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AMNOG

»Die Koalition verhandelt nicht mit Leistungserbringern«

16.11.2010
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Von Daniel Rücker und Stephanie Schersch, Karlsruhe / Mit mindestens 200 Millionen Euro belastet das Arzneimittelmarkt-Neuordnungsgesetz (AMNOG) die Apotheker. Genau dieses Summe hatte die Koalition von Anfang an für die Pharmazeuten veranschlagt, sagt der gesundheitspolitische Sprecher der Union, Jens Spahn. Gleichzeitig denkt er über eine neue Vergütungssystematik nach.

PZ: Denken Sie, dass die Apotheken mit dem Ergebnis des AMNOG zufrieden sein können?

 

Spahn: Wir wissen, dass wir den Apothekern eine Menge abverlangen. Mit Blick auf die finanzielle Lage im Gesundheitswesen haben wir aber immer gesagt, dass wir bei Großhandel und Apotheken zusammen 400 Millionen Euro einsparen wollen und dass 200 Millionen Euro von den Apothekern kommen sollten. Dabei haben wir mit den Apotheken ja durchaus einen Konsens gesucht.

 

PZ: An welcher Stelle?

 

Spahn: Wir haben mit der ABDA ein Modell besprochen, nach dem die Apotheken nicht indirekt über die Senkung der Großhandelsvergütung belastet werden, sondern über einen höheren Apothekenrabatt an die Krankenkassen, wobei dann die Großhandelsspanne nicht so stark gesenkt wird, wie ursprünglich geplant. Diese Aufteilung hat nach meinem Empfinden auch die grundsätzliche Zustimmung der ABDA gefunden.

 

PZ: Bei der konkreten Umsetzung dieses Modells hatten Sie dann aber nicht die Zustimmung der Apotheker. Im Gespräch waren eine Anhebung des Abschlages von 1,75 Euro auf 1,95 Euro sowie eine Senkung der Großhandelsspanne auf 3,4 Prozent plus 70 Cent pro Arzneimittelpackung. Tatsächlich müssen die Apotheker den Kassen nun 2,05 Euro gewähren und ab 2011 liegt auch die Großhandelsspanne niedriger.

 

Spahn: Die Anhebung des Kassenabschlags auf 1,95 Euro war ein Vorschlag der Apotheker, wir haben dies niemals zugesagt. Da-rauf lege ich größten Wert. Wir als Union waren für 2 Euro, tatsächlich wurden es in den Verhandlungen mit dem Koalitionspartner 2,05 Euro, da haben Sie Recht. Aber 1,95 Euro habe ich, haben wir niemals in Aussicht gestellt. Wir verhandeln als Koalition auch nicht mit Apothekern oder anderen Leistungserbringern über deren Vorschläge, sondern wir führen konstruktive Gespräche. Verhandelt wird in der Koalition. Ich halte es ohnehin für wichtiger, dass die Maßnahmen auf 2 Jahre begrenzt sind. Danach kann die Selbstverwaltung wieder neu verhandeln. Es gab auch Stimmen, die die 2,05 Euro nicht befristen wollten. Das hätte die Apotheker noch deutlich härter getroffen.

 

PZ: Mit 2,05 Euro liegt die Koalition jetzt aber deutlich über den anvisierten 200 Millionen Euro, wenn man von einer Zahl von 740 Millionen Packungen pro Jahr ausgeht.

 

Spahn: Wie gesagt, ich habe für einen Rabatt von 2 Euro geworben. Die Koalition hat sich aber auf 2,05 Euro verständigt. Das trage ich natürlich mit.

 

PZ: Halten Sie es denn für realistisch, dass nach 2012 der Abschlag auf dem Verhandlungsweg wieder sinken könnte? Schließlich haben Sie doch über neue Rahmenbedingungen für die Abschlagsverhandlungen einen Anpassungsmechanismus wie im Jahr 2009 ausgeschlossen. Mehr Aufwand für die Apotheken soll ja eben nicht mehr automatisch zu einer Senkung des Rabattes führen.

 

Spahn: Ich denke, dass wir mit der geplanten repräsentativen Apotheken-Stichprobe als Referenz einen guten Weg für die Anpassung des Abschlages gefunden haben. Unabhängig davon sollten wir aber in der nächsten Zeit grundsätzlich über die Honorierung der Apotheker reden. Die Honorierung muss in Zukunft stärker an Beratung und andere Dienstleistungen der Apotheker geknüpft werden und weniger an die Abgabe von Arzneimitteln. Wir müssen auch analog zu den Ärzten darüber reden, ob wir durch finanzielle Anreize Apotheker dazu motivieren wollen, sich in unterversorgten Regionen niederzulassen.

 

PZ: Schon bei der Strukturreform im kommenden Jahr?

 

Spahn: Ja, warum denn nicht? Wenn wir eine neue Aufgabenverteilung zwischen Ärzten und Apothekern in der Arzneimittelversorgung diskutieren wollen, dann müssen wir uns auch darüber unterhal-ten, wie die Leistungen dann honoriert werden.

 

PZ: Denken Sie dabei an die Umsetzung des gemeinsamen Konzeptes von ABDA und Kassenärztlicher Bundesvereinigung (KBV)?

 

Spahn: Ich finde es sehr gut und sehr bemerkenswert, dass sich Ärzte und Apotheker auf ein gemeinsames Konzept verständigt haben. Das bedeutet aber nicht, dass das ABDA-KBV-Konzept per se perfekt ist. Es geht sicherlich in die richtige Richtung. Wir müssen uns in Zukunft noch stärker auf die Versorgung chronisch Kranker und auf die Prävention konzentrieren. In beiden Feldern ist die Zusammenarbeit von Ärzten und Apothekern wichtig. Ich halte aber das ABDA-KBV-Konzept nicht für die Ideallösung. Innerhalb der Ärzteschaft findet es nur begrenzten Zuspruch. Mein Eindruck ist nicht, dass die Ärzte wirklich so viele Kompetenzen im Bezug auf die Arzneimittelverschreibung abgeben wollen.

 

PZ: Sie sagen, dass die Apotheker stärker mit Ärzten zusammenarbeiten sollen, dass Dienstleistungen wichtiger sind als die reine Distribution. Dennoch hat die Koalition bei der aktuellen Gesundheitsreform die Apotheker in das Gesetz für die Distributionskette genommen. Die Konsequenz war, dass die Apotheker als einzige Leistungserbringer mit tatsächlichen Kürzungen belastet wurden. Zeigt das nicht, dass Ihnen die Apotheker doch weniger wert sind als die Ärzte?

 

Spahn: Wir haben in Frühjahr bereits ganz klar gesagt, dass wir bei den Arzneimitteln sparen müssen – bei der pharmazeutischen Industrie und bei den Vertriebsstufen über die Großhandelspanne. Es stellt sich aus meiner Sicht hier die Frage, warum die Apotheker als Heilberufler Rabatte in diesem Umfang vom Großhandel erhalten. Das passt nicht zusammen.

 

PZ: Sie dürfen nicht vergessen, dass es die damalige Bundesregierung war, die bei der Umstellung der Arzneimittelpreisverordnung auf ein preisunabhängiges Honorar von 8,10 Euro, die Großhandelsrabatte an die Apotheken in die Honorarberechnung einbezogen hatte. Sie hat sie damit faktisch als Honorarbestandteil legitimiert.

 

Spahn: Das zeigt aber doch nur noch mehr, dass wir über die Honorierung der Apotheker reden müssen. Sie muss sich klarer an den heilberuflichen Aufgaben der Apotheker orientieren. Das sage ich auch, weil sich in der Diskussion um das AMNOG gezeigt hat, dass das Rabattgeschehen zwischen Großhandel und Apotheken nicht wirklich transparent ist. Hier kursieren zu viele unterschiedliche Zahlen. Zu Ihrer eigentlichen Frage zurück: Ich verstehe natürlich den Ärger der Apotheker, wenn sie sich im Vergleich zu den Ärzten als übermäßig belastet sehen. Als größter Kostentreiber mussten wir den Arzneimittelbereich aber so konsequent angehen, wie wir es getan haben.

 

PZ: Die Apotheker sind auch darüber verärgert und enttäuscht, dass die Koalition wegen verfassungsrechtlicher Bedenken nicht, wie angekündigt, Pick-up-Stellen verboten hat. Ist das Thema nun vom Tisch?

 

Spahn: Nein, wir wollen immer noch die Pick-up-Stellen verbieten. Wenn aber Justiz- und Innenministerium den eingeschlagenen Weg für verfassungsrechtlich bedenklich halten, dann muss die Koalition das ernst nehmen. Für uns bedeutet dies, jetzt gemeinsam mit den Beteiligten nach einem neuen verfassungssicheren Weg zu suchen. An unserem Ziel, Pick-up zu verbieten, halten wir fest. Wir haben gerade schon über die Strukturreform 2011 gesprochen. Da sollte Pick-up wieder ein Thema sein. /

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