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Pharmamarkt

Die stillen Herrscher

18.09.2006
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Die stillen Herrscher

Von Thomas Bellartz

 

Keine andere Familie hat in Deutschland mehr Einfluss im deutschen Arzneimittel- und Apothekenmarkt als die Merckles. Ratiopharm, Phoenix, ADG, CT Arzneimittel: das ist nur die Spitze des Eisbergs. Man gibt sich verschwiegen und öffentlichkeitsscheu. Doch Apothekerinnen und Apotheker dürften angesichts der drohenden Marktveränderungen viele, bislang unbeantwortete, Fragen an die Unternehmer haben. Die PZ auf Spurensuche.

 

Der deutsche Arzneimittel- und Apothekenmarkt ist seit einigen Jahren heftiger in Bewegung als jemals zuvor. Es ist schwer auszumachen, wer davon profitiert. Innerhalb der gut informierten, aber zuweilen zurückhaltenden Branche aus Herstellern , Großhändlern und Apotheken geht die Angst um vor einer möglichen Vertikalisierung einzelner Konzerne. Was steckt dahinter?

 

Das Prinzip der Vertikalisierung ist schlicht: Ein einziges Unternehmen kontrolliert die komplette Lieferkette - beginnend bei der Produktion, also der Herstellung von Arzneimitteln, über deren Vertrieb und Vermarktung bis hin zur untersten Vertriebsstufe, die die Abgabe an Versicherte und Patienten organisiert, also hierzulande die Apotheke. Wer nun durchatmet und der Ansicht ist, zumindest in Deutschland gebe es den Durchgriff einzelner Konzerne noch nicht, sieht sich getäuscht. Und wird ein Opfer der Devise "Reden ist Silber, Schweigen ist Gold".

 

Adolf Merckle ist eher schweigsam. Und er ist einer der erfolgreichsten deutschen Unternehmer. Darüber hinaus hat es der auf den ersten Blick scheue Mann aus Baden-Württemberg zu Reichtum und Anerkennung gebracht. Das Wohlergehen mag auch damit zu tun haben, dass Merckle ein Spross eines Familienunternehmens ist, das bereits zur Mitte des vorletzten Jahrhunderts gegründet wurde. Mit den Jahren wurde indes immer undurchsichtiger, wen und was Merckle und seine Familie tatsächlich besitzen, welche Unternehnmen sie kontrollieren und welche Macht sie damit ausüben können.

 

Der Senior zieht die Strippen

 

Wenn Merckle in der Nähe von Ulm wieder einmal eine Firmenerweiterung feiert, dann kümmert er sich nicht mehr selbst darum. Mittlerweile sind seine Söhne in seine großen Fußstapfen getreten. Doch der Vater zieht weiterhin die Strippen. Das jedenfalls ist aus den Unternehmen zu hören, die der Familie gehören. Vielen Apothekerinnen und Apothekern in Deutschland, aber auch denen in vielen anderen Ländern ist nicht bewusst, dass sie es mit einem Großkonzern gigantischen Ausmaßes zu tun haben. Die bekannteste Marke aus dem Firmenverbund ist Ratiopharm. So offen der Markenname bei Sportevents, in Fernsehspots und Anzeigen, bei Zwillingstreffen und arrangierten TV-Produktionen auch verwendet wird, so hermetisch abgeriegelt wird das Unternehmen, wenn es ans Eingemachte geht. Interviews mit dem Unternehmenschef gibt es (fast) nicht. Nur selten werden Ausnahmen gemacht - und dann erscheint in der Regel nur das, was ohnehin alle schon wussten. Das Unternehmen macht sich gerne uninteressant. Eine Ansammlung von Klischees dienen der deutschsprachigen Wirtschaftspresse seit jeher, um Merckle & Co. zu beschreiben. Viel schlauer macht ein Interview da nicht. Auch die Anfragen, die die PZ stellte, blieben bislang unbeantwortet. Und auch Philipp Daniel Merckle, derzeitiger Chef von Ratiopharm und Sohn von Adolf Merckle, will nicht mit der Fachpresse sprechen. Und das hat seinen Grund.

 

Vor zwei Jahren reagierte man in Ulm geharnischt auf einen PZ-Beitrag mit der Überschrift »Heiße Luft aus Ulm«. Beschrieben wurden die Geschäftspratiken und politischen Aktivitäten des Unternehmens und seiner Vertriebs- und Marketingchefin Dagmar Siebert. In Ulm liest man solche Texte nicht gern. Da geht es der PZ allerdings nicht anders als anderen Medien. Im Konzern selbst regiert und reagiert nur einer: die Familie. PR braucht man nicht, es geht schließlich ums Geschäft.

 

Aber an Ratiopharm jedenfalls kommen Deutschlands Apotheken längst nicht mehr vorbei. Die Werbekampagnen des Konzerns haben ihre Wirkung beim Patienten hinterlassen. Doch nicht nur von Ratiopharm gibt es was. Merckle besitzt eine Reihe anderer Pharmaunternehmen. Dazu zählt auch die zu 100 Pozent zu Merckle gehörende CT Arzneimittel aus Berlin. Deren früherer Geschäftsführer kümmert sich nun im von Ratiopharm initiierten Branchenverband Pro Generika darum, dass es den Unternehmen auch im politischen Berlin an nichts fehlt. Siebert aber fiel in Ulm in Ungnade, nachdem das Magazin Stern über die Geschäftspraktiken des Unternehmens berichtete. Merckle nutzte die Gunst der Stunde, feuerte kurzerhand den damaligen Unternehmenschef Claudia Albrecht und installierte seinen eigenen Sohn. Plötzlich war nicht mehr von Strategien und Marketing, sondern von einer moralischeren und werthaltigeren Geschäftspolitik die Rede. Nach Angaben einer Vertriebsmitarbeiterin des Unternehmens ist davon intern kaum etwas zu spüren: »Die Stimung ist schlechter denn je.«

 

Rätselhafte Struktur

 

Überhaupt trauen sich Mitarbeiter von Merckle-Unternehmen nur selten, öffentlich Stellung zu nehmen. Zu Zahlen, zur Unternehmensentwicklung äußert man sich im Imperium selten oder nur dann, wenn es gar nicht mehr anders geht.Bestes Beispiel dafür ist ein anderes Unternehmen: die Phoenix. Der mit weitem Abstand größte deutsche Pharmagroßhändler, der beinahe ein Drittel des deutschen Apothekenmarktes kontrolliert, gehört zu 100 Prozent den Merckles. Das Unternehmen mit Sitz in Mannheim gibt sogar der ansonsten gar nicht so informationsarmen Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) Rätsel auf. Die muss auf einen »Geschäftsbericht« aus dem Internet zurückgreifen, um an Informationen über den Milliarden-schweren Großhändler zu kommen. Eine Gespräch mit dem Vorstandschef: Fehlanzeige.

 

Jahrelang pflegte man den Medienkontakt einmal jährlich: Die wenigen Zahlen wurden im Rahmen informationsarmer, hochsommerlicher Pressekonferenzen zum Besten zu geben. Auch das gab Phoenix vor zwei Jahren auf. Journalisten mochte dies nur bedingt betrübt haben: Schließlich war sogar der Wetterbericht bei stabiler Hochdruckwetterlage erhaben angesichts der Desinformationsstragie des Handelskonzerns.

 

Hintergrund für den totalen Kommunikationsstopp war der Wechsel im Vorstand. Der langjährige Vorstandschef Dr. Bernd Scheufele, der Phoenix innerhalb weniger Jahre zum milliardenschweren und international agierenden Konzern schuf, wechselte als Vorstandschef zur frisch dem Merckle-Konzern einverleibtem Heidelberg Zement. Um Reimund Pohl, den neuen Vorstandschef der Phoenix, nicht allzu viele öffentliche Freiheiten einzuräumen, durfte dieser fortan keine Pressekonferenzen mehr geben. Und auch Interviews oder sonstige allzu intensive Außenkontakte gibt es nicht.

 

Damit die Kontrolle perfekt ist, schautt Ex-Chef Scheifele seinem Nachfolger Pohl als Chef des Aufsichtsrates auf die Finger. Und wohl auch auf den Mund. Scheifele jedenfalls zählt, das weiß sogar die FAZ, zum engsten Führungszirkel der verschwiegenen Merckletruppe. Der Jurist gilt als loyal, verschwiegen und kämpferisch. Der Erfolg spricht für sich.

 

Ebenso wie bei Ratiopharm und bei CT Arzneimittel gilt auch bei Phoenix das elfte Gebot: Mund halten. Von den Aktivitäten des Konzerns im europäischen Ausland erfährt man nichts. Die einzigen verlautbarungen aus dem Büro der sympathischen Pressesprecherin Dr. Janina Knab gelten den Besuchen von Pharmaziestudierenden oder PTAs in einer der Niederlassungen. Mehr wird nicht berichtet - auch auf Anfrage hin nicht.

 

Phoenix ist nach Celesio mittlerweile die Nummer zwei auf dem europäischen Großhandelsmarkt. Zudem besitzt der Konzern rund 1300 Apotheken in verschiedenen Ländern. Gegenüber Celesio und Gehe hat Phoenix freilich einen großen Vorteil. Das Unternehmen ist vollends in privater Hand und muss damit nicht öffentlich bilanzieren oder gar Rechenschaft abgeben. Die deutschen Kunden wissen zumeist nicht, was das Unternehmen in anderen Ländern macht. Das gilt auch fürs Inland: So hält die Phoenix, und damit Merckle, beispielsweise knapp 12,5 Pozent an der Nummer drei im deutschen Großhandelsmarkt, der Andreae Noris Zahn AG (Anzag). Fragt man in Frankfurts Börsenkreisen danach, wer etwas über Phoenix oder gar über die Investorenfamilie weiß, dann kommt dabei nicht viel heraus.

 

Während man zurzeit wieder über das Fremdbesitzverbot debattiert, beobachtet man in der Phoenix-Zentrale in Mannheim das Treiben mit einer Gelassenheit. Branchenkenner wissen, dass Phoenix derjenigen Großhändler ist, der strukturell am besten auf eine mögliche Marktöffnung vorbereitet ist. Denn im Rahmen seiner Vertikalisierungsstrategie ist Merckle von seinen Produktionsunternehmen über den Großhandel längst in den Einzelhandel vorgedrungen. Die größte und wohl auch mit Abstand kapitalstärkste Apothekenkooperation, der Marketing Verband Deutscher Apotheker e.V. wird exklusiv von Phoenix beliefert. Ausnahmen von der Regel gibt es keine.

 

Durchgriff bis zur Apotheke

 

Dem Verband gehören nur solche Apotheken an, die sich den Statuten des MVDA unterwerfen. Der Club ist einigermaßen exklusiv udn eingeschworen. Nur, wer eine bestimmte Umsatzstärke vorweisen kann, wird in den Zirkel aufgenommen. Für alle anderen gilt: Wir müssen draußen bleiben.

 

Und innerhalb des MVDA verwirklichte man in enger Zusamenarbeit mit Phoenix eine eigene Apothekenmarke: Linda. Auch wenn das Projekt weniger erfolgreich startete als prognostiziert und die MVDA-Mitglieder nicht die harten Verträge widerstandslos hatten unterschreiben wollen, ziert das Linda-Logo immer mehr deutsche Apotheken, mittlerweile sollen es 1300 sein, die unter dem Dachmarkenkonzept vereinigt sind. Bald wolle man beim MVDA die Marke von 3500 Mitgliedsapotheken erreichen, lässt Apotheker Wolfgang Siemons zurzeit erklären. Der Mann führt als Präsident ein hartes Regiment im MVDA. Intern ist man längst nicht zufrieden damit, dass sich weit mehr als die Hälfte der MVDA-Mitglieder gegen Linda streuben. Das hatten sich die Vordenker anders vorgestellt. Die Partner-Übersicht des MVDA zieren, neben einigen Branchengrößen, insbesondere die Merckle-eigenen Unternehmen. Linda gehört im übrigen der Payback-Allianz an und hat darüber einen bundesweiten Status längst erreicht.

 

Phoenix würde seinem Ruf nicht gerecht, wenn man nicht sicherheitshalber auch für alle anderen, also die kleineren und vom MVDA verschmähten Apotheken ein Programm aufgelegt hätte. Midas lautet der Name eines Programms, dem viele der übrigen Phoenix-Kunden beigetreten sind. Die komplexe Strategie des Konzerns ist längst aufgegangen. Die ist definitiv ganzheitlich und trachtet in der Regel danach einen Markt in seiner Gänze, also: ganzheitlich, zu kontrollieren.

 

Mittlerweile kontrolliert Merckle über seine Beteiligungen nicht nur mehrere Pharma- und Generikahersteller und den einflussreichsten Großhändler und über Umwege auch als wichtigster Lieferant tausende Apotheken. Auch in Sachen Datenmanagement kann sich der Konzern auf eigene Quellen verlassen. Eine 100-prozentige Tochtergesellschaft der Phoenix und damit integraler Bestandteil des Merckle-Imperiums ist die ADG. Nach eigenen Angaben ist die ADG ist Marktführer bei Windowsbasierten Warenwirtschaftssystemen und mit mehr als 4500 Kunden »einer der größten Anbieter für Apotheken-Software«.

 

Über Beteiligungsgesellschaften im In- und Ausland verschiebt Merckle seine Beteiligungen, kauft Unternehmen oder teile davon. Nur dann, wenn die Brocken groß und fett sind, nimmt die Öffentlichkeit davon Kenntnis. Das war bei Heidelberg Zement der Fall und auch bei Kässbohrer. Beide Unternehmen werden von Merckle mittlerweile kontrolliert. Beide gehören zur Weltspitze in den jeweiligen Märkten. Und in beiden Fällen war von dem oft in der Öffentlichkeit beschriebenen allzu moralischen Verhalten der Unternehmerfamilie keine Rede mehr. Wenn es ans Eingemachte, also ums liebe Geld geht, verstehen Merckles keinen Spaß. Da werden in Windeseile Aufsichtsräte und Vorstände entmachtet und durch eigenes Personal oder Familienmitglieder ersetzt. Die Riege der Getreuen ist nicht groß. Merckle ist misstrauisch, auch wenn er gern als Gutmensch gilt und wohl auch einer ist.

 

Fraglich aber ist, was Deutschlands Apothekern es nützt, wenn Sie von Merckle nur wissen, dass er treu-katholisch ist, einer der größten Waldbesitzer der Nation ist und gerne, weil so sparsam, mit der zweiten Klasse in der Deutschen Bahn unterwegs ist. Merckle wird sich fragen lassen müssen wie alle anderen Pharmagroßhändler und Hersteller, wie sie zur Zukunft der deutschen Apotheke stehen. Der mächtigste Mensch der Branche hat vielleicht einige Ideen und Rezepte. Man darf gespannt, wie lange es braucht, bis aus Mannheim oder Ulm oder Blaubeuren eine Antwort kommt.

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