Pharmazeutische Zeitung online
Apothekenbetriebsordnung

»Apotheke light« in der Geschichte

15.11.2011
Datenschutz bei der PZ

Von Christoph Friedrich / Aus der Geschichte können bekanntlich Anregungen für die Gegenwart und Zukunft gewonnen werden, wobei auch Institutionen, die es schon einmal gab, Vorbild oder Warnung sein können. Der Entwurf einer neuen Apothekenbetriebsordnung, der Vorschläge zu einer »Apotheke light« enthält, regt Pharmaziehistoriker an, nach ähnlichen Institutionen in der Geschichte zu suchen, um ihren Wert für die Entwicklung des Apothekenwesens zu analysieren.

Am 27. September 1725 erließ Friedrich Wilhelm I. (1688 bis 1740), der »Soldatenkönig«, das »Allgemeine und neu geschärfte Medicinal-Edict«. Den Entwurf zu diesem Edikt hatten der Medizinprofessor und Begründer der Phlogistontheorie, Georg Ernst Stahl (1659 bis 1734), und der brandenburgische Leibarzt Johann Theodor Eller (1678 bis 1760) entworfen. Erstmalig wird darin die Ausbildung der Apotheker gesetzlich geregelt und für einen Teil von ihnen angehoben. Während die Apotheker in den »Residenzien« und in anderen großen und kleinen Städten eine wissenschaftliche Ausbildung erhielten, die Vorlesungen am »Collegium Medico-chirurgicum« und Praktika in der Berliner Hofapotheke umfasste, absolvierten die Apotheker in den »Provinzien«, wie bis dahin üblich, ausschließlich eine handwerkliche.

Indes mussten sie immerhin ein Examen vor ihrem jeweiligen Provinzkollegium ablegen. Für einen Teil der Apotheker bedeutete die erstmalig im deutschsprachigen Raum geforderte wissenschaftliche Ausbildung einen beachtlichen Fortschritt, sie wurden als »cursirende Apotheker« oder als »Apotheker Erster Klasse« bezeichnet, während die »nicht cursirenden« demgemäß »Apotheker Zweiter Klasse« waren (1). Diese Zweiteilung des Apothekerstandes führte daher dazu, dass die pharmazeutische Versorgung in kleineren Orten Preußens in den Händen schlechter qualifizierter Apotheker lag.

 

Die »Revidirte Ordnung, nach welcher die Apotheker in den Königlichen Preußischen Landen ihr Kunst-Gewerbe betreiben sollen«, von 1801 benennt im § 10 diejenigen Städte, in denen nur »cursirte« Apotheker tätig werden durften. Hierzu zählten »Aurich, Berlin, Brandenburg, Bialystock, Bromberg, Cleve, Crossen, Cüstrin, Culm, Danzig, Duisburg, Elbing, Emden, Frankfurth, Graudenz, Halberstadt, Halle, Hamm, Kalisch, Königsberg in Preußen, Lissa, Magdeburg, Marienburg, Marienwerder, Minden, Plock, Posen, Potsdam, Stargard in Pommern, Stettin, Thorn, Tilsit, Warschau, Wesel und Züllichau« (2).

 

Damit gab es aber in Preußen zugleich eine Zweiteilung der Apotheken, denn in solchen Städten, in denen ein Apotheker Erster Klasse tätig war, konnten die Patienten überwiegend umfangreichere Kenntnisse in der Warenkunde und in der Arzneimittelherstellung sowie eine bessere Beratung erwarten. Die Apotheken auf dem platten Land, die sich mit wesentlich weniger Kundschaft begnügen mussten, waren kleiner und verfügten nur über ein geringeres Sortiment, ein schlechter ausgestattetes Laboratorium, nicht selten auch über weniger Räume, so dass mit Sicherheit hier nur eine zweitklassige Versorgung erfolgen konnte.

 

Jene Apotheken hatte Sigismund Friedrich Hermbstaedt (1760 bis 1833) offenbar im Auge, wenn er 1831 kritisch vermerkte, dass dort der Apotheker »seine Extracte wie das Bauernweib ihr Pflaumenmus« koche, »auch ohne dabei etwas anderes als Jene zu denken« (3). Im Unterschied dazu lobt David Heinrich Hoppe (1760 bis 1846) mit der Kohl’schen Apotheke in Halle die Offizin eines Apothekers Erster Klasse, wenn er im Vergleich zu der Apotheke, in der er zuvor tätig gewesen war, bemerkt, dass er »aus der Wüste in das Land Canaan gekommen sey« (4). Er schildert zugleich seinen Apothekenprinzipal als einen gebildeten, wissenschaftlichen Mann und bemerkt, dass in dieser Offizin, in der zwei Gehilfen und zwei Lehrlinge beschäftigt wurden, das Publikum eine gute Versorgung erlebte.

 

Wie groß die Unterschiede zwischen den von Apothekern Erster Klasse geleiteten Offizinen und denen auf dem platten Lande waren, verdeutlichen die Federzeichnungen aus dem Jahre 1750 der Berliner Hofapotheke. Sie zeigen den Vorraum, das große Apothekenzimmer, eine Schneidekammer sowie ein großes und kleines Laboratorium. Sie waren ausgestattet mit Öfen und zahlreichen Geräten und können für die umfangreiche Arzneimittelherstellung im Defekturmaßstab als vorzüglich gelten (5).

Der »Apotheker Zweiter Klasse« wurde erst 1854 abgeschafft. Inzwischen erwies sich die Unterteilung in Apotheker Erster und Zweiter Klasse, beispielsweise im Vergleich zu den Verhältnissen in Bayern als rückschrittlich. Dort war nämlich bereits 1808 ein obligatorisches Studium für alle Apotheker eingeführt worden (6). Zudem besuchte eine größere Anzahl von Apothekergehilfen die nach 1779 vor allem im thüringischen Raum, aber auch in Berlin und Bayern entstandenen pharmazeutischen Privatinstitute, an denen sie gleichfalls eine wissenschaftlich-theoretische und praktische Ausbildung erhalten konnten (7).

 

1864 ermöglichte allerdings ein Reglement in Preußen teilweise die Rückkehr in die voruniversitäre Epoche der Pharmazie. Das inzwischen auf drei Semester verlängerte Studium der Pharmazie konnte nämlich jeweils durch ein zusätzliches Servierjahr pro Semester ersetzt werden. Wurde also die dreijährige Gehilfenzeit auf sechs Jahre verlängert, war ein Universitätsstudium überhaupt nicht erforderlich. Erst die pharmazeutische Prüfungsordnung vom 5. März 1875 forderte dann ein dreisemestriges obligatorisches Hochschulstudium für alle in Preußen tätigen Apotheker.

 

Da Apotheker aber häufig mehrere Jahrzehnte tätig waren, konnten auch Ende des 19. Jahrhunderts durchaus noch Apotheker Zweiter Klasse in kleinen Orten eine Offizin leiten, die dann im Extremfall schlechter geführt wurde und als eine »Apotheke light« gelten muss. Noch in der Pharmazeutischen Zeitung vom 23. Februar 1889 klagt ein Landapotheker, dass einige Kollegen ihren Lehrling wegen ungünstigen Ausfalls der Revision entlassen mussten (8).

 

Notapotheken

 

Auch in der Zeit des Nationalsozialismus gab es neben den normalen öffent­lichen Apotheken solche mit eingeschränkter Einrichtung, die so genannten Notapotheken. Insbesondere in den Großstädten wurden während des Zweiten Weltkrieges Apotheken teilweise oder ganz zerstört. Um die Arzneimittelversorgung dennoch aufrecht zu erhalten, erlaubte man dem Leiter einer zerstörten Offizin, abweichend von den gesetzlichen Bestimmungen, den Betrieb auch in nicht vorschriftsmäßigen Räumen als Notapotheke fortzuführen. Die Einrichtung solcher Apotheken bestand häufig aus den aus den Trümmern geborgenen, noch funktionstüchtigen Gerätschaften und Einrichtungsgegenständen. Als Notapotheken dienten, wie Caroline Schlick nachwies, geschlossene Metzgereien, die Räume in einem Stadtbad, aber auch Gasthöfe oder Schulgebäude. In Luftschutzkellern entstanden so genannte Bunkerapotheken, wie beispielsweise in Mannheim 1943 (9). Die Bunker- und Notapotheken ermöglichten die Arzneimittelversorgung unter Krisenbedingungen, wobei natürlich vor allem die Versorgung mit lebensnotwendigen Arzneimitteln im Mittelpunkt stand (10). Erst Anfang der 1950er Jahre verschwanden die Notapotheken aus dem Stadtbild zerstörter Städte (11).

 

Zweigapotheken und Arznei­mittelausgabestellen in der DDR

 

In der sowjetischen Besatzungszone und in der DDR entstand seit 1945 ein staatliches Apothekenwesen. Bereits 1950 befanden sich 428 Apotheken in staatlichem Besitz, und 1960 wurden nur noch 12 % privat betrieben. Am Ende der DDR-Zeit existierten nur noch 26 Privatapotheken. Der Staat war daher komplett für die Ausstattung und Einrichtung von Apotheken verantwortlich. Die Apothekendichte stieg indes nur langsam, denn Mittel für einen Neubau standen nur in beschränktem Maße zur Verfügung. Bis 1963 entstanden daher nur 62 neue Offizinen und 100 wurden rekonstruiert, obwohl es auch im Apothekenwesen einen beträchtlichen Investitionsstau gab. Die Apothekendichte war territorial unterschiedlich. Während in den nördlichen Bezirken Rostock, Schwerin und Neubrandenburg mehr als 13 000 Einwohner auf eine Apotheke kamen, waren es in Berlin nur 7700 (12). Da der Staat nicht ausreichend Baumaterial für den Neubau von Apotheken zur Verfügung stellen konnte, gab es 1957 75 Zweig­apotheken und 115 Arzneimittelausgabestellen, um die Bevölkerung in Orten ohne Offizin und in den zahlreich errichteten Neubaugebieten der Städte zu versorgen (13). So entstand beispielsweise in dem zwischen 1962 und 1966 errichteten neuen Rostocker Stadtteil Lütten Klein mit 9000 Wohnungen eine der innerstädtischen Fritz-Reuter-Apotheke angeschlossene Arzneimittelausgabestelle. Diese bestand aus einer Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung, musste aber fast 30 000 Einwohner versorgen (14).

Die Verordnung über das Apothekenwe­sen – Apothekenordnung von 1958 – definiert im § 4 Zweigapotheken und Arzneimittelausgabestellen als Nebenstellen öffentlicher Apotheken.

 

Während für eine Vollapotheke mindestens zwölf Räume gefordert wurden, finden sich Angaben zur Zweig­apotheke im § 29. Diese musste mindestens eine Offizin, einen Lagerraum, einen Arzneimittelkeller und ein Büro besitzen. § 30 fordert für die Arzneimittelausgabestelle nur einen Raum zur Ausgabe und Aufbewahrung der Arzneimittel. Die Räume der beiden Apothekentypen sollten zweckmäßig eingerichtet sein, über Eignung und Einrichtung hatte der jeweilige Leiter der Stammapotheke zu entscheiden. Diesem waren gemäß § 33 die Leiter der Zweigapotheke und Arzneimittelausgabestellen – dies durften auch Apotheken­assistenten (später Pharmazieingenieure) sein – unterstellt. Die Apothekenbetriebsordnung gestattete aber sogar, dass Arzneimittelausgabestellen, die »nur die in der Stammapotheke angefertigten und für den einzelnen Patienten abgepackten Arzneimittel abgeben und nicht apothekenpflichtige Mittel vorrätig halten«, nur mit einem Apothekenhelfer besetzt sein konnten (15). Sie müssen somit als echte »Apotheken light« bezeichnet werden, nicht zuletzt auch deshalb, weil sie ja nicht von approbierten Apothekern, sondern von mittlerem pharmazeutischen oder sogar nicht pharmazeutischem Personal geleitet wurden.

 

Die Zweigapotheken erlangten etwa zehn Jahre lang eine größere Bedeutung, ihre Anzahl betrug indes höchstens 9 Prozent der gesamten Apotheken. 1967 stieg die Anzahl der Zweigapotheken auf 46, die der Arzneimittelausgabestellen aber auf 440. 1970 standen 1266 staatliche, 34 staatlich verpachtete, 37 nichtstaatliche Apotheken 497 Arzneimittelausgabestellen gegenüber. Arzneimittelausgabestellen gab es noch bis 1984 (16).

 

Resümee

 

Wie dargelegt, gab es in der Geschichte durchaus neben der normalen öffentlichen Apotheke Einrichtungen, an die geringere Ansprüche gestellt wurden, wie die Offizinen, die von Apothekern Zweiter Klasse geleitet wurden. Unter der Berücksichtigung aber, dass gleichzeitig in den größeren Städten größere Apotheken, die von bereits wissenschaftlich ausgebildeten Apothekern geführt wurden, existierten, bedeutete dies zumindest für jene Orte eine bessere pharmazeutische Versorgung und damit einen Fortschritt. Nach 1808, als man anderenorts ein obligatorisches Studium für alle Apotheker forderte, waren die von nur handwerklich ausgebildeten Apothekern geleiteten kleineren Offizinen allerdings nicht mehr akzeptabel und stellten eine zweitklassige Versorgung dar.

Die Not- und Bunkerapotheken während des Zweiten Weltkrieges wie auch die Zweigapotheken und vor allem die Arzneimittelausgabestellen in der DDR waren hingegen von Anfang an eher Provisorien und bedeuteten eine eingeschränkte pharmazeutische Tätigkeit und wohl auch schlechtere Versorgung. Sie sind zugleich ein Symbol für Notzeiten, in denen man unter schwierigen Bedingungen die Arzneimittelversorgung dennoch aufrechtzuerhalten suchte.

 

Für ein hochentwickeltes Gesundheitswesen wie das der gegenwär­tigen Bundesrepublik ist es dagegen ein beschämender Rückschritt, wenn man Apotheken mit »abgespeckter« Einrichtung sanktioniert und ohne Grund auf eine Liste der bisher vorgeschriebenen Laborgeräte und Prüfmittel verzichtet, die apothekenübliche Großherstellung abschafft beziehungsweise nur noch auf der Basis einer Herstellungserlaubnis gestattet und die Möglichkeit bietet, dass pharmazeutische Tätigkeiten wie Herstellung und Prüfung in einen anderen Betrieb verlagert werden (Outsourcing). Damit werden Filialen ohne Labor und Rezeptur zu »Apotheken light« und Apothekenbesitzer, die Filialapotheken mit dem vollen Repertoire an pharmazeutischen Tätigkeiten weiterführen wollen, durch zusätzliche Kosten bestraft. Der Verzicht auf das Labor bedeutet zugleich einen weiteren Identitätsverlust des Apothekerberufs und wird möglicherweise auch zu erneuten Forderungen nach einer veränderten Ausbildung führen.

 

Die Geschichte lehrt, dass die »Apotheke light« die Entwicklung des Apothekenwesens keinesfalls vorangebracht hat, sondern stets nur eine Notlösung darstellte. Apotheker, die täglich für eine bestmögliche Versorgung der Bevölkerung arbeiten, können sich mit einer solchen »Apotheke Zweiter Klasse« kaum zufrieden geben. /

Literatur

<typolist type="1">

Königliches Preußisches und Churfürstl. Brandenburgisches allgemeines und neugeschärftes Medicinal-Edict und Verordnung, auf Sr. Königl. Majestät allergnädigsten Befehl herausgegeben von Dero Ober-Collegium-Medico. Berlin 1725, S. 24–26.

Revidirte Ordnung, nach welcher die Apotheker in den Königlichen Preußischen Landen ihr Kunst-Gewerbe betreiben sollen. Berlin 1801, S. 11.

Ch. Friedrich u. Ch. Schümann, Der Apotheker Sigismund Friedrich Hermbstaedt (1760–1833). Teil 2: Das wissenschaftliche Werk. In: Pharmazeutische Zeitung Wissenschaft 136 (1991), 41–48.

D. H. Hoppe, Selbstbiographie. Nach seinem Tode ergänzt und herausgegeben von A. E. Fürnrohr. Regensburg 1849, S. 73.

J. Hörmann, Die Königliche Hofapotheke in Berlin 1598–1898. In Hohenzollernjahrbuch 2 (1898), S. 208–226.

Ch. Friedrich, Vor 200 Jahren: Wissenschaftliche Apothekerausbildung in Bayern. In: Pharmazeutische Zeitung 153 (2008), S. 3926–3930.

B. Beyerlein, Pharmazie als Hochschuldisziplin. Die Entwicklung der Pharmazie zur Hochschuldisziplin. Ein Beitrag zur Universitäts- und Sozialgeschichte. Stuttgart 1991, S. 95–118.

H. Becker, Provisorisches. Ausgewählte Kapitel aus der Pharmaziegeschichte 1870–1918. Herzogenrath o. J. [1984], S. 98.

C. Schlick, Apotheken im totalitären Staat – Apothekeralltag in Deutschland von 1937 bis 1945. Stuttgart 2008, S. 293–297.

C. Schlick, Mannheimer Bunkerapotheke. Arzneimittelversorgung in Notzeiten. In: Pharmazeutische Zeitung 155 (2010), S. 1646–1650.

C. Schlick [wie 9] S. 303f.

Ch. Friedrich u. W.-D. Müller-Jahncke, Geschichte der Pharmazie. Von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart, Bd. 2, Eschborn 2005, S. 968.

H. Probst, Die Organisation des Apothekenwesens. In: 45 Jahre Pharmazie in Deutschland Ost. Beiträge zur Geschichte des Arzneimittel- und Apothekenwesens der Deutschen Demokratischen Republik. Fürstenfeldbruck 2007, S. 52–55.

H. Schümann, Von apotecarii, physici und clystierweibern. Apotheker und Apotheken der Stadt Rostock in acht Jahrhunderten. Rostock o. J., S. 84f.

Erste Durchführungsbestimmung zur Verordnung über die Organisation des Apothekenwesens (Apothekenordnung). – Apothekenbetriebsordnung – vom 2. April 1958. In: Gesetzblatt Teil 1, Nr. 30, vom 16. Mai 1958, S. 379–386, hier 383.

H. Probst [wie 13] S. 52–55.

 

Verfasser:

Professor Dr. Christoph Friedrich, Institut für Geschichte der Pharmazie, Roter Graben 10, 35032 Marburg. E-Mail: ch.friedrich(at)staff.uni-marburg.de

Mehr von Avoxa