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Berliner Hofapotheke

Über Lehren und Leichen

25.07.2018
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Von Jennifer Evans / Die Berliner Hofapotheke stellte nicht nur Arzneimittel her, sondern auch Luxusgüter. Außerdem war sie staatliche Gesundheitsfürsorge und ein Ort der Lehre und Forschung. Für Apotheker gehörten im 18. Jahrhundert auch Kurse am Anatomischen Theater zur Ausbildung.

 

Im Nordostflügel des Berliner Schlosses lag die Königliche Hofapotheke, gegründet 1598 von Kurfürstin Katharina (1549 bis 1602) und den Hofbediensteten, Geistlichen und Armen gestiftet. Diese Personenkreise erhielten ihre Medikamente kostenlos. Lediglich einige Jahre nach dem Dreißigjährigen Krieg war dies nicht der Fall, weil die Ausgaben für die Feldapotheke zu hoch gewesen waren. Zunächst wurde die Berliner Hofapotheke aus Amtskassen und später aus Generaldomänenkassen finanziert.

Das geht aus dem kürzlich erschienenen Beitrag von Professor Dr. Ursula Klein, Wissenschaftshistorikerin am Max-Planck-Institut, hervor. Heilkräuter bezog die Hofapotheke demnach anfangs von Kräuterfrauen und Gartenbesitzern, später kamen die Pflanzen größtenteils aus dem Königlichen Botanischen Garten. Die Königliche Jägerei lieferte tierische Materialen für die Medikamentenherstellung, die Hofküche Eier und Kochsalz. Aus den Kellern des Schlosses gab es den benötigten Branntwein und Essig. Laut Schätzungen kamen damals bis zu 20 000 Personen in den Genuss kostenfreier Arzneimittel. Dieses Privileg schränkte später aber Friedrich I., König von Preußen (1657 bis 1713), erheblich ein.

 

Wie auch die anderen Apotheken der frühen Neuzeit, besaß die Hofapotheke Klein zufolge für die Lagerung und Bearbeitung von Heilkräutern eine Medizinstube, eine Schneidekammer und eine Stampfstube. Außerdem habe sie gleich zwei Laboratorien mit gemauerten Kreuzgewölben für die chemischen Arbeiten gehabt und 14 Personen dauerhaft sowie weitere sechs bis acht gelegentlich beschäftigt. Neben Arzneimitteln stellte die Hofapotheke auch Luxusgüter wie Parfüm, Wein, Kosmetik, Likör, Lacke und Konfekt her. Zumindest bis Friedrich I. die Produktpalette als rufschädigend befand, weil sie im eigentlichen Sinne nicht zur Wiederherstellung der Gesundheit diente. Er untersagte daraufhin den Hofapothekern Dinge wie Pomade, Zucker oder Parfüm ohne Rezept abzugeben. Sein Vorstoß war jedoch nicht von langer Dauer: Unter seinem Nachfolger Friedrich II. (1712 bis 1786) florierte das Geschäft der Luxusgüter wieder. Ende des 18. Jahrhunderts war aber endgültig Schluss damit, die Hofapotheke sollte sich fortan ihren Kernkompetenzen von Arzneimittelherstellung und -abgabe widmen – ansonsten drohten hohe Strafen.

 

Das größere Laboratorium der Hof-apotheke eignete sich nicht nur für chemische Experimente, sondern auch als Ort der Lehre und Forschung. Und genau diese Doppelfunktion hatte es ab dem frühen 18. Jahrhundert inne, hebt Klein hervor. Im Rahmen des sogenannten Collegium medico-chirurgicum, Preußens Kontrollbehörde medizinischer und pharmazeutischer Berufe, sei es ab 1724 als »Unterrichtsraum für chemisch-pharmazeutische Vorlesungen und Demonstrationsexperimente« genutzt worden.

Chirurgen, angehende Apotheker und Medizinstudenten trafen im Laboratorium aufeinander, um mit dem dortigen Unterricht ihre Ausbildungsinhalte zu ergänzen. Das angesehene Collegium sei praktisch die erste höhere Fachschule Preußens gewesen, so Klein. Zunächst übernahm Hofapotheker und Chemiker Caspar Neumann (1683 bis 1737) die Stunden in praktischer Chemie und führte seinen Schülern die Versuche vor. Auch forschte der seinerzeit he rausragende Wissenschaftler bis zu seinem Tod selbst im Laboratorium der Hofapotheke und publizierte viele Experimentierberichte. Ähnlich engagiert, nutzte später der renommierte Chemiker und Hofapotheker Sigismund Friedrich Hermbstädt (1760 bis 1833) die Räumlichkeiten für seine Experimente. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts kamen nach Kleins Angaben rund die Hälfte der Chemiker aus dem Apothekengewerbe. Zwar habe es auch private Laboratorien in Preußen gegeben, die Hofapotheke sei jedoch zu dieser Zeit in Preußen als staatlich institutionalisierte, chemisch-pharmazeutische Unterrichtsstätte und Prüfungsort für Apotheker einmalig gewesen.

 

Auf Anfrage durften junge Chirurgen zudem an Apothekenvisitationen teilnehmen oder die Medikamentenherstellung an der Hofapotheke erlernen, hebt Marion Mücke, Historikerin am Berliner Medizinhistorischen Museum der Charité, hervor. Damals war der Hof nämlich eng mit dem Collegium und der Akademie der Wissenschaften vernetzt. Professoren des Collegiums waren oft gleichzeitig Hofärzte und Akademiemitglieder. Auch das sogenannte Theatrum Anatomicum Berolinense gehörte zur Akademie. Darin fand 1713 die erste öffentliche anatomische Sektion statt. Zu diesem Anlass versammelten sich Ärzte, Apotheker, Maler, Bildhauer und Laien. Das gesellschaftsfähige Spektakel der Leichenöffnung hat Mücke zufolge in deutscher Sprache stattgefunden. Trotz allens Aufsehens stand weiterhin die Lehre im Fokus des Anatomischen Theaters und lockte immer mehr Wissbegierige nach Berlin. Wundärzte, Hebammen, Medizinstudenten und Apotheker mussten Kurse an dieser neuen Lehranstalt nachweisen, um in Preußen eine staatliche Zulassung zu bekommen, so Mücke. Zunächst waren es hingerichtete Verbrecher, die zur Sektion auf den Tisch des Theaters kamen. Später auch Selbstmörder und unverheiratete Frauen, die bei der Geburt ihres Kindes starben sowie Verstorbene aus den Hospitälern.

 

Wie die Autoren in ihren Aufsätzen deutlich machen, ging es bei dieser neuen Form des anatomischen Unterrichts damals auch um das aufklärerische Streben nach gesichertem Wissen. Dieses sollte durch eine praxisorientierte, medizinische Herangehensweise mithilfe der Pathologie und Anatomie erreicht werden. Ziel des veränderten Ausbildungskonzepts war es laut Mücke außerdem, das Militär medizinisch besser zu versorgen sowie das Approbationswesen insgesamt zu optimieren. Klein betont, dass sich die Ausbildung preußischer Apotheker zu dieser Zeit sehr verändert habe, weil die »traditionelle handwerkliche Apothekerlehre allmählich durch wissenschaftliche Lehrinhalte ergänzt wurde«. /

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