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Sonderformen

Auslöser von Diabetes erkennen – und richtig behandeln

Diabetes ist ein Überbegriff für eine Vielzahl von Erkrankungen mit unterschiedlichen Auslösern. Die richtige Diagnose von Sonderformen der »Zuckerkrankheit« ist jedoch wichtig für die Behandlung.
Daniela Hüttemann
07.08.2019
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Ohne Frage mit Abstand am häufigsten ist Typ-2-Diabetes, der mit einer gestörten Insulinempfindlichkeit einhergeht. Etwa 7 bis 8 Prozent der gesamten Bevölkerung in Deutschland sind laut neuestem Diabetes-Bericht betroffen. Das entspricht ungefähr sechs Millionen Einwohnern. Dieser Typ hat neuen Erkenntnissen zufolge noch mehrere Unterformen. Vom Typ-2-Diabetes abzugrenzen ist die Autoimmunerkrankung Typ-1-Diabetes, bei der die Bauchspeicheldrüse kein Insulin mehr produzieren kann. Etwa 367.000 Menschen, davon 32.000 Kinder und Jugendliche, leiden hierzulande darunter und müssen ihr Leben lang Insulin spritzen. Ebenfalls relativ bekannt ist der Gestationsdiabetes, bei dem der Stoffwechsel erstmals während der Schwangerschaft außer Kontrolle gerät.

Diabetes kann aber durch bestimmte Arzneimittel, Virusinfektionen, Mukoviszidose oder Gendefekte ausgelöst werden. Darauf weist aktuell die Deutsche Diabetes-Gesellschaft (DDG) hin. Viele Hausärzte würden diese Sonderformen nicht kennen. »Immer noch kommt es bei diesen Ausprägungen zu einer falschen Behandlung, weil sie nicht richtig diagnostiziert oder mit anderen Diabetesformen verwechselt werden«, heißt es in einer Pressemitteilung der DDG. »Alle Ausprägungen besitzen dabei das gleiche Merkmal wie die klassischen Diabetes-Erkrankungen – einen dauerhaft erhöhten Blutzuckerspiegel, der dringend reguliert werden muss.«

Die Therapiekonzepte wichen aber erheblich voneinander ab, betont DDG-Präsidentin Professor Dr. Monika Kellerer. Im Zweifel sollten sich Betroffene an eine Schwerpunktpraxis oder spezialisierte klinische Fachabteilung wenden.

Vorsicht bei Cortison

Zu den häufigsten Auslösern der Diabetes-Sonderformen gehört eine längere und/oder hochdosierte Einnahme von Corticoiden, wie sie häufig bei entzündlichen Erkrankungen wie Rheuma, Asthma oder Morbus Crohn, aber auch bei Krebs erforderlich ist. Besonders gefährdet seien Patienten, die fettleibig sind, eine familiäre Vorbelastung oder einen Langzeit-Blutzuckerwert HbA1C von über 5,7 Prozent haben. Grundsätzlich gilt: Je höher die Cortison-Dosis und je länger die Therapiedauer, umso höher das Diabetes-Risiko.

Die gute Nachricht: »Der Diabetes kann sich komplett zurückentwickeln, wenn das Cortison ausgeschlichen wird«, erläutert Kellerer. Ob eine Umstellung der Medikation möglich ist, sollten die Patienten mit ihren behandelnden Ärzten abklären. »Ist das Weglassen des Cortisons nicht möglich oder normalisieren sich die Blutzuckerwerte nach dem Ausschleichen nicht, basiert die Therapie wie beim Typ-2-Diabetes zunächst auf Ernährungsumstellung und mehr Bewegung«, so Kellerer. Dann folgen Antidiabetika in Tablettenform, als Letztes Insulin.

Viele weitere Arzneistoffe können die Glucosetoleranz verschlechtern bis hin zum Diabetes. Dazu gehören unter anderem Tacrolimus und Ciclosporin, Clozapin und Olanzapin, Betablocker und Thiaziddiuretika, Lipidsenker und viele antiretrovirale Arzneistoffe.

Es gibt viele Auslöser von Entzündungen der Bauchspeicheldrüse: Virusinfektionen, Fehlfunktionen des Immunsystems, Gallensteine und an vorderster Stelle Alkoholmissbrauch. Kann die Grunderkrankung behandelt werden, verschwindet meist auch der Diabetes. Auch hormonelle Störungen und das Down-Syndrom können den Zuckerstoffwechsel aus dem Gleichgewicht bringen.

Diabetes als Folgeerkrankung

Diabetes kann auch eine Komorbidität sein. So hat jeder zweite Mukoviszidose-Patient ab einem Alter von 26 Jahren einen gestörten Glucose-Stoffwechsel, berichtet die Fachgesellschaft. Frauen seien häufiger und früher betroffen als Männer. »Dann hängt die Lebenserwartung auch von der Diabetes-Behandlung ab«, betont DDG-Vizepräsident Professor Dr. Andreas Neu. Im Gegensatz zum Typ-2-Diabetes gilt bei Mukoviszidose, dass das Diabetes-Risiko umso höher ist, je untergewichtiger die Patienten sind. »Deshalb ist es vorteilhaft, Mukoviszidose-Patienten zu einem höheren Body-Mass-Index zu verhelfen«, erklärt Neu. 

Dazu ist eine vollwertige Ernährung, auch in Bezug auf Salz und Kohlenhydrate nötig. »In vielen Praxen werden die Patienten immer noch als Typ 2 eingestuft, die dann lernen, sich kalorienarm zu ernähren«, so Neu. Das sei für Erkrankte mit eingeschränkter Bauchspeicheldrüsen-Funktion und Untergewicht in Hinsicht auf die Lebenserwartung aber äußerst problematisch.

Die Leitlinie empfiehlt eine Insulin-Therapie, doch diese erhalten nur drei Viertel der Betroffenen. »Der Rest wird diätetisch oder mit oralen Antidiabetika behandelt«, so der Diabetologe. Davon sei abzuraten. Es gibt bei der Insulin-Therapie aber einen wichtigen Unterschied zu Typ-1-Diabetikern: Mukoviszidose-Patienten mit Diabetes kämen lange ausschließlich mit Insulin zu den Mahlzeiten gut aus. Sie benötigten oft erst nach Jahren ein zusätzliches Basalinsulin.

Genetisch, aber nicht Typ 1

Eine genetische Sonderform des Diabetes nennt sich MODY. Die Abkürzung steht für »Maturity Onset Diabetes of the Young«. Dahinter stecken unterschiedliche genetische Defekte, die sich auf die Betazell-Funktion im Pankreas auswirken. Die Insulinproduktion ist eingeschränkt. »Die Patienten sind meist normalgewichtig, weshalb bei ihnen manchmal fälschlicherweise Diabetes Typ 1 diagnostiziert wird«, sagt DDG-Experte Professor Dr. Dirk Müller-Wieland.

»Gentests geben Aufschluss, auch der Ausschluss von Antikörpern, die bei Typ 1 vorhanden sind.« Dies sei ausschlaggebend für die Therapie. Denn MODY-Patienten könnten ihre Glucosewerte häufig zunächst gut mit Bewegung und ballaststoffreicher Ernährung in den Begriff bekommen. Sind Medikamente nötig, können orale Antidiabetika eingesetzt werden. Erst in späteren Stadien sei eine Insulintherapie erforderlich.

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