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Pharmabranche

Die fetten Jahre sind vorbei

16.11.2010
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Von Martina Janning, Berlin / Die Wachstumsraten der Pharmaindustrie sinken und werden sich auf dem Niveau der 1990er-Jahre einpendeln, schätzen Branchenexperten. Die gerade verabschiedeten Reformen im Arzneimittelmarkt setzen den Firmen zusätzlich zu.

Der deutsche Arzneimittelmarkt wird im nächsten Jahr nicht besonders stark wachsen, prognostizierte Dr. Ralf Zeiner vom Branchendienst IMS Health auf der Fachtagung »Pharma-Trends«, die vorige Woche in Berlin stattfand. Damit ist die Situation hierzulande ein Spiegel für den internationalen Pharmamarkt. »Die Wachstumsraten gehen herunter und stagnieren bei ungefähr 5 Prozent«, sagte Zeiner. »In den nächsten Jahren wird sich das Wachstum um die 4 Prozent einpendeln.« Auch Schwellenländer könnten den Wachstumsrückgang in den Industrieländern nicht auffangen. Die Situation werde sich an die 1990er-Jahre angleichen.

Der Absatz im OTC-Markt fiel laut IMS Health im laufenden Jahr gegenüber dem Vorjahr: Es gingen 3 Prozent weniger Packungen über die Verkaufstresen. Der verordnete Anteil an Arzneimitteln zur Selbstmedikation hielt sich 2010 konstant bei 22 Prozent und hat sich damit seit dem Jahr 2008 nicht verändert. Im Markt der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) betrug das Wachstum rund 4 Prozent.

 

Packungsgrößen fordern Firmen

 

Im Generikamarkt gebe es für mehr als die Hälfte der Arzneimittel einen Rabattvertrag, berichtete Zeiner. Das seien 3 Prozent weniger als im Vorjahr. Die fünf im ersten Halbjahr 2010 am meisten umgesetzten Substanzen waren Simvastatin, Metamizol, Levothyroxin, Ibuprofen und Metoprolol, hat IMS Health ermittelt.

 

Zeiner wies darauf hin, dass die Novelle der Packungsgrößenverordnung den Pharmaunternehmen einiges abverlangt: 74 Prozent der heutigen Packungen entsprächen nicht den neuen Gesetzesvorgaben, sagte der Branchenexperte auf der Veranstaltung.

Dr. Engelbert Günster, Vorsitzender der Geschäftsführung von Boehringer Ingelheim, kritisierte, dass jede Gesundheitsreform neue Markthürden für die Pharmaindustrie geschaffen habe. Die Rede vom freien Marktzugang für neue Arzneimittel sei eine Farce: »Die Ärzte sind so verunsichert, dass sie sie nicht verschreiben.« Beim Einsatz innovativer Medikamente belege Deutschland inzwischen nur noch Platz 12, sagte Günster. Nach seinen Ausführungen lag der Marktanteil von Präparaten mit neuen Wirkstoffen im Zeitraum von 2003 bis 2008 in Deutschland bei 6 Prozent. In Irland waren es mit 16,7 Prozent die meisten, gefolgt von Schweden mit 14,7 Prozent. In Österreich betrug der Anteil 8,2 Prozent und in der Schweiz 7,2 Prozent.

 

Bei chronischen Krankheiten gebe es in Deutschland inzwischen eine deutliche Unterversorgung, erklärte Günster. Dabei könnten innovative Medikamente zum Beispiel die Krankenhauskosten senken. Auch die Qualität ließe sich steigern.

 

Günster plädierte für mehr Versorgungsforschung und die Beteiligung der Pharmaindustrie daran. Versorgungsforschung könnte die Daten liefern, die bei der künftigen Frühbewertung des Nutzens von neuen Arzneimitteln fehlten. »Die vollen Wirkungen sieht man erst nach drei bis fünf Jahren«, sagte Günster. Er sprach sich dafür aus, schon »Schrittinnovationen« zu akzeptieren. »Es ist auch eine Innovation, wenn ein Patient nur noch eine Tablette statt fünf Stück schlucken muss.«

 

Um die Versorgungsforschung voranzubringen, schlug der Industrievertreter vor, von den Einsparungen durch das Arzneimittelmarkt-Neuordnungsgesetz (AMNOG) ein Fünftel zur Seite zu legen, um damit entsprechende Konzepte zu entwickeln.

 

Keine Deregulierung erfolgt

 

Günster vermutete, dass Kosten-Nutzen-Bewertung für innovative Medikamente eher eine Ausnahme bleiben und sich als schwer überwindbare Hürde beim Marktzugang erweisen. Dies gefährde Wachstum und Beschäftigung. »Boehringer Ingelheim beschäftigt in Deutschland 10 000 Mitarbeiter, von denen 1000 mit dem deutschen Geschäft befasst sind. Warum sollten wir die anderen in Deutschland behalten?«, fragte er.

 

Mit dem AMNOG ging der Boehringer-Vertreter kritisch ins Gericht. Die Deregulierung, die die Regierungsparteien versprochen hatten, sei nicht gekommen. »Das AMNOG wird Innovationen und Investitionen in Deutschland nicht fördern«, befand Günster. /

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