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Arzneimittelinnovationen

Von den Kosten ausgebremst

07.09.2016  09:18 Uhr

Von Christina Hohmann-Jeddi, Wiesbaden / Der Wert und die Kosten von Arzneimitteln müssen in Verhältnis zueinander stehen. Darin waren sich die Diskutanten der Podiumsdiskussion im Rahmen der hessischen Gesundheitstage einig. Um die Arzneimittelversorgung auf hohem Niveau zu halten, müssten Pharmaindustrie und Kassen Verständnis füreinander haben.

Das qualitativ hochwertige Gesundheitssystem in Deutschland stelle einen hohen Wert dar, sagte der hessische Gesundheitsminister Stefan Grüttner (CDU). Es biete allen Patienten einen Zugang zu vielen Leistungen, was nicht selbstverständlich sei. »Nach der Zulassung von Medikamenten hat jeder ­Patient, unabhängig von Einkommen oder Status, Zugang zu diesen innovativen Arzneimitteln.« Ulla Ohlms, selbst Brustkrebspatientin und Vorsitzende der Stiftung PATH (Patients’ Tumor Bank of Hope), konnte dies bestätigen. Sie sei dankbar dafür, in diesem Teil der Welt geboren zu sein, »im Zentrum der Hochleistungsmedizin«.

Gerade im Bereich von Krebserkrankungen habe es in den vergangenen zehn Jahren erhebliche medizinische Fortschritte gegeben, sagte Birgit Fischer, Hauptgeschäftsführerin des Verbands forschender Pharmaunternehmen, der zusammen mit dem Bundesverband der pharmazeutischen Industrie (BPI) die Veranstaltung ausrichtete. Bei der Markteinführung innovativer Therapeutika erlebe sie in Deutschland eine schizophrene Situation, so Fischer. Sobald diese kurz vor der Zulassung stünden, setze eine Diskussion über die Kosten ein, statt den Fortschritt zu begrüßen. Ihr zufolge fehlt es hierzulande zum Teil am Bewusstsein dafür, dass Schritt- oder Scheininnovationen eine therapeutische Berechtigung haben. »Ein zusätzliches oder ähnliches Präparat kann vielleicht genau das Richtige für einen Therapieversager sein«, erklärte sie.

 

Der BPI-Vorsitzende Martin Zentgraf wünschte sich zudem mehr Bewusstsein für die wirtschaftliche Bedeutung der Pharmaindustrie in Deutschland. Um Innovationen auf den Markt bringen zu können, müssten die Rahmenbedingungen stimmen. In diesem Zusammenhang wandte er sich gegen die frühe Nutzenbewertung für Arzneimittel, die im Arzneimittelmarkt-Neuordnungsgesetz (AMNOG) vorgeschrieben wird. Demnach müssen Hersteller und Krankenkassen ein Jahr nach Marktzugang den Erstattungspreis für das Medikament aushandeln. Den Preisverhandlungen voran geht die Bewertung des Zusatznutzens eines neuen Medikaments durch das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen. Auf Basis der Prüfungsergebnisse entscheidet der Gemeinsame Bundesausschuss, ob das Präparat besser ist als bereits etablierte Therapien. Gerade in der Indikation Epilepsie habe dieses Prozedere dazu geführt, dass mehrere neue Präparate nicht in Deutschland auf den Markt kamen. »Die Betroffenen müssen sich die Medikamente über internationale Apotheken aus dem Ausland besorgen lassen«, so Zentgraf.

 

Beide haben versagt

 

In diesen Fällen hätten Krankenkassen und Hersteller gleichermaßen versagt, konstatierte Tim Steimle, Fachbereichsleiter Arzneimittel der Techniker Krankenkasse. Insgesamt hält er es für wichtig, dass beide Seiten auf Verhandlungen und Ausgleich setzen. Dabei hält er an der frühen Nutzenbewertung fest. »Wir brauchen die Nutzenbewertung, weil sich Chancen und Risiken eines Medikaments nicht in ausreichendem Maß in den Zulassungsstudien entdecken lassen.«

 

Die Rahmenbedingungen der Gegenseite zu berücksichtigen, sollte nicht nur für Innovationen, sondern auch im Generikabereich gelten, forderte Fischer. Wenn Rabattverträge so gestaltet würden, dass eine Oligopolbildung zugelassen wird, träten Probleme wie Lieferengpässe auf. Dagegen wandte Steimle ein, dass eine Oligopolbildung nicht zu erkennen sei, der Generikamarkt habe sich seit Einführung der Rabattverträge nicht erheblich verändert. Lieferengpässe seien tatsächlich ein Problem, resultierten seiner Ansicht nach aber nicht aus den Rabattverträgen. »Wir schließen Verträge über 5 bis 6 Prozent des Weltmarkts ab«, so Steimle. Die eigentlichen Ursachen der Lieferengpässe nannte der Apotheker allerdings nicht. /

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