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Masern

Alles andere als harmlos

15.11.2011
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Von Irene von Majewski / Der Mythos einer harmlosen Kinderkrankheit haftet den Masern auch heute noch an. Das ist aber ein gefährlicher Irrtum. Schwerwiegende Komplikationen können selbst Jahre nach der Ansteckung noch zum Tod führen, wie der aktuelle Fall eines 13-jährigen Mädchens aus Bad Salzuflen leidvoll gezeigt hat.

Die Weltgesundheitsorganisation hatte sich zum Ziel gesetzt, die Masern in Europa bis 2010 ausgerottet zu haben. Zwar ist es gelungen, die Masern weltweit durch Impfprogramme drastisch zurückzudrängen. Immer wieder kommt es jedoch zu regionalen Ausbrüchen, da die für eine sogenannte Herdenimmunität erforderliche Durchimpfungsrate von mindestens 95 Prozent der Bevölkerung noch nicht erlangt ist. Die Anzahl der Erkrankungen schwankt. In Deutschland wurden dem Robert-Koch-Institut (RKI) im vergangenen Jahr 780 Masernfälle gemeldet. In diesem Jahr hat sich die Zahl bereits mehr als verdoppelt.

 

Geschwächte Immunabwehr

 

Das Masernvirus wird von Mensch zu Mensch durch Tröpfcheninfektion übertragen. Eintrittspforte sind Schleimhäute des Atemtraktes und der Augen. Nahezu jeder Nichtimmune steckt sich bereits bei einer kurzen Exposition an, und fast jeder Infizierte erkrankt auch. Die Inkubationszeit beträgt neun bis zwölf Tage bis zum Beginn des katarrhalischen Stadiums mit hohem Fieber, Husten, Schnupfen und Bindehautentzündung und etwa 14 Tage bis zum Ausbruch des typischen Hautausschlages.

Eine Maserninfektion schwächt die Immunabwehr der Patienten selbst bei unkompliziertem Verlauf oft noch für etwa sechs Wochen. In der Folge erleiden diese häufig bakterielle Superinfektionen wie Lungen- und Mittelohrentzündung. Die schwerste Komplikation ist eine Gehirnentzündung. Für ältere Kinder und Jugendliche ist das Risiko besonders groß. 20 Prozent der Erkrankten sterben, Überlebende behalten sehr häufig Folgeschäden des Gehirns. Die Ansteckungsfähigkeit erstreckt sich von vier bis fünf Tage vor Ausbruch des Hautausschlages bis zu etwa vier Tage danach. Die Immunität hält nach Erkrankung lebenslang an. Verdacht auf, Erkrankung an und Tod durch Masern sind nach dem Infektionsschutzgesetz meldepflichtig.

 

Medikamente zur Behandlung einer Maserninfektion gibt es nicht. Erkrankte Personen sollten in der akuten Krankheitsphase Bettruhe einhalten. Zur symptomatischen Therapie kommen fiebersenkende Medikamente sowie Hustenmittel und bei bakteriellen Superinfektionen Antibiotika infrage. Nur eine vorsorgliche Impfung schützt vor einer Infektion.

 

MMR-Impfung empfohlen

 

Die Ständige Impfkommission am RKI (STIKO) empfiehlt eine erste Impfung ab dem vollendetem 11. bis 14. Lebensmonat und eine Wiederimpfung im vollendetem 15. bis 23. Lebensmonat. Die Zweitimpfung soll den Kindern, die nach der Erstimpfung keine ausreichende Immunität entwickelt haben, eine zweite Chance geben, es ist also keine Auffrischimpfung. Die Impfung soll vorzugsweise mit MMR-Kombinationsimpfstoff erfolgen, der neben der Masernvakzine auch Komponenten gegen Mumps und Röteln enthält. Der Mindestabstand zwischen den beiden Gaben beträgt vier Wochen. Nicht oder nur einmal geimpfte Immungesunde, die Kontakt zu einer an Masern erkrankten Person hatten, sollten innerhalb der nächsten drei Tage geimpft werden (postexpositionelle Impfung). Der Schutz währt lebenslang.

 

Mit zunehmendem Alter verlaufen Erkrankungen nicht nur schwerer. Infizierte Erwachsene stellen auch ein Infektionsrisiko für sie umgebende Ungeschützte dar. Besonders gefährdet sind Säuglinge, die noch nicht im Impfalter sind, sowie Personen, für die eine Impfung kontraindiziert ist. Allen nach 1970 geborenen Erwachsenen, die noch über keinen ausreichenden Schutz verfügen, rät die STIKO zu einer einmaligen Masernimpfung, insbesondere wenn sie im Gesundheitsdienst, in der Betreuung von Immundefizienten oder in Gemeinschaftseinrichtungen arbeiten. Versäumte Impfungen können in jedem Lebensalter nachgeholt werden. / 

Masernviren zur Krebstherapie

Die Eigenschaft von Viren, Zellen zu zerstören, in denen sie sich vermehrten, macht man sich bereits heute in der Krebstherapie zunutze. Neue Erkenntnisse über den Krankheitsmechanismus der Maserninfektion bringen hier nun möglicherweise weitere Fortschritte. Bekannt war bislang, wie das Masernvirus in den Organismus eindringt. Auf welche Weise es die Atemwege des Wirts wieder verlässt, um weitere Menschen anstecken zu können, blieb jedoch rätselhaft. Dr. Michael Mühlebach vom Paul-Ehrlich-Institut hat jetzt in Kooperation mit multinationalen Forschungsgruppen herausgefunden, dass der Rückweg durch die Epithelzellen nur dort funktioniert, wo zum Transport das Eiweiß Nectin-4 zur Verfügung steht (doi: 10.1038/nature10639). Dieses Transmembranprotein ist wiederum für einige Krebszellarten charakteristisch, die davon wesentlich mehr aufweisen als gesunde Körperzellen. Jene Tumorzellen sind dadurch besonders anfällig für Masernviren. Mittels dieser Entdeckung ließe sich die Erfolgschance einer therapeutischen Maserninfektion besser als bisher abschätzen, wenn die Effizienz mit dem Ausmaß des Nectin-4-Gehaltes der Tumorzellen korreliert.

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