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Evidenzbasierte Pharmazie

Belege für die Beratung

06.11.2012
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Von Iris Hinneburg / Evidenzbasierung setzt sich in der Medizin inzwischen immer mehr durch. In der Pharmazie ist es bisher noch nicht flächendeckend üblich, für konkrete Entscheidungen auch die wissenschaftliche Literatur kritisch zu sichten. Für eine stärkere Orientierung der Beratung an den Prinzipien der evidenzbasierten Medizin setzt sich der Fachbereich Evidenzbasierte Pharmazie im Deutschen Netzwerk Evidenzbasierte Medizin ein.

Hilft meinem Patienten die Einnahme von Glucosamin gegen Arthrose? Verringern Folsäure und B-Vitamine das Risiko für eine Demenz? Soll ich einem Patienten mit erhöhten Blutfettwerten, der Statine einnimmt, zusätzlich ein Knoblauch-Präparat empfehlen? Mit Fragen dieser Art sind Offizin-Apotheker täglich konfrontiert. Für eine fundierte Beratung reicht in der Regel die eigene Erfahrung allein nicht aus. Sie muss durch objektive Belege, die sich bei einer kritischen Sichtung der Literatur finden, ergänzt werden. Dieses Vorgehen lässt sich mit dem Begriff »evidenzbasierte Pharmazie« beschreiben (siehe dazu Kasten).

Die evidenzbasierte Pharmazie wird im Deutschen Netzwerk evidenzbasierte Medizin e. V. (DNEbM) gefördert. Dr. Judith Günther, kommissarische Sprecherin des Fachbereichs »Evidenzbasierte Pharmazie«, kennt die Problematik aus eigener Erfahrung. Sie setzt sich dafür ein, dass die wissenschaftlichen pharmazeutischen Grundlagen des Apothekerberufs im täglichen Kampf gegen Bürokratie und Formalien nicht in den Hintergrund gedrängt werden. Günthers Einsatz für die evidenzbasierte Pharmazie hat auch eine politische Komponente: »Eine evidenzgestützte Beratung ist das einzige, was unseren Berufsstand nach vorne bringt«, ist die Apothekerin überzeugt.

 

Günther weiß, dass es im Apothekenalltag nicht einfach ist, die notwendigen Informationen zu finden. Der Fachbereich Evidenzbasierte Pharmazie hat als erste Hilfestellung die »Pharmaziebibliothek« (unter www.pharmaziebibliothek.de) entwickelt. Hier finden sich Quellen, die für eine Literatur­recherche unter Praxisbedingungen genutzt werden können. Ihr Rat an die Kollegen: »Nicht googeln und dann von den vielen Treffern erschlagen sein – lieber gleich die zuverlässigen Quellen nutzen«.

 

Mit dem Suchen und Finden von klinischen Studien ist es nicht getan. Die gefundene Literatur muss kritisch auf ihre Validität untersucht werden. Die notwendige Kritikfähigkeit zu erlangen, ist nicht immer einfach. »Das zeichnet aber einen akademischen Beruf aus, selbst anhand von Literatur zu einem Urteil zu kommen und nicht nur fremde Meinungen zu übernehmen«, sagt Günther.

 

Für die Apothekerin ist die evidenzbasierte Pharmazie auch eine Maßnahme der Qualitätssicherung, vor allem im Bereich der Selbstmedikation, und hilft, die eigenen Erfahrungen anhand von dokumentierten und validen Studienergebnissen zu reflektieren: »Man lernt etwas über die eigene Wahrnehmung.« Die Herausforderung besteht dann darin, diese Erfahrung auf das eigene Handeln zu übertragen. Dieses Vorgehen kann sich durchaus im Erfolg der Apotheke niederschlagen, ist Günther überzeugt: »Aus der Evidenz systematische Beratungsempfehlungen für die Apotheke und alle Mitarbeiter zu entwickeln – das ist zur Zeit noch ein Alleinstellungsmerkmal.«

 

Kenntnisse der evidenzbasierten Medizin werden derzeit im Pharmaziestudium in der Klinischen Pharmazie sowie in einigen Fachapotheker- Weiterbildungen vermittelt. Günther findet das allerdings noch nicht ausreichend: »Es muss vor allem Zeit sein, die Fähigkeiten einzuüben«. Denn nur dann lassen sich die Kenntnisse im Praxisalltag tatsächlich umsetzen. Derzeit wird im Fachbereich ein Curriculum »Evidenzbasierte Pharmazie« für die Aus-, Fort- und Weiterbildung entwickelt.

 

Gefördert wird das Thema Evidenzbasierte Pharmazie auch durch die ABDA, die sich als Fördermitglied im DNEbM engagiert. Dr. Ralf Goebel, Geschäftsführer der Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker, gehört zu den Gründungsmitgliedern des Fachbereichs. »Die ABDA will den Fachbereich fachlich unterstützen und das Thema an die Apotheker weitertragen«, sagt Goebel, der auch an der Pharmaziebibliothek mitgearbeitet hat und derzeit gemeinsam mit Günther den Fachbereich vertritt.

 

Der Fachbereich Evidenzbasierte Pharmazie hat zurzeit 52 Mitglieder. Als Verstärkung sind besonders Kollegen aus der Offizin- und Krankenhauspharmazie gewünscht, um besser die Brücke zwischen Theorie und Praxis schlagen zu können. Eine gute Gelegenheit, den Fachbereich kennenzulernen, bietet der Jahreskongress des DNEbM, der am 15. und 16. März 2013 in Berlin stattfindet (www.ebm-kongress.de).

 

Die Apothekerkammer Westfalen-Lippe bietet demnächst erstmalig ein vierstündiges Fortbildungsseminar zum Thema »Evidenzbasierte Pharmazie« im Apothekenalltag an. Diese finden am 9. März 2013 in Münster beziehungsweise am 13. April 2013 in Dortmund statt. Eine Anmeldung ist auch für Mitglieder anderer Apothekerkammern über www.akwl.de möglich. /

Evidenzbasierte Pharmazie

Evidenzbasierte Pharmazie (EbPharm = beweisgestützte Pharmazie) ist der gewissenhafte, ausdrückliche und vernünftige Gebrauch der gegenwärtig besten externen, wissenschaftlichen Evidenz für Entscheidungen in der pharmazeutischen Versorgung und Beratung. Dazu gehört die systematische Suche in der pharmazeutischen und medizinischen Literatur für ein konkretes pharmazeutisches Problem, die kritische Beurteilung der gefundenen Evidenz auf Validität und Größe des Therapieeffekts sowie die Anwendung auf den konkreten Patienten unter Berücksichtigung der pharmazeutischen Erfahrung und der Wünsche des Patienten.

 

(Nach www.ebm-netzwerk.de/was-wir-tun/fachbereiche/pharmazie)

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