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Großhändler kämpfen um unabhängige Apotheken

15.11.2006  10:36 Uhr

Tschechien

Großhändler kämpfen um unabhängige Apotheken

Von Patrick Hollstein

 

Unter den tschechischen Pharmagroßhändlern ist ein Wettstreit um die zukünftige Verteilung des Marktes entbrannt. Während Phoenix und Gehe ihren Absatz durch gruppeneigene Apothekenketten stützen, kämpfen Alliance UniChem und die tschechische Apothekergenossenschaft Pharmos um die Gunst der unabhängigen Apotheken.

 

Nach der Privatisierung des tschechischen Arzneimittelvertriebs Anfang der 1990er-Jahre hat sich insbesondere der Großhandelsmarkt mit großer Geschwindigkeit konsolidiert. Von rund 80 aktiven Grossisten blieben innerhalb von zehn Jahren gerade vier Unternehmen übrig, darunter die drei europaweit aktiven Konzerne Phoenix, Celesio und Alliance Boots. Mit Pharmos, einem Unternehmen, an dem die Apothekergesellschaft Ceská lékárnická (CL) eine Dreiviertel-Mehrheit hält, ist nur ein einziger einheimischer Anbieter im Rennen geblieben. Doch trotz Heim- und Genossenschaftsvorteil muss Pharmos sich gegen die ausländische Konkurrenz am Markt behaupten. Vor allem die Expansionspläne des britisch-italienischen Konzerns Alliance Boots machen dem Unternehmen mit Sitz in Ostrava derzeit zu schaffen.

 

Kampf mit allen Mitteln

 

Die beiden Grossisten kämpfen um den zweiten Platz am Markt. Während Pharmos mit einem Anteil von rund 22 Prozent derzeit besser aufgestellt ist, versucht der tschechische Alliance UniChem-Chef Jan Rohrbacher, den Anteil seines Unternehmens von derzeit 19 Prozent mit allen Mitteln aufzubessern. Sich des finanziellen Rückhalts beim Mutterkonzern bewusst, ließ Rohrbacher vor einem Jahr alle tschechischen Apotheken anschreiben, um die rund 800 CL-Aktionäre zum Verkauf ihrer Genossenschaftsanteile zu bewegen. Der Übernahmeversuch scheiterte; für ein ähnliches Schreiben, in dem das Unternehmen rechtzeitig zum 15-jährigen Firmenjubiläum des Mitbewerbers dessen Jahresabschluss infrage stellte, musste Rohrbacher sich vor wenigen Tagen auf Grund des Drucks aus der Branche öffentlich entschuldigen.

 

Zweifelhafte Absichtserklärung

 

Anders als Gehe und Phoenix war Alliance UniChem erst 1999 durch die Übernahme der beiden Großhändler Plus und Pragopharm in den tschechischen Markt eingestiegen. Bis heute betreibt die Gruppe in Tschechien keine eigenen Apotheken, was Rohrbacher und sein Vertriebsteam gegenüber den knapp 2000 unabhängigen Apotheken des Landes regelmäßig als Firmenphilosophie zu verkaufen versuchen. Natürlich fragen sich die tschechischen Apotheker, wie ernst es der Investor aus dem fernen London mit seiner Beteuerung meint, auch in Zukunft in Tschechien keine eigenen Apotheken zu eröffnen. Der Konzern unter der Leitung des italienischen Nuklearingenieurs Stefano Pessina betreibt neben der Drogeriemarktkette Boots Apotheken in Großbritannien, Norwegen, Italien sowie den Niederlanden und hält eine Beteiligung am schweizerischen Pharmagroß- und -einzelhändler Galenica.

 

In jüngster Vergangenheit hat sich der neue Gigant durch aggressive Expansionsversuche hervorgetan: So versucht das Unternehmen in Großbritannien, durch Praxisapotheken Anschluss an den Rezeptbereich zu finden. Für Schlagzeilen sorgte auch die Bereitschaft der britischen Großhandelstochter UniChem, am umstrittenen Exklusivvertriebsmodell des Pharmakonzerns Pfizer (siehe PZ 40/06) mitzuwirken. Erst im Juli hatten Firmenvertreter und Apotheker auf dem vom Mutterkonzern initiierten Europäischen Apothekerforum (EPF) in Italien erörtert, wie ähnliche Vorstöße von Pharmafirmen zu verhindern seien.

 

Für neuen Druck im Wettstreit der beiden Pharmagroßhändler sorgte jetzt eine Entscheidung der tschechischen Apothekenkooperation Drustvo lékáren, zusätzlich zu Pharmos auch Alliance UniChem als Vertriebspartner ins Boot zu holen. Zweimal hatte die Apothekergenossenschaft in den vergangenen Jahren die Ausschreibung der ebenfalls apothekereigenen Einkaufs- und Marketinggemeinschaft gewonnen. Durch die Öffnung hofft das Management der Kooperation jedoch, weitere Apotheken als Mitglieder zu gewinnen. Bislang beteiligen sich 230 Apotheken, also etwa 10 Prozent des Marktes, an dem in Tschechien konkurrenzlosen Konzept. Seit Jahren kämpfen die tschechischen Standesvertretungen für mehr Zusammenhalt innerhalb der Apothekerschaft. Nicht zuletzt auf Grund der Zersplitterung des Berufsstandes - nur etwa jeder fünfte selbstständige Apotheker ist Mitglied im Interessenverband GML - konnten die tschechischen Apotheker kaum eine Marktfreigabe der letzten Jahre abwenden. Ob Fremd- und Mehrbesitz, Margenkürzung oder Freigabe der Abgabepreise - in Tschechien sind fast alle Drohszenarien Wirklichkeit geworden. Ab Januar kommenden Jahres erhalten die sieben Krankenkassen des Landes zusätzlich die Möglichkeit, Einzelverträge mit den Apotheken abzuschließen. Zwar stehen vorerst nur Liefer- und Erstattungsprozesse zur Diskussion. Bei einer Nachfragemacht von rund 70 Prozent dürfte es jedoch nur eine Frage der Zeit sein, bis die Marktführerin VZP auch die Apothekenabgabepreise zur Verhandlungssache erklären kann.

 

Unangefochtener Marktführer

 

Zumindest das Gerangel um den abgeschlagen liegenden Folgeplatz im tschechischen Pharmagroßhandel dürfte Marktführer Phoenix mit einiger Gelassenheit beobachten: Mit einem Anteil von 43 Prozent sowie einer historisch gewachsenen stillen Beteiligung an Pharmos ist der Merckle-Konzern unangefochtene Nummer Eins am Markt. Auf rund 900 Millionen Euro schätzen Experten den Jahresumsatz des Mannheimer Unternehmens allein in Tschechien. Seit einigen Wochen gehört mit Europharm auch die größte Apothekenkette des Landes anteilig zu Phoenix. Hauptaktionär an Europharm ist eine durch einen ehemaligen Phoenix-Mitarbeiter aufgebaute Beteiligungsgesellschaft, hinter der ebenfalls die Merckle-Gruppe steht und die außerdem Apotheken in Ungarn, Österreich, der Schweiz und Polen betreibt (siehe PZ 38/06).

 

Gehe hält in Tschechien einen Marktanteil von 11 Prozent; mit Lloyds ist Mutterkonzern Celesio ebenfalls im Apothekenbereich vertreten.

Schlecker streckt die Fühler aus

Die deutsche Drogeriekette Schlecker hat den tschechischen Mitbewerber Droxi gekauft. Bislang ist Schlecker mit nur 20 Filialen in Tschechien vertreten, die meisten davon befinden sich in der Nähe der deutschen Grenze. Mit der Übernahme des rund 130 Filialen umfassenden Netzwerks, das bislang mehrheiltich zur österreichischen Meinl Bank gehörte, steigt Schlecker auch in das Apothekengeschäft ein. Droxi hatte in den vergangenen Monaten damit begonnen, nach amerikanischem und englischem Vorbild Drogerieapotheken aufzubauen. Bislang sind in vier Filialen Arzneimittelschalter angesiedelt. Droxi hatte vor zehn Jahren die erste Filiale eröffnet und ist in Tschechien Marktführer. Der Umsatz lag im vergangenen Jahr bei 57 Millionen Euro, der Gewinn bei zwei Millionen Euro. Rossmann ist mit rund 100 Outlets, dm mit knapp 120 Filialen vertreten.

 

Europaweit betreibt Schlecker 14.000 Filialen und wird 2006 rund 7 Milliarden Euro umsetzten. Das 1965 gegründete Familienunternehmen ist nach eigenen Angaben Weltmarktführer im Drogeriebereich.

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