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Vier neue Präparate auf dem Markt

05.11.2013
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Von Brigitte M. Gensthaler, Kerstin A. Gräfe und Sven Siebe­nand /  Seit Oktober sind vier neue Arzneistoffe im Handel: ein Calcium­kanalblocker gegen akuten Blutdruckanstieg, ein Immunmodulator zur Behandlung der Multiplen Sklerose sowie zwei Krebsmedikamente gegen Melanome und gegen Darmkrebs.

Ein akuter Blutdruckanstieg ist eine häufige Komplikation bei Operationen, unter anderem in der Herz-, Gefäß-, Neuro-, Kopf- und Halschirurgie. Zur Behandlung werden Antihypertonika, zum Beispiel Betablocker und Nitrate, intravenös eingesetzt. Seit Mitte Oktober ist mit Clevidipin ein neuer Cal­ciumkanalblocker vom Dihydropyridin-Typ auf dem Markt (Cleviprex® 0,5 mg/ml Emulsion zur Injektion, The Medicines Company Deutschland GmbH).
 

 

Clevidipin

 

Das Besondere daran: Clevidipin ist ultrakurz wirksam und wird intravenös zur raschen Senkung des Blutdrucks in perioperativen Situationen eingesetzt. Das Medikament wird nur an krankenhausversorgende Apotheken geliefert. Es muss kühl gelagert und transportiert werden (2 bis 8 °C).

Clevidipin wird in einer sterilen O/W-Emulsion angeboten, die etwa 0,2 g Lipid/ml enthält. Als Anfangsdosis bekommt der Patient 4 ml/Stunde (entspricht 2 mg Wirkstoff/Stunde). Die Dosis kann alle 90 Sekunden verdoppelt werden. Sie wird auftitriert, bis der gewünschte Blutdruck erreicht ist. Die meisten Patienten sprechen auf eine Dosis von 8 bis 12 ml/h an (4 bis 6 mg/h). In klinischen Studien reichte meistens eine Dosis bis zu 32 ml/h; maximal empfohlen werden 64 ml/h.

 

Clevidipin hemmt Calciumkanäle vom L-Typ, die den Einstrom von Calcium in die glatte Arterienmuskulatur während der Depolarisation vermitteln. Es senkt den arteriellen Blutdruck durch Verringerung des systemischen Gefäßwiderstands (Nachlast), verringert aber nicht den kardialen Füllungsdruck (Vorlast). Es wirkt also nicht auf die venösen Kapazitätsgefäße.

Clevidipin entspricht in der Struktur dem Felodipin, ist aber anders verestert. Das Molekül wird in vivo sehr schnell durch Esterasen im Blut und im extra­vas­ku­lären Gewebe zum inaktiven Carboxy­me­ta­bo­­liten hydrolysiert. Klinisch zeigt sich das in der kur­zen Wirkdauer: Die Wirkung tritt in­ner­halb 2 bis 4 Minuten nach Beginn der In­fu­si­on ein und hält nach deren Ende nur sehr kurz an (5 bis 15 Mi­nu­ten). Die Halbwertszeit liegt bei 1 bis 2 Minu­ten (ter­mi­nal ca. 15 Minuten). Der neue Cal­ci­um­ka­nal­blo­cker wurde in zwei doppelblinden, ran­do­­mi­­sier­ten, pla­ce­bo­kon­trollierten Phase-III-Stu­di­en an 105 und 110 Herz­patienten (präoperativ und postoperativ) untersucht. 

Die Patienten hatten perioperativ einen systolischen Blutdruck über 160 mmHg. Bei mehr als 90 Prozent der Patienten sank der Blutdruck unter Verum innerhalb von 30 Minuten um 15 Prozent oder mehr. Die Wirkung trat innerhalb von zwei Minuten ein. Die mediane Zeit bis zum Erreichen des angestrebten Blutdrucks betrug 6 und 5,3 Minuten.

 

In drei offenen klinischen Studien der Phase III wurden 1506 Patienten randomisiert. Sie erhielten perioperativ Clevidipin, Nitroglycerin, Natrium­nitro­prussid oder Nicardipin. Clevidipin kontrollierte den Blutdruck besser als Nitroglycerin und Natriumnitro­prussid, war dem Nicardipin postoperativ aber nicht überlegen.

 

Häufige Nebenwirkungen waren Vorhofflimmern, Reflextachykardie und Hypotonie. Diese Probleme könnten aber auch mit dem chirurgischen Eingriff an sich zusammenhängen. Bei Tachykardie oder Hypotonie muss die Clevidipin-Dosis halbiert oder die Infusion beendet werden.

 

Vorläufige Bewertung: Analogpräparat



Dabrafenib

Seit Anfang Oktober steht mit Dabrafenib (Tafinlar® 50 mg Hartkapseln, GSK) eine neue Behandlungsoption für das Melanom mit BRAF-V600-Mutation auf dem deutschen Markt zur Verfügung. Zugelassen ist der Wirkstoff zur Monotherapie erwachsener Patienten mit BRAF-V600-Mutation-positivem, nicht-resezierbarem oder metastasiertem Melanom.

 

BRAF ist ein Schlüsselprotein in einem Signalweg (MAPK-Signalweg), der das normale Wachstum und Absterben von Zellen reguliert, auch in Zellen der Haut. Bei etwa 50 Prozent der Melanome sind durch die Mutation von BRAF der MAPK-Signalweg und die Regulierung des Zellwachstums gestört, was ein unkontrolliertes Zellwachstum zur Folge hat. Der RAF-Kinase-Inhibitor Dabrafenib greift an dem durch die Mutation veränderten BRAF an. Durch die Bindung an mutiertes BRAF-Protein kann Dabrafenib den onkogenen Signalweg hemmen und dadurch zur Inhibierung der Proliferation von Tumorzellen führen. Bevor der neue Wirkstoff zum Einsatz kommen darf, muss mithilfe eines Tests eine BRAF-V600- Mutation nachgewiesen werden. Wirksamkeit und Sicherheit von Dabrafenib bei Patienten mit Wildtyp-BRAF, also dem normalen Protein, sind nicht belegt. Ärzte sollten das Mittel bei diesen Patienten daher nicht einsetzen.

 

Die empfohlene Dosis von Dabrafenib beträgt 150 mg zweimal täglich. Die Einnahme der Hartkapseln sollte mindestens eine Stunde vor oder zwei Stunden nach einer Mahlzeit erfolgen. Die Behandlung kann solange fortgeführt werden, bis der Patient keinen Nutzen mehr davon hat oder inakzeptable Toxizitäten auftreten. Treten bestimmte Nebenwirkungen auf, muss der Arzt die Behandlung gegebenenfalls unterbrechen, beenden oder die Dosis reduzieren. Detaillierte Hinweise dazu finden sich in der Fachinformation von Tafinlar. Bei Patienten mit schweren Nierenfunktionsstörungen sowie mäßigen bis schweren Leberfunktionsstörungen sollte der neue Wirkstoff nur mit Vorsicht eingesetzt werden. Dabrafenib kann die QTc-Zeit verlängern. 

Eine Behandlung mit der neuen Substanz wird daher bei bestimmten Patienten nicht empfohlen. Dazu zählen Patienten mit nicht behebbaren Störungen des Elektrolythaushalts, Long-QT-Syndrom und solche, die Arzneimittel einnehmen, die be­kann­ter­ma­ßen das QT-Intervall verlängern können. Vor Beginn der Behandlung und einen Monat nach Therapiestart oder bei Dosis­än­der­ungen sollte der Arzt bei allen Patienten ein Elektrokardiogramm (EKG) anfertigen und die Elektrolytspiegel überwachen.

Ferner wurden bei mit Dabrafenib behandelten Patienten Fälle von kutanem Platten­epithel­karzinom berichtet. Daher werden dermatologische Untersuchungen vor, während und nach der Behandlung mit Dabrafenib empfohlen.

 

Die Zulassung von Dabrafenib beruht auf den Ergebnissen mehrerer Multicenterstudien. Von besonderem Interesse ist die randomisierte Phase-III-Studie BREAK-3. In dieser wurde Dabrafenib (zweimal täglich 150 mg) mit Dacarbazin (1000 mg/m2 intravenös alle drei Wochen), der damaligen Standard-Chemotherapie, bei 250 nicht vorbehandelten Patienten mit nicht-resezierbarem oder metastasiertem Melanom und BRAF-V600E-Mutation verglichen. Primäres Ziel war die Beurteilung der Wirksamkeit von Dabrafenib im Vergleich zu Dacarbazin hinsichtlich des progressionsfreien Überlebens. Zu einem vorab festgelegten Auswertungszeitpunkt hatte Dabrafenib das relative Risiko für Erkrankungsprogression oder Tod im Vergleich zu Dacarbazin signifikant um 70 Prozent verringert. Das mediane progressionsfreie Überleben war mit 5,1 Monaten unter Dabrafenib deutlich verlängert im Vergleich zu Dacarbazin mit 2,7 Monate. Eine Analyse sechs Monate später zeigte eine weiter verlängerte mediane progressionsfreie Überlebenszeit von 6,9 Monaten für Dabrafenib, während die Daten für Dacarbazin sich nicht veränderten. Eine dritte Auswertung zeigte nach zwölf Monaten eine Überlebensrate von 70 Prozent mit Dabrafenib im Vergleich zu 63 Prozent mit Dacarbazin.

 

Dabrafenib ist ein Substrat der Enzyme CYP2C8 und CYP3A4. Wenn möglich sollten starke Induktoren dieser Enzyme in der Co-Medikation vermieden werden, da diese Mittel die Wirksamkeit von Dabrafenib verringern können. Vorsicht ist geboten, wenn starke Inhibitoren zusammen mit Dabrafenib gegeben werden. Zudem können Mittel, die den pH-Wert des Magens erhöhen, zum Beispiel Protonenpumpenhemmer, die Bioverfügbarkeit von Dabrafenib verringern und sollten möglichst vermieden werden.

 

Dabrafenib ist ein Induktor von Arzneimittel-abbauenden Enzymen, etwa CYP3A4, CYP2Cs und CYP2B6, und kann zu einem Wirkungs­verlust von vielen häufig angewandten Arzneimitteln führen. Durch den Einfluss auf Transportproteine kann zudem der Arzneistofftrans­port verändert sein. 

 

Die Zahl der von möglichen Wechselwirkungen betroffenen Arzneistoffe wird als sehr hoch eingeschätzt. In der Fachinformation findet sich eine Auflistung. Vor Therapiestart sollte man daher sehr genau die Co-Medikation auf mögliche Wechselwirkungen prüfen. Vorsicht geboten ist zum Beispiel bei der gleichzeitigen Anwendung von Warfarin oder Digoxin mit dem neuen Wirkstoff. Die häufigsten unerwünschten Reaktionen, die bei mindestens 15 Prozent der Patienten in Studien auftraten, umfassten Hyperkeratose, Kopfschmerzen, Fieber, Gelenkschmerzen, Fatigue, Übelkeit, Papillome der Haut, Haarausfall, Hautausschlag und Erbrechen.

 

Frauen im gebärfähigen Alter müssen während und bis vier Wochen nach Beendigung der Behandlung zuverlässig verhüten. Da Dabrafenib die Wirksamkeit hormoneller Kontrazeptiva verringern kann, sollten sie eine andere Verhütungsmethode wählen. Schwangere dürfen das neue Präparat nicht erhalten, es sei denn, der mögliche Nutzen für die Mutter überwiegt das mögliche Risiko für den Fötus. Bei Stillenden ist eine Entscheidung zu treffen, ob das Stillen oder ob die Behandlung mit Dabrafenib zu unterbrechen ist.

 

vorläufige Bewertung: Analogpräparat



Regorafenib

Für Patienten mit metastasiertem Kolo­rek­tal­kar­zi­nom (mCRC) steht mit Regorafenib (Stivarga® 40 mg Filmtabletten, Bayer) eine neue orale Be­hand­lungs­option zur Verfügung. Zu­ge­lassen ist der Multikinase-Inhibitor für mCRC-Patienten, bei denen Standardtherapien versagt haben oder die für solche nicht geeignet sind. Bereits vor der europäischen Zulassung war Regorafenib in die Konsensus-Behand­lungs­richtlinien der ESMO (European Society für Medical Oncology) für das nicht-resektable mCRC aufgenommen worden.

Regorafenib und seine aktiven Metaboliten hemmen eine lange Liste von membrange­bun­denen oder intrazellulären Proteinkinasen. So hemmt der Wirkstoff nicht nur Kinasen, die eine essenzielle Rolle in den Signalwegen der Angiogenese spielen (VEGFR1, -2, und -3), sondern auch solche, die für die Onkogenese (KIT, RET, RAF-1, BRAF, BRAFV600E) und die Mikroumgebung des Tumors (FGFR, PDGFR) von wesentlicher Bedeutung sind. Insofern bietet sich Regorafenib als Therapie für Patienten an, deren Tumoren eine Resistenz gegen einzelne Kinase-Inhibitoren entwickelt haben.

 

Die empfohlene Dosis beträgt täglich 160 mg, das heißt vier Tabletten Stivarga. Die Einnahme sollte unzerkaut mit Wasser nach einer fettarmen Mahlzeit jeweils zur gleichen Tageszeit erfolgen. Ein Einnahmezyklus besteht aus vier Wochen. Drei Wochen lang werden die Tabletten in der empfohlenen Dosierung eingenommen, dann folgt eine Woche Pause. Die Behandlung sollte so lange fortgesetzt werden, wie ein Nutzen besteht oder bis inakzeptable Toxizitäten auftreten. Hat der Patient die Einnahme vergessen, sollte er sie am selben Tag nachholen, sobald er dies bemerkt. Nicht eingenommen werden sollten zwei Tabletten am selben Tag, um eine vergessene Einnahme nachzuholen. Falls es nach der Einnahme zu Erbrechen kommt, darf der Patient keine zusätzliche Tablette einnehmen.

 

Da während der Behandlung Veränderungen der Leberwerte beobachtet wurden, sollten diese vorab bestimmt und währenddessen engmaschig überwacht werden. Nicht empfohlen wird die Anwendung bei Patienten mit schwerer Leberfunktionsstörung. Bei Patienten, die Antikoagulanzien einnehmen oder Merkmale für ein Blutungs­risiko aufweisen, müssen Blutbild und Gerinnungsparameter kontrolliert werden. Hintergrund ist, dass Regorafenib mit einer erhöhten Inzidenz hämorrhagischer Ereignisse assoziiert war. 

Bei Patienten mit ischämischen Herzerkrankungen in der Anamnese wird empfohlen, sie auf klinische Anzeichen und Symptome einer Myokard­ischämie zu überwachen. Der Kinasehemmer wird auch mit dem Auftreten von Bluthochdruck in Zusammenhang gebracht. Eine Hypertonie sollte vor Einleitung einer Behandlung mit Regorafenib kontrolliert werden. Es wird empfohlen, den Blutdruck zu überwachen und eine Hypertonie entsprechend der üblichen medizinischen Praxis zu behandeln. Da der Multikinasehemmer die Wundheilung stören kann, muss der Arzt bei größeren chirurgischen Eingriffen über ein vorübergehendes Aussetzen der Therapie nachdenken

 

Regorafenib wird hauptsächlich in der Leber durch CYP3A4, aber auch durch Glucuronidierung mittels UGT1A9 metabolisiert. Demzufolge wird von der gleichzeitigen Anwendung von starken CYP3A4-Inhibitoren wie Clarithromycin, Grapefruitsaft, Itraconazol, Ketoconazol, Posaconazol, Telithromycin und Voriconazol abgeraten. Gleiches gilt für starke CYP3A4- Induktoren wie Rifampicin, Phenytoin, Carbamazepin, Phenobarbital und Johanniskraut. Analog ist die gleichzeitige Gabe starker UGT1A9-Inhibitoren wie Mefenaminsäure, Diflunisal und Nifluminsäure zu vermeiden.

 

Frauen im gebärfähigen Alter und Männer müssen während der Behandlung und bis acht Wochen nach Behandlungsende eine zuverlässige Verhütungsmethode anwenden. Regorafenib darf während der Schwangerschaft nicht angewendet werden, es sei denn, dies ist eindeutig erforderlich und geschieht nach sorgfältiger Abwägung des Nutzens für die Mutter und der Risiken für das ungeborene Kind. Das Stillen müssen Frauen während der Behandlung mit dem Kinasehemmer unterbrechen.

 

Die Zulassung basiert auf den Ergebnissen der randomisierten Phase-III-Studie CORRECT (Colorectal cancer treated with regorafenib or placebo after failure of standard therapy). Bei den 760 Patienten mit fortgeschrittenem Kolorektalkarzinom waren die gängigen Standardbehandlungen (5-Fluoro­uracil, Oxaliplatin, Irinotecan, Bevacizumab sowie Cetuximab/Panitumumab bei Patienten mit KRas-Wildtyp) ausgereizt. Die Patienten wurden im Verhältnis 2 zu 1 auf Regorafenib (160 mg/Tag für 21 Tage des 28-tägigen Zyklus) plus bestmöglicher unterstützender Behandlung (BSC) oder auf Placebo plus BSC randomisiert. Regorafenib verbesserte sowohl das progressionsfreie Überleben als auch das Gesamtüberleben. Letzteres verlängerte sich signifikant um 1,4 Monate (6,4 versus 5,0 Monate). Beim progressionsfreien Überleben betrug der Gewinn 0,2 Monate (1,9 versus 1,7 Monate).

 

Nebenwirkungen traten zumeist während der ersten beiden Behandlungszyklen auf. Häufigste unerwünschte Arzneimittelwirkungen waren Asthenie/Müdigkeit, verminderter Appetit, Hand-Fuß-Hautreaktionen, Diarrhö, Gewichtsverlust, Infektionen, Hypertonie und Dysphonie. Die therapiebedingte Abbruchrate lag bei 8,2 Prozent, unter Placebo bei 1,2 Prozent.

 

vorläufige Bewertung: Schrittinnovation



Teriflunomid

Mit dem Immunmodulator Teriflunomid (Aubagio® 14 mg Filmtabletten, Genzyme ) ist eine neue Option für die Basistherapie der Multiplen Sklerose (MS) auf dem Markt. Zugelassen ist der neue Wirkstoff für erwachsene Patienten mit schubförmig-remittierender MS. Von Vorteil ist, dass die Tablette nur einmal täglich eingenommen werden muss.

 

Der genaue Wirkmechanismuss von Teriflunomid ist noch ungeklärt. Bekannt ist, dass der Arzneistoff selektiv und reversibel das Enzym Dihydroorotat-Dehydrogenase (DHODH) in den Mitochondrien hemmt und dadurch die De-novo-Synthese von Pyrimidin in aktivierten Lymphozyten unterbindet. Infolgedessen blockiert Teriflunomid die Proliferation der für die Pathogenese der MS bedeutsamen autoreaktiven T- und B-Zellen, die auf die Neusynthese von Pyrimidin angewiesen sind. Zudem wird eine Reduktion der Zahl von aktivierten Lympho­zyten diskutiert.

 

Die empfohlene Dosierung ist einmal täglich 14 mg, wobei die Filmtabletten mit oder ohne Nahrung eingenommen werden können. Vor und während der Behandlung müssen drei Parameter im Blick behalten werden. Da es während der Behandlung zu Erhöhungen des Blutdrucks kommen kann, muss dieser vor Beginn und regelmäßig während der Therapie kontrolliert werden. Gleiches gilt für die Leberwerte (ALT/SGPT). Sie müssen vorab, alle zwei Wochen während der ersten sechs Monate und anschließend, sofern sich keine Symptome zeigen, alle acht Wochen überprüft werden. Als drittes muss vor und im Laufe der Therapie ein großes Blutbild erstellt werden. Hintergrund ist ein potenzielles Auftreten von schwerwiegenden Infektionen, wobei im Vergleich zu Placebo unter der Therapie keine Zunahme beobachtet wurde. Dennoch muss bei Patienten mit schwerer aktiver Infektion der Behandlungsbeginn verschoben werden. Tritt eine schwere Infektion unter der Behandlung auf, sollte diese abgebrochen werden. Aufgrund der langen Halbwertszeit kann eine beschleunigte Elimination mit Colesty­ramin oder Aktivkohle angezeigt sein.

 

Kontraindiziert ist der Arzneistoff bei Patienten mit schwerer Leberfunk­tionsstörung (Child-Pugh-Stadium C) und mit schwerer dialysepflichtiger Nierenfunktionsstörung. Des Weiteren darf er nicht bei schwangeren und stillenden Frauen eingesetzt werden sowie bei Frauen im gebärfähigen Alter, die während der Behandlung beziehungsweise solange die Plasmaspiegel noch über 0,02 mg/l liegen, nicht zuverlässig verhüten. Ebenfalls kontraindiziert ist Teriflunomid bei Patienten mit schwer beeinträchtigtem Immunstatus (Aids), schweren aktiven Infektionen, signifikant beeinträchtigter Knochenmarksfunktion oder mit schwerer Hypoproteinämie.

Hinsichtlich der Wechselwirkungen ist einiges zu beachten. Rifampicin und andere bekannte starke CYP- und Transporter-Induktoren wie Carbamazepin, Phenobarbital, Phenytoin und Johanniskraut sollten während der Behandlung mit Teri­flunomid mit Vorsicht angewendet werden, da dies zu einer Abnahme der Teriflunomid-Exposition um 40 Prozent führen kann. Sofern keine beschleunigte Elimination gewünscht ist, sollten die Patienten nicht mit Colestyramin oder Aktivkohle behandelt werden, da dies zu einer raschen und signifikanten Senkung der Teriflunomid-Plasmaspiegel führt. 

Da In-vivo-Untersuchungen darauf hinweisen, dass Teriflunomid CYP2C8 hemmt, sollten Arzneimittel, die durch dieses Enzym verstoffwechselt werden, nur mit Vorsicht angewendet werden. Dazu zählen Repaglinid, Paclitaxel, Pioglitazon und Rosiglitazon. Gleiches gilt für die Anwendung von CYP1A2-Substraten wie Duloxetin, Alosetron, Theophyllin und Tizanidin, da der neue Arzneistoff ein schwacher Induktor dieses Enzyms ist. Zudem zeigten Untersuchungen, dass Teriflunomid den organischen Anionentransporter 3 (OAT3) hemmt. Vorsicht ist daher geboten bei der gleichzeitigen Anwendung mit Cefaclor, Benzylpenicillin, Ciprofloxacin, Indomethacin, Ketoprofen, Furosemid, Cimetidin, Methotrexat und Zidovudin. Dies gilt ebenso für Substrate des Tranportproteins BCRP wie Metho­trexat, Topotecan, Sulfasalazin, Daunorubicin und Doxorubicin sowie für HMG-CoA-Reduktase-Hemmmer (Simvastatin, Atorvastatin, Pravastatin, Methotrexat, Nateglinid, Repaglinid, Rifampicin). Zudem wird bei der gleichzeitigen Anwendung mit Warfarin zu einer engmaschigen Nachbeobachtung und des INR-Wertes geraten.

 

Die Zulassung basiert auf den beiden doppelblinden randomisierten Phase-III-Studien TEMSO und TOWER. Konkret erhielten in der Zulassungsstudie TEMSO 1086 Patienten mit schubförmiger Multipler Sklerose zwei Jahre lang placebokontrolliert entweder einmal täglich 7 mg oder 14 mg Teriflunomid. Beide Dosierungen konnten verglichen mit Placebo die jährliche Schubrate, der primäre Endpunkt der Studie, signifikant um über 31 Prozent senken. Zudem konnte das Risiko einer Behinderungsprogression unter 14 mg Teriflunomid signifikant um rund 30 Prozent reduziert werden. Des Weiteren wurde das Risko für Schübe, die einer Steroidtherapie bedürfen, unter beiden Dosierungen signifikant verringert (14 mg um 29  Prozent; 7 mg um 34 Prozent).

 

Ein vergleichbares Resultat ergab die TOWER-Studie, in der 1169 Patienten doppelblind randomisiert und placebokontrolliert 7 mg oder 14 mg Teriflunomid erhielten. Auch hier führten beide Dosierungen zu einer signifikanten Reduktion der jährlichen Schubrate (14 mg um 36,3 Prozent; 7 mg um 22,3 Prozent) und der Behinderungsprogression, wobei diese nur unter der höheren Dosierung signifikant war.

 

Das Sicherheitsprofil von Teriflunomid ist insgesamt gut bekannt, da der Wirkstoff der aktive Metabolit der Substanz Leflunomid ist, die bereits seit Jahren zur Behandlung der rheumatoiden Arthritis sowie der Psoriasis-Arthritis bei Erwachsenen eingesetzt wird. Häufigste Nebenwirkungen waren Grippe, Infektionen der oberen Atemwege oder der Harnwege, Diarrhö, Übelkeit, Erhöhung der Leberwerte sowie eine Haarausdünnung. /

 

vorläufige Bewertung: Sprunginnovation

Kommentar

Von Allem etwas

Clevidipin ist ein dem Felodipin strukturähnliches Dihydropyridin-Derivat. Eine vergleichende Bewertung bei der zugelassenen Indikation fällt schwer, da kein klinischer Vergleich mit der parenteralen Gabe von Nifedipin vorliegt. Zudem konnte Clevidipin in einer offenen Studie gegenüber Nicardipin nicht überzeugen. Abgesehen davon wird die Notwendigkeit einer schnellen Blutdrucksenkung in Fachkreisen kontrovers diskutiert. Die vorläufige Bewertung kann deshalb nur Analogpräparat heißen.

 

Nach Vemurafenib ist Dabrafenib der zweite RAF-Kinaseinhibitor, der zur Therapie von Melanom-Patienten mit einer BRAF-V600-Mutation in Deutschland zur Verfügung steht. Da eine vergleichende klinische Betrachtung von Dabrafenib aufgrund fehlender Daten nicht möglich ist, muss der neue Kinaseinhibitor vorläufig als Analogpräparat angesehen werden.

 

Mit Sorafenib und Sunitinib standen bereits zwei Multikinase-Inhibitoren für die Therapie des Nierenzellkarzinoms, des gastrointestinalen Strumatumors (GIST) und des hepatozellulären Karzinoms zur Verfügung. Regorafenib ist der dritte Vertreter aus der Gruppe dieser Kinase-Inhibitoren allerdings mit einer anderen Indikation. Zugelassen ist der neue Multikinase-Inhibitor zur Behandlung des metastasierten Kolorektalkarzinoms, das auf bisherige Therapien nicht mehr anspricht. Regorafenib kann vorläufig als Schrittinnovation angesehen werden.

 

Teriflunomid ist eine neue Option für Patienten mit Multipler Sklerose. Die Substanz gilt als Immunmodulator mit entzündungshemmenden Eigenschaften. Auch wenn der Wirkungsmechanismus noch nicht eindeutig aufgeklärt ist, kann klinisch eine selektive Immunsuppression, eine geringere Schubrate und eine Hemmung des Fortschreitens der Behinderung beobachtet werden. Bei gleicher Wirksamkeit wie Interferon beta-1a zeigt Teriflunomid weniger Nebenwirkungen und mit einmal täglicher peroraler Applikation deutliche Vorteile. Teriflunomid kann als Sprung­innovation bewertet werden.

 

Professor Dr. Hartmut Morck

Universität Marburg 

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