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Ernährung

Leben Veganer gesünder?

04.11.2015
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Von Hannelore Gießen, München / Vegane Ernährung liegt im Trend. Immer mehr Menschen entsagen sämtlichen Produkten tierischer Herkunft. Ob sie damit ihre Gesundheit fördern, wurde beim »Update Ernährungsmedizin 2015« diskutiert.

Auf Fleisch, Fisch, Milchprodukte und Eier zu verzichten ist derzeit angesagt. Mittlerweile ernähren sich Schätzungen zufolge 800 000 Menschen in Deutschland vegan, meist aus ethischen Gründen, zum Teil aber auch aus gesundheitlichen. Inwieweit das hilfreich ist, berichtete Dr. Markus Keller vom Institut für alternative und nachhaltige Ernährung in Gießen auf einer Veranstaltung des Klinikums rechts der Isar in München. 

 

Sein Fazit: »Veganer ernähren sich in vielen Punkten besser als die Allgemeinbevölkerung.« Bei Eiweiß, Fett und Kohlenhydraten kommen sie den DACH-Referenzwerten, also den Empfehlungen für die Nährstoffzufuhr der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE), am nächsten. Auch bei der Aufnahme von Antioxidanzien, Folat, Magnesium, sekundären Pflanzen- sowie Ballaststoffen glänzen Veganer.

 

Doch durch den Verzicht auf tierische Produkte kann es bei einigen Vitaminen und Mineralstoffen zu einem Mangel kommen. So werde bei Veganern häufig ein Defizit an Vitamin B12 festgestellt, berichtete der Ökotrophologe. Unter dem Begriff Vitamin B12 wird eine Reihe von chemisch ähnlichen Stoffen, den sogenannten Cobalaminen, zusammengefasst. Diese kommen fast ausschließlich in tierischen Nahrungsmitteln vor und können vom menschlichen Organismus nicht selbst hergestellt werden. Sie werden unter anderem für den Abbau von Fettsäuren und für die Blutbildung benötigt. Ein Mangel kann langfristig zu hämatologischen, neurologischen, psychiatrischen und kardiovaskulären Störungen führen. Veganer sollten auf Supplemente und angereicherte Nahrungsmittel zurückgreifen, riet Keller. Eine Vitamin-B12-haltige Zahnpaste könne zusätzlich helfen, Defizite zu verhindern.

 

Mehr als die Hälfte der Veganer erreicht zudem die empfohlene Calciumzufuhr nicht. Das zeigte der Ernährungsexperte anhand der EPIC-Oxford-Studie. Veganern empfiehlt er calciumreiche Mineralwässer oder Supplemente, um einem Mangel vorzubeugen. Aber auch einige Gemüse und pflanzliche Lebensmittel, vor allem Grünkohl, Rucola, Spinat, Nüsse, Tofu und Algen enthalten hohe Mengen an Calcium.

 

Auch bei Vitamin B2, den Mineralien Eisen und Zink sowie bei Omega-3-Fettsäuren kann es bei Verzicht auf tierische Produkte zu einer schlechten Versorgung kommen. Die Versorgung mit Vitamin D und Iod ist sowohl bei Veganern als auch bei der Durchschnittsbevölkerung defizitär. Abgesehen von Vitamin B12 könnten Veganer ihren Bedarf jedoch auch bei den kritischen Nährstoffen durch eine geschickte Zusammenstellung der Lebensmittel sicherstellen, fasste der Ökotrophologe zusammen.

 

Zivilisationskrankheiten sind seltener

 

Veganer weisen Studien zufolge einen niedrigeren Body-Mass-Index auf als die Allgemeinbevölkerung und als Vegetarier, die noch Eier und Milch konsumieren (Lacto-Ovo-Vegetarier). Sie erkranken zudem seltener an Diabetes Typ 2, Bluthochdruck, Dyslipidämie, aber auch an verschiedenen Krebsformen, berichtete der Mediziner. Bei der Prävalenz von kardiovaskulären Erkrankungen schneiden Veganer allerdings etwas schlechter ab als Lacto-Ovo-Vegetarier und Menschen, die noch Fisch in ihren Speiseplan einbeziehen. Der Grund könnte ein erhöhter Homocysteinspiegel sein, resultierend aus einem Vitamin-B12-Mangel, erläuterte Keller. Auch das Osteoporoserisiko ist laut EPIC-Oxford-Studie erhöht.

 

Insgesamt sei die Datenlage für mögliche präventive Effekte einer veganen Ernährung noch unbefriedigend, stellte der Ernährungswissenschaftler fest. Erst wenige Kohortenstudien, wie die EPIC-Oxford-Studie und die US-amerikanische Adventist Health Study 2, seien bisher abgeschlossen worden.

 

Vegane Ernährungstherapie

 

Bei etlichen Erkrankungen sieht Keller durchaus therapeutisches Potenzial für eine vegane Ernährung. So konnten Typ-2-Diabetiker mit einer fettarmen veganen Ernährung ohne Kalorienres­triktion eine vergleichbare Gewichtsabnahme und bessere HbA1c-, Blutdruck- und Lipidwerte erreichen als mit einer konventionellen Ernährungstherapie. 

Ein systematisches Review und eine Metaanalyse von sechs Studien zu vegetarischen beziehungsweise veganen Interventionen bei Typ-2-Diabetes bestätigte eine bessere Blutzuckerkontrolle durch pflanzenbasierte Kost gegenüber einer Standarddiät. Auch bei rheumatoider Arthritis habe sich eine vegane Ernährung günstig ausgewirkt, führte Keller weiter aus.

 

Bei vielen Veganern seien jedoch erhöhte Harnsäurespiegel festgestellt worden, merkte er kritisch an. Bisher sei der Befund noch nicht geklärt. Möglicherweise sei er auf einen hohen Konsum von Sojaprodukten zurückzuführen, erläuterte der Ökotrophologe.

 

Problematisch schätzt Keller eine vegane Ernährung von Kindern ein, die aufgrund fehlender Daten derzeit nur ärztlich begleitet zu vertreten sei. Die DGE rät für das gesamte Kindesalter wegen der Gefahr der Mangelversorgung von einer veganen Ernährung ab. Auch für Schwangere und Stillende ist diese laut DGE nicht geeignet.

 

Keller kritisierte, dass es auch bei Veganern und Vegetariern einen Trend zu Convenience-Produkten gebe. Wer sich nur von veganer Pizza ernähre, hätte nicht die Vorzüge einer reichen Versorgung mit Antioxidanzien, sekundären Pflanzen- und Ballaststoffen.

 

Rund 10 Prozent der deutschen Bevölkerung ernähren sich derzeit vegetarisch, etwa 1 Prozent hat alle tierischen Produkte vom Menüplan verbannt. Die meisten Veganer handeln aus ethischen Motiven, erst an zweiter Stelle stehen gesundheitliche Gründe. Eine kürzlich von der Trendforschungsagentur concept m durchgeführte Studie zeigte, dass eine vegane Ernährung den Konsumenten Sicherheit und Orientierung in einer komplexen Welt vermittelt. Die Studienautoren gehen davon aus, dass es sich beim Veganismus nicht um einen kurzfristigen Hype handelt, sondern dass er künftig als langfristige Einstellung in unserer Gesellschaft tief verwurzelt sein wird. /

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