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Pharmazeutische Betreuung

Jeden Tag gut beraten

27.11.2007
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Pharmazeutische Betreuung

Jeden Tag gut beraten

Von Christiane Berg, Hamburg

 

Die Apothekerkammer Hamburg war Gastgeber des dritten Wochenendworkshops »Patient und Pharmazeutische Betreuung«. Die Teilnehmer erfuhren unter anderem, was rund um die Betreuung von COPD-Patienten und Diabetikern wichtig ist.

 

Der Präsident der Kammer, Rainer Töbing, zeigte sich am vergangenen Novemberwochenende erfreut über die mit 400 Apothekern fast doppelt so große Teilnehmerzahl als im März 2003. Dieses belege, dass die Fortbildung im Allgemeinen und die Pharmazeutische Betreuung im Besonderen immer mehr an Bedeutung gewinnt.

 

Regelmäßige Fortbildung, so Töbing, sei besonders wichtig, da sich die Apotheker von anderen Mitstreitern, die in den pharmazeutischen Markt drängen, abheben müssen. »Pharmazeuten sind für die Gesellschaft nur von Bedeutung, wenn sie ihre heilberufliche Tätigkeit ernst nehmen und sich aktiv dazu bekennen.« Und: »Auch und gerade unsere gute Beratungsqualität ist von großer Bedeutung. Diese gilt es zu halten und zu verbessern, damit sie vor der Öffentlichkeit und den Medien bestehen kann«, betonte der Kammerpräsident.

 

Aufgabe mit vielen Gesichtern

 

In den acht Seminaren des Wochenendworkshops, der auch in München (siehe dazu Pharmazeutische Betreuung: Alles dreht sich um den Patienten, PZ 43/2007) und in Dresden (siehe dazu Pharmazeutische Betreuung: Patienten möchten Beratung, PZ 46/2007) stattfand, ging es unter anderem um die richtige Kommunikation von Arzneimittelwirkungen, um die Effektivität von Pseudo-Customer-Besuchen, um die Bedeutung wichtiger Interaktionen sowie um die Betreuung von Depressiven, Osteoporose- und Schmerzpatienten.

 

»Der Betreuungsfall COPD-Patient ist eine Aufgabe mit vielen Gesichtern«, unterstrich Apothekerin Peggy Münch, Hamburg. Chronisch obstruktive Lungenerkrankungen nehmen weltweit zu. In Deutschland steht die COPD hinsichtlich Arbeitsunfähigkeit und Frühverrentung auf Platz eins. 15 Prozent der über 40-Jährigen beziehungsweise 30 Prozent der über 70-Jährigen sind in der Bundesrepublik an COPD erkrankt. »Der COPD-Patient begegnet uns in der Apotheke fast täglich. Trotz ähnlicher medikamentöser Therapie sind bei seiner Beratung ganz andere Schwerpunkte zu setzen als beim Asthma-Patienten«, betonte sie.

 

Zwar fördern Infektionen und Umweltfaktoren wie Feinstäube, Ozon und Auto-Abgase die Entstehung der COPD, jedoch ist Rauchen in den Industrieländern Hauptursache, machte die Referentin deutlich. Der Raucherentwöhnung komme daher große Bedeutung zu. »Der Nikotinersatz erhöht die Effektivität der Raucherentwöhnung auf das Zwei- bis Dreifache. Dabei hängt die Höhe der Nikotinersatztherapie von den Rauchgewohnheiten ab«, so die Apothekerin. Bei Rauchstopp müsse bedacht werden, dass bei gleichzeitiger Gabe zum Beispiel von Theophyllin, Insulin, Propranolol oder Salbutamol eine Dosisänderung angezeigt sein kann.

 

Chronischer Husten ist zumeist Initialsymptom der COPD, das vom Patienten zumeist nicht ernst genommen wird. Er tritt zunächst vorrangig morgens, später vermehrt während des Tages auf und ist oft von chronischem Auswurf beziehungsweise Atemnot unter Belastung oder auch in Ruhe geprägt. Pfeifende Atemgeräusche sind möglich. Fragt ein Husten-Patient regelmäßig nach Mitteln zur Selbstmedikation, so müsse der Apotheker besondere Aufmerksamkeit walten lassen und gegebenenfalls zur ärztlichen Konsultation raten. Durch die Frühdiagnose lässt sich die Prognose deutlich verbessern.

 

Neben nicht medikamentösen, also zum Beispiel physiotherapeutischen sowie ernährungs- und atemtechnischen Maßnahmen schilderte Münch medikamentöse Therapieoptionen und hier β2-Sympathomimetika, Anticholinergika und Theophyllin sowie inhalative und orale Corticoide. Handi-, Turbo- und Autohaler, Diskus, Dosieraerosol oder Inhalator: Zu den Aufgaben des Apothekers zähle die Erklärung der korrekten Anwendung inhalativer Arzneiformen.

 

Nadel nur einmal benutzen

 

Das gilt auch für den Umgang mit Insulinpens und anderen Injektionshilfen: Dr. Horst Günter Klar, Essen, zeigte die generellen Prinzipien von Halbautomaten mit Auslöseschieber und Dreh-Dosierknopf sowie von Drehscheiben-Spiral-Druckknopf-, Drehspiral-Druckknopf- und Raster-Druckknopf-Pens auf. »Wenn man die Konstruktion einmal verstanden hat, dann ist es ein Klacks, damit umzugehen.« Dem Patienten müsse deutlich gemacht werden, dass vor jeder Injektion die Funktionstüchtigkeit zu prüfen ist. Nach jeder Injektion muss die Nadel abgeschraubt werden, da es sonst zur Luftblasenbildung in der Patrone oder Verstopfung der Nadel kommen kann.

 

»Ein Pen ist immer nur für eine Person und ein Insulin gedacht. Pen, Insulin, Patrone und Nadel sollten immer vom selben Hersteller sein. Das hat etwas mit Sicherheit zu tun«, sagte Klar. Die Nadel darf immer nur einmal benutzt werden, betonte er. Denn bereits bei der ersten Benutzung wird die gleitende Silikonschicht abgerieben und die Spitze beschädigt. Das führt zu erheblichen Schmerzen, kleinen Blutungen und Lipohypertrophien, also Verdickungen des Unterhautfettgewebes bei weiteren Injektionen.

 

Der Referent zeigte auf, dass das Risiko einer Lipohypertrophie mit der Verwendungshäufigkeit der Nadeln wächst. Bei Wiederverwendern ist es um 31 Prozent erhöht. In Frankreich wird eine Nadel im Durchschnitt 1,8-mal, in Deutschland 9,2-mal verwendet. Klar äußerte Unverständnis, dass es noch immer Fachleute gibt, die den mehrmaligen Gebrauch von Nadeln propagieren. »Nadeln sind Einmalprodukte. Wer zu ihrem wiederholtem Einsatz rät, ist regressfähig«, warnte er. 

 

Ob Pen, Pumpe oder Einmalspritze: Zur professionellen Patientenberatung zählt, dass der Apotheker dem Patienten nicht nur sämtliche Funktionen der Applikationshilfen je nach Gerätetyp sowie die Vorbereitung beziehungsweise Durchführung der Insulinapplikation, sondern auch die Entsorgung und Aufbewahrung (ebenfalls auf Reisen) erklärt. So sollten im Urlaub für den Notfall stets Insulinpatronen in doppelter Menge und eventuell auch zwei Pens mitgenommen werden. Wenn Diabetiker per Flieger auf Reisen gehen und kein Risiko wegen der verschärften, besonders in den USA oft »knallharten« Kontrollen nach den Terroranschlägen vom 11. September eingehen wollen, sollten sie stets ein vom Arzt unterschriebenes Attest bei sich haben. Dieses sollte bescheinigen, dass mitgeführte Gegenstände wie Ampullen, Spritzen, Kanülen, Pens, Desinfektionsmittel oder auch Blutzuckerteststreifen und Messgerät notwendig sind, um eine ordnungsgemäße Therapie sicherzustellen. Klar verwies auf das Beispiel eines Vordrucks im Manual zur Pharmazeutischen Betreuung, Band 3, des Govi-Verlags. »Die gesamte Versorgung gehört ins Handgepäck, zumal die Temperaturen im Flugzeugbauch zumeist unter null Grad Celsius sinken und das Insulin gefriert und somit zerstört wird«, so Klar.

 

Zu Hause müssen noch nicht genutzte Patronen im Kühlschrank bei zwei bis acht Grad Celsius im Karton und vor Einsatz zwei Stunden bei Raumtemperatur gelagert werden. Keinesfalls dürfen diese dem Sonnenlicht ausgesetzt werden. Bereits benutzte Pens mit Patrone sind stets in Nullstellung mit eingerastetem Dosierknopf bei Raumtemperatur im Etui aufzubewahren und bei tiefen Temperaturen am Körper zu tragen.

 

Vorteil der Pens für den Patienten, so Klar, ist die einfache Handhabung, die selten zu Dosierfehlern führt und größte Flexibilität und Mobilität erlaubt. Die Vorbereitung der Spritze unter eventuell unhygienischen und entwürdigenden Bedingungen erübrigt sich. Mit den Pens geht eine höhere Bereitschaft zur intensivierten Insulintherapie und somit eine bessere Stoffwechseleinstellung der Diabetiker einher. Ein Baustein der effektiven Beratung des Apothekers, so Klar, ist gleichermaßen das kontinuierliche Monitoring, sprich: die Evaluation der Insulinanwendung des Patienten unter Alltagsbedingungen sowie das Besprechen von eventuellen Fehlern und Problemen mindestens zweimal pro Jahr.

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