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Blutzuckereinstellung

Nicht verunsichern lassen

18.11.2008  14:16 Uhr

Blutzuckereinstellung

Nicht verunsichern lassen

Von Daniela Biermann

 

Für den Langzeit-Blutzuckerspiegel von Diabetikern gilt ein Zielwert von unter 7 Prozent. So sehen es die im Oktober aktualisierten Richtlinien der Deutschen Diabetes Gesellschaft vor. Daran hat auch die ACCORD-Studie nichts geändert, die nahelegt, dass niedrigere Zielwerte mit einer erhöhten Mortalität einhergehen.

 

Zum Weltdiabetestag am 14. November berichteten die »Tagesthemen« am Vorabend über die Zuckerkrankheit. Dabei wurde die Vermutung aufgestellt, viele Typ-2-Diabetiker würden falsch oder übertherapiert. Dies weist die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) zurück. Verunsicherte Patienten sollen ihre Medikamente nicht eigenmächtig absetzen oder reduzieren, rät Professor Dr. Thomas Haak, Präsident der DDG. »Die Patienten liegen gut mit einem Langzeitblutzuckerwert von unter 7 Prozent«, sagte der Diabetologe gegenüber der Pharmazeutischen Zeitung.

 

Das ARD-Nachrichtenmagazin berichtete am 13. November, dass eine Einstellung des Blutzuckers auf Normwerte für viele Typ-2-Diabetiker keinen Nutzen hätte oder ihnen sogar schade. Dabei beruft sich die ARD auf die ACCORD-Studie. Hier wurde eine erhöhte Mortalität festgestellt, wenn bei Patienten der Blutzuckerspiegel drastisch gesenkt wurde. Der HbA1c-Zielwert lag bei 6 Prozent, erreicht wurde durchschnittlich 6,4 Prozent. Allerdings erhielt die Hälfte dieser Patienten eine Polymedikation aus drei oralen Antidiabetika plus Insulin. Dies widerspricht den evidenzbasierten Behandlungsleitlinien der DDG, aktualisiert im Oktober 2008. Hier werden entweder zwei orale Antidiabetika kombiniert oder ein Antidiabetikum plus Insulin gegeben. Erst wenn dies fehlschlägt, kommt eine intensivierte Insulintherapie hinzu. Ziel für die meisten Patienten ist die Senkung des Langzeit-Blutzuckerspiegels auf unter 7 Prozent, bei vielen Patienten auch unter 6,5 Prozent. »Ein Wert von 6,5 Prozent ist aber nicht für alle Patienten geeignet«, sagte Haak. Dieser Wert soll nur angestrebt werden, wenn der Patient nicht übermäßig während der Therapie zunimmt und wenig untersuchte Mehrfachkombinationen nicht angewendet werden. Entscheidend ist es, auch Unterzuckerungen weitestgehend zu vermeiden. Haak rät, das Therapieziel auf jeden Patienten individuell abzustimmen.

 

Professor Dr. Peter Sawicki, Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), hält nicht viel von HbA1c-Zielwerten. Patienten sollten generell individuell eingestellt werden, sagte der Diabetologe gegenüber der PZ. Bei Diabetikern seien die Ärzte zu sehr auf den Blutzuckerspiegel fixiert. Gerade bei multimorbiden Patienten käme es aber auch auf andere Werte wie den Blutdruck an, um makrovaskuläre Langzeitschäden zu vermeiden. Mikrovaskuläre Schäden wie Retino- und Nephropathien träten bei den meist älteren Patienten nicht auf.

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