allen Mitgliedsorganisationen zugehen wird. Nach Auswertung der eingegangen Antworten soll ein an die WHO gerichtetes Statement abgeleitet werden, um darzustellen, welche Verantwortung die Apotheker im Pandemiefall europaweit übernehmen werden.

 

Angesichts der anstehenden europäischen WHO-Konferenz zu »Health Systems, health and wealth« im Juni kommenden Jahres in Estland beabsichtigt das Europharm Forum konstruktive Vorschläge zur Unterstützung der pharmazeutischen Berufe zu unterbreiten. Daher soll die bei diesem Treffen noch nicht aktive Arbeitsgruppe »Health Systems« (Gesundheitssysteme) in nächster Zeit als »high priority working group« aktiviert werden. Die Rolle der Apotheker und deren Autonomie bei der Betreuung, Beratung und Aufklärung von Patienten soll gestärkt werden. Vertreten wird Deutschland hier durch Mark-Rüdiger Metze (ABDA).

 

Blick nach Osteuropa

 

Ungarn gewährte einen detaillierten Einblick in sein bisher größtes nationales Diabetes-Präventionsprogramm. Im Rahmen dieser Aktion waren freiwillig teilnehmende 401 ungarische Apotheken aufgefordert, anhand von Fragebögen Risikoträger aus ihrer Kundschaft zu identifizieren, bei Verdacht Glucosemessungen  vorzunehmen und im Bedarfsfall die Patienten aufzuklären und an einen Arzt zu verweisen. In 14 Monaten registrierten die Apotheker insgesamt 22.398 Interventionen. Eine hohe Zahl, die auf die unentbehrliche Rolle des Apothekers bei der Früherkennung von Krankheiten in der Bevölkerung  hindeutet.

 

Da heutzutage auch in pharmazeutischen Berufsfeldern eine verstärkte Migration aus osteuropäischen Ländern in westliche Länder zu beobachten ist, wurde in einem speziellen Symposium auf die Notwendigkeit der Verbesserung der  Ausbildung und der Etablierung von Standards der Good Pharmaceutical Practice in den unabhängigen europäischen Ländern der ehemaligen Sowjetunion hingewiesen. Alle Teilnehmer waren sich einig, angesichts  der Unterschiede in der praktizierten Pharmazie in Europa, die Harmonisierung der Qualitätsstandards schnellstens voranzutreiben. Am Ende der Generalversammlung waren die Teilnehmer um zahlreiche Erfahrungen aus anderen europäischen Ländern reicher. Auch aus deutscher Sicht war die diesjährige Konferenz ein Erfolg, denn wieder einmal hat Deutschland mit seinen Beiträgen die Aktivitäten des Europharm Forums erheblich geprägt und sich damit einen festen Platz bei der Gestaltung der europäischen pharmazeutischen Politik gesichert.

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