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Pharmazeutische Betreuung

Patienten möchten Beratung

13.11.2007
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Pharmazeutische Betreuung

Patienten möchten Beratung

Von Bettina Sauer, Dresden

 

Zum zweiten Mal in diesem Jahr konnten Apotheker beim Wochenendworkshop »Patient und Pharmazeutische Betreuung« Tipps für den Praxisalltag sammeln, diesmal am 10. und 11. November in Dresden.

 

Sie freue sich, eine so große Zahl von Interessenten zu begrüßen, sagte Dr. Brigitte Schilling, Vizepräsidentin der Sächsischen Landesapothekerkammer, bei der Eröffnung. »Das zeigt, wie viele Apotheker vom Wert der Pharmazeutischen Betreuung überzeugt sind.« Mittlerweile gäben viele Projekte dieser Einschätzung recht, etwa mit Diabetikern, Hypertonikern oder Migränepatienten. »Das Fazit davon lautet: Pharmazeutische Betreuung ist machbar. Sie wird vom Patienten begrüßt. Und sie verbessert seine Arzneimitteltherapie und Lebensqualität.«

 

Diesen zweiten von drei Wochenendworkshops richteten die Apothekerkammern Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen sowie das Zentrum für Arzneimittelinformation und Pharmazeutische Praxis (ZAPP) der ABDA gemeinsam aus. Die Seminare griffen einzelne Aspekte der Pharmazeutischen Betreuung auf.

 

Überlebenstraining für Testkäufe

 

»Pseudo Customers«: Diese Testkäufer sind gar keine echten Kunden, sondern speziell geschulte Apotheker. Sie überprüfen die Beratungsqualität ihrer Kollegen und deren Mitarbeiter und geben anschließend ein Feedback. Das Konzept bildet eine Kooperation der Landesapothekerkammern mit der Werbe- und Vertriebsgesellschaft Deutscher Apotheker (WuV) und dem ZAPP der ABDA. Apothekerin und ZAPP-Mitarbeiterin Karin Berger hat es mit aufgebaut. »Wir wollen nicht etwa Angst und Schrecken in den Apotheken verbreiten«, sagte sie im Seminar, »sondern vielmehr die Qualität der Beratung zu verbessern.« Die gewonnenen Daten blieben vollkommen anonym und dienten als Argument für die politische Diskussion. »Wenn die Apotheken ihre Kernaufgabe gut erfüllen und im Pseudo-Customer-Konzept beweisen, trägt das zum Erhalt der inhabergeführten öffentlichen Apotheke und der Apothekenpflicht für Arzneimittel bei.«

 

Die meisten Testkäufer verlangen Produkte zur Selbstmedikation, und zwar entweder gegen ein bestimmtes Symptom, zum Beispiel »etwas gegen Rückenschmerzen«. Oder aber sie möchten ein konkretes Präparat, wie etwa »eine große Packung ASS«. Nun gilt es, im Beratungsgespräch zu überprüfen, ob die Grenzen der Selbstmedikation überschritten sind. Dann soll der Apotheker dringend den Arztbesuch empfehlen. Spricht hingegen nichts gegen die Selbstmedikation, hat er ein geeignetes Präparat auszuwählen, patientenfreundlich darüber zu informieren, Einnahmehinweise zu geben und gegebenenfalls ergänzende nichtmedikamentöse Maßnahmen zu erläutern. Um solch eine erfolgreiche Beratung zu führen, zählen Berger zufolge neben dem pharmazeutischen Sachverstand der richtige Mix aus offenen Fragen, aufmerksamem Zuhören und verständlichen Auskünften.

 

Berger nannte konkrete Tipps, die den Einstieg in das Gespräch erleichtern. Präsentiert der Patient etwa ein Symptom wie Rückenschmerzen, kann der Apotheker sagen: »Wenn ich Ihnen ein paar Fragen stellen darf, finden wir schnell das Richtige für Sie.« Und auf den konkreten Wunsch nach ASS kann er nachhaken:  »Für wen ist das Medikament?« Damit sei gleich eine entscheidende Information gewonnen. Denn viele Präparate zur Selbstmedikation eigneten sich zum Beispiel nicht für Kinder, Schwangere oder Stillende. Um die Selbstdiagnose des Patienten zu überprüfen, dient Berger zufolge ein ganzes Bündel an Fragen: »Seit wann bestehen die Beschwerden? Wann treten sie auf? Wie genau äußern sie sich? Gibt es Begleitsymptome?« Und bei der Suche nach den Ursachen können folgende helfen: »An welchen anderen Erkrankungen leiden Sie?« und »Welche weiteren Arzneimittel nehmen Sie ein?« Damit lasse sich auch sicherstellen, welche Präparate aufgrund möglicher Gegenanzeigen und Wechselwirkungen besser in der Apotheke bleiben. »Diese Fragen und ein offenes Ohr für die Antworten sichern eine umfassende Beratung«, sagte Berger. »Damit müsste man ein sehr positives Feedback vom Pseudo Customer bekommen. Und einen echten Patienten bewahrt man möglicherweise vor Schäden durch Arzneimittel.«

 

Osteoporose-Patienten betreuen

 

Apothekerin Dr. Andrea Gerdemann erläuterte im Seminar »Pharmazeutische Betreuung von Osteoporose-Patienten« die wichtigsten Hintergrundinformationen zum Krankheitsbild Osteoporose und Beratungsmöglichkeiten. Einer neuen Erhebung zufolge betrifft der Verlust der Knochenmasse etwa ein Viertel der Deutschen über 50 Jahre. »90 Prozent von ihnen erhalten Schmerzmittel«, sagte Gerdemann, »doch nur 21,7 Prozent Bisphosphonate oder andere gezielte Osteoporose-Medikamente. Und gerade einmal 16,7 Prozent bekommen eine leitliniengerechte Basismedikation aus Vitamin D und Calcium.«

 

Ein wesentliches Ziel der Pharmazeutischen Betreuung sei es also, Patienten mit Osteoporose frühzeitig zu erkennen und zur Abklärung zum Arzt zu schicken. Als Risikogruppe nannte Gerdemann Frauen in und nach den Wechseljahren, als weitere Hinweise akute oder chronische Rückenschmerzen, das Vorkommen von Osteoporose in der Familie, Untergewicht, häufige Stürze oder Knochenbrüche. Wichtige Aufschlüsse biete zudem die Frage nach Vorerkrankungen, wie etwa der Schilddrüse, und bereits eingenommenen Medikamenten, beispielsweise Glucocorticoiden.

 

Ein gezieltes Risikoscreening durchführen lasse sich etwa mit dem Fragebogen des Kuratoriums Knochengesundheit. Zusätzlich könne die Körpergröße der Kunden gemessen und mit der im Personalausweis oder Führerschein verglichen werden. »Ein Schrumpfen um mehr als vier Zentimeter bildet einen Hinweis auf Osteoporose.«

 

Darüber hinaus trage eine therapiebegleitende Pharmazeutische Betreuung dazu bei, die Arzneimitteltherapie zu optimieren. Denn oft komme es zu Unter- oder Überdosierungen der Medikamente, unerwünschten Neben- und Wechselwirkungen, die sich mithilfe einer Dokumentation und Überwachung nachweisen lassen. »Besonders häufig senkt das Calcium durch Komplexbildung die Wirkung anderer Arzneimittel, etwa von Bisphosphonaten, Natriumfluorid, Tetrazyklinen, Gyrasehemmern, Schilddrüsenhormonen oder Eisen.« Doch Pharmazeutische Betreuung leiste noch mehr: »Sie hilft einem Patienten bei der psychosozialen Bewältigung seiner Erkrankung und unterstützt ihn bei einer knochengesunden Lebensweise mit geeigneten Bewegungsmaßnahmen und einer calciumreichen Ernährung.« Dazu zählen Milchprodukte und Gemüse wie Kohlrabi, Lauch, Fenchel, Brokkoli oder Grünkohl. Zu warnen seien Osteoporose-Patienten dagegen vor »Calciumräubern« wie Fleisch, Spinat, Schokolade oder Alkohol.

 

Eine gezielte Pharmazeutische Betreuung erfordert Gedermann zufolge Vorbereitungen. Dazu zähle es, das Personal zu schulen, Verantwortlichkeiten festzulegen und Material wie Informations- und Risikofragebögen zusammenzustellen. Auch sollte man Selbsthilfegruppen und Ärzte in der Umgebung kennen und diese rechtzeitig über die geplanten Betreuungsaktivitäten informieren. »Dieser Bereich fällt schon unter das Marketing«, sagte Gerdemann. »Schließlich müssen Sie Ihr Betreuungsangebot bekannt machen, etwa im Schaufenster, auf Ihrer Homepage oder sogar in Zeitungen.«

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