Pharmazeutische Zeitung online
Alfred Schneider

Pharmazeut und Publizist

In der Pharmaziegeschichte entstanden in den letzten Jahren Studien über Apotheker, die sich als Zeitschriftenredakteure und -herausgeber einen Namen machten. Dazu gehören Hermann Hager (1816 bis 1897) ebenso wie Ernst Urban (1874 bis 1958) und auch Alfred Schneider, der am 24. Oktober vor 100 Jahren starb.
Prof. Dr. Christoph Friedrich
24.10.2019
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Publizistisch tätige Pharmazeuten trugen wesentlich zur Popularisierung neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse bei und prägten auch die Entwicklung des Apothekerberufes. Bernhard Alfred Schneider (1856 bis 1919), der am 24. Oktober vor 100 Jahren verstarb, wurde am 17. Juli 1856 als Sohn eines königlichen Ministerialsekretärs in Dresden geboren. An den Besuch der Elementarschule schloss sich 1867 der der Realschule in Dresden an. Seine pharmazeutische Ausbildung begann er 1871 in der von Moritz Rothe (1834 bis 1893) geleiteten Adler-Apotheke, die 1724 in der Dresdner Friedrichstadt gegründet worden war. Anschließend folgte das dreisemestrige Studium der Pharmazie an der Universität Leipzig. Hier zählte unter anderem der Organische Chemiker Hermann Kolbe (1818 bis 1884), der sich in der Pharmazie mit der Synthese der Salicylsäure einen Namen gemacht hatte, zu seinen Lehrern. Im Wintersemester 1879/80 legte Schneider die Pharmazeutische Staatsprüfung mit »sehr gut« ab. Danach wirkte er dreieinhalb Jahre als Fabrikchemiker in der Dresdner Firma Gehe & Co. (1)

Zur weiteren Qualifikation ging er anschließend an die Universität Erlangen, an der er am 4. Februar 1890 unter Leitung von Albert Hilger (1839 bis 1905) im Fach Angewandte Chemie mit einer pflanzenanalytischen Arbeit promoviert wurde. Hilger hatte mit fünfzehn Jahren seine pharmazeutische Ausbildung begonnen und danach in Würzburg Pharmazie studiert. 1863 wurde er in Heidelberg zum Dr. phil. promoviert. Nachdem er in Würzburg das Abitur nachgeholt hatte, habilitierte er sich 1869 mit einer Arbeit zur Alkaloidchemie. Drei Jahre später folgte er einem Ruf nach Erlangen als Professor für Pharmazie und Angewandte Chemie, wo er bis zu seinem Wechsel 1892 nach München wirkte. Hilger beschäftigte sich mit Pflanzenchemie, insbesondere Alkaloiden, Nahrungsmittelchemie sowie forensischen und mineralogischen Studien. Er betätigte sich aber auch als Fachschriftsteller und Redakteur von Zeitschriften zur Lebensmittelchemie und dürfte Alfred Schneider Anregungen für seine spätere Tätigkeit gegeben haben (2).

In seinem Gutachten zur Dissertation von Schneider äußerte er sich überaus positiv und bemerkte: »Herrn Alfred Schneider, welchen ich von seinen frühen Arbeiten in meinem Laboratorium als außerordentlich geschickten gewandten Arbeiter in bester Erinnerung habe, hat in vorliegender Arbeit einen bestens beachtenswerthen Beitrag zur Pflanzenchemie durch Studium und erstmalige Klarstellung eines Alkaloides ›Damascenin‹ geliefert. Ich beantrage die Zulassung zur mündlichen Prüfung.« (3)

In der 42 Seiten umfassenden Dissertation beschreibt Schneider seine Analysen des Samens von Nigella Damascena, dem Schwarzkümmel. Dabei gelang ihm erstmalig die Reindarstellung des Alkaloids Damascenin, für das er eine Formel aufstellte und dessen chemische Reaktionen er untersuchte. Damascenin wirkt nach heutigen Erkenntnissen als Radikalfänger, besitzt aber zugleich mutagene und karzinogene Wirkungen, die seinem Einsatz entgegenstehen (4).

Nach seiner Promotion kehrte Alfred Schneider nach Dresden zurück, wo er als Korpsstabsapotheker beim XII. Sächsischen Armeecorps tätig war. 1891 heiratete er die Tochter des Apothekers Bruno Hirsch (1826 bis 1903), mit der er eine Tochter und zwei Söhne hatte. Hirsch, der unter anderem in Frankfurt am Main und in Berlin gewirkt hatte, ehe er 1894 nach Dresden zog, war publizistisch außerordentlich erfolgreich. Er verfasste Kommentare zu preußischen und deutschen Arzneibüchern, die Pharmacopoea rossica sowie Werke über die Prüfung von Arzneimitteln.

Schriftsteller und Verleger

Bereits als Militärapotheker trat Alfred Schneider als Mitarbeiter und schließlich als Schriftleiter in die Zeitschrift »Pharmaceutische Centralhalle« ein. 1894 erwarb er das Verlagsrecht. Die »Pharmaceutische Centralhalle« war 1859 von dem Apotheker und Fachschriftsteller Hermann Hager als dritte pharmazeutische Zeitschrift neben dem 1820 gegründeten »Archiv der Pharmacie« sowie der drei Jahre zuvor entstandenen »Pharmaceutischen Zeitung«, ins Leben gerufen worden. Die »Centralhalle« erschien wöchentlich im Verlag von Julius Springer und enthielt überwiegend wissenschaftliche Originalarbeiten, aber auch Referate aus dem Gebiet der Chemie und der Pharmazie. 1880 trat Ewald Albert Geissler (1848 bis 1898) in die Redaktion ein, um Hager, der sich drei Tage pro Woche der »Centralhalle« widmen musste, zu entlasten. Jedoch erwies sich die Zusammenarbeit als schwierig. Geissler übernahm 1886 die Professur für Chemie, Physik und Warenkunde an der Königlichen Tierärztlichen Hochschule in Dresden. Hier gab es erste Kontakte zu Alfred Schneider.

Neben Schneider wirkte auch der spätere Berliner Ordinarius für Pharmazeutische Chemie, Hermann Thoms (1859 bis 1931), als Redakteur. 1894 übernahm Alfred Schneider die Leitung der Redaktion und erwarb zugleich die Verlagsrechte. Bis 1918 hatte er die Leitung der Redaktion inne, die er mit großer Umsicht ausübte. Seit 1897 trug die »Pharmaceutische Centralhalle« den Untertitel »Zeitschrift für wissenschaftliche und geschäftliche Interessen der Pharmacie». Nach Schneiders Tod übernahm der Verlag Theodor Steinkopff das Periodikum, und als Redakteure wirkten nun der Pharmakologe Paul Conrad Bohrisch (1871 bis 1952) sowie der Apotheker Paul Theodor Süß (1859 bis 1929), der als Chemiker bei der Zentralstelle für öffentliche Gesundheitspflege in Dresden arbeitete (5).

Die finanziellen Erfolge der Zeitschrift wie auch die lange Wartezeit, die erforderlich war, erlaubten Alfred Schneider 1901, die Konzession zur Eröffnung der »Prinzess-Luisa-Apotheke« in der Schandauer Straße 43 in Dresden zu erwerben. Diese leitete er bis zu seinem Tod am 24. Oktober 1919 in Dresden (1).

»Bestseller«-Überarbeitung

Alfred Schneider verfasste eine größere Anzahl wissenschaftlicher Arbeiten. So beteiligte er sich an der ersten und zweiten Ausgabe der »Real-Encyclopädie der gesammten Pharmacie«, die 1886 bis 1891 beziehungsweise 1904 bis 1914 erschien und die Karl Conrath zu Recht als »monumentalstes lexikographisches Nachschlagewerk der Pharmazie« bezeichnete (6). Das Lexikon wurde von dem österreichischen Mediziner Joseph Moeller (1848 bis 1924) und dem Dresdner Apotheker Ewald Geissler herausgegeben, die einen riesigen Mitarbeiterstamm von über 90 ausgewiesenen Fachleuten, darunter auch der bereits erwähnte Albert Hilger, gewinnen konnten. Schneider dürfte von Geissler als Mitarbeiter gewonnen worden sein. Er bearbeitete viele Stichworte, wie beispielsweise »Abdeckschalen« oder »Aqua Cinnamomi».

Gemeinsam mit seinem Schwiegervater Bruno Hirsch verfasste er ferner einen Kommentar zur 3. Ausgabe des Deutschen Arzneibuches (DAB) (7) und 1902 mit Paul Süß den Kommentar zum DAB 4 (8). Zudem übernahm er die Überarbeitung des damaligen Bestsellers »Grundriss der Pharmaceutischen Maassanalyse« von Ewald Geissler in geradezu selbstloser Weise, denn als Autor wird nur dieser erwähnt. Im Vorwort heißt es jedoch: »Der Neubearbeitung des kleinen Werkes, welches schon lange im Buchhandel vergriffen war, hat sich auf meine Bitte Herr Corps-Stabsapotheker Dr. A. Schneider unterzogen, da mir meine Berufsgeschäfte nicht die nöthige Zeit liessen […]. Dr. Schneider hat den speziellen Theil nach den Anforderungen des Arzneibuchs für das Deutsche Reich […] umgearbeitet.« (9)

Schließlich war Alfred Schneider auch auf berufspolitischem Gebiet tätig. Er gehörte 30 Jahre dem Deutschen Apothekerverein an und wirkte als stellvertretender Vorsitzender des Pharmazeutischen Kreisvereins des Regierungsbezirks Dresden. Außerdem war er Vorsitzender des Aufsichtsrates der Hypotheken- Vermittlungsgenossenschaft Sächsischer Apotheker und Mitglied der Pharmazeutischen Vorprüfungskommission Dresden. Für sein Engagement wurde er vom König von Sachsen mit dem Ritterkreuz I. Klasse zum Albrechtsorden ausgezeichnet. Alfred Schneider fand seine letzte Ruhestätte auf dem Johannes-Friedhof in Dresden-Tolkewitz (1).

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