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Multiple-Sklerose-Therapie

Sprint und Marathon zugleich

29.10.2014  09:44 Uhr

Von Brigitte M. Gensthaler, München / Die optimale Behandlung von Patienten mit schubförmig-remittierender Multipler Sklerose (RRMS) erfordert eine sorgfältige Begleitung. Sowohl für den Beginn als auch die Anpassung der bestehenden Therapie gibt es begrenzte Zeitfenster für einen möglichst hohen Nutzen.

»Die MS-Therapie bedeutet Sprint und Marathon zugleich«, formulierte Professor Dr. Mathias Mäurer vom Caritas-Krankenhaus in Bad Mergentheim bei einer Novartis-Pressekonferenz in München. Die Frühphase der Erkrankung sei relevant für den weiteren Verlauf. Daher seien ein früher Beginn der Therapie und deren rechtzeitige Optimierung wichtig, um die Progression von Behinderung zu verzögern. Andererseits müsse der Patient die Therapie auch langfristig akzeptieren und umsetzen können.

 

Krankheitsaktivität stoppen

 

Als Therapieziel definierte Mäurer die »Freiheit von klinisch relevanter und messbarer Krankheitsaktivität«, neudeutsch NEDA (no evidence of disease activity). Dies bedeutet: keine Schübe, kein Fortschreiten der Behinderung und keine Aktivität im Kernspintomogramm (MRT). Dazu bedürfe es eines intensiven Therapiemanagements, sagte der Arzt mit Hinweis auf die kürzlich aktualisierte Leitlinie (lesen Sie dazu auch Multiple Sklerose: Mehr Optionen, komplexere Therapie). Danach stehen zur verlaufsmodifizierenden Therapie bei milden und moderaten Verlaufsformen der RRMS mehrere Beta-Interferone und Glatirameracetat zur Injektion sowie Dimethylfumarat und Teriflunomid als Peroralia zur Verfügung. Jedoch sprächen etwa 30 Prozent der Patienten nicht auf die Basistherapie an.

 

Leiden Patienten trotz Therapie an aktiver MS, müsse diese »frühzeitig und nachhaltig« optimiert werden, betonte Mäurer. Nicht nur für den Start, sondern auch für die Anpassung der Behandlung gebe es ein Zeitfenster, in dem der Patient den größten Nutzen davon hat. Angesichts des jungen Alters der meisten MS-Patienten sei es wichtig, die Krankheitsprogression rechtzeitig zu kontrollieren, um Arbeitsfähigkeit, Mobilität und Selbstständigkeit möglichst lange zu erhalten.

 

Bei hoch aktiver MS sei ein Switch von Arzneimitteln der Basistherapie zu denen der nächsten Stufe günstiger als ein Wechsel innerhalb der Basistherapeutika, sagte Mäurer. Laut Leitlinie sind die Antikörper Alemtuzumab und Natalizumab sowie das peroral bioverfügbarer Fingolimod die Mittel der Wahl bei (hoch-)aktiven Verläufen. Dass die frühzeitige Gabe von Fingolimod dem späteren Einsatz signifikant überlegen war, habe die Extensionsphase der FREEDOMS-Studie über 4,5 Jahre gezeigt. »Der Benefit der frühen Gabe kann nicht mehr aufgeholt werden.«

 

Nach der Zulassungserweiterung der EMA können RRMS-Patienten mit hoher Krankheitsaktivität trotz Behandlung mit mindestens einer krankheitsmodifizierenden Therapie Fingolimod bekommen (Fachinformation, Stand Juli 2014). Welche Vortherapie der Patient bekommen hat, spielt keine Rolle.

 

Vorsicht Hirnatrophie

 

Auf einen weiteren Zielparameter der MS-Therapie – die Verlangsamung der Hirnatrophie – wies Professor Dr. Tjalf Ziemssen von der TU Dresden hin. Die MS führe zu fokalen und diffusen Hirnschäden und einem Verlust an Hirnvolumen. Die Hirnatrophie beginne schon früh im Verlauf der MS und sei deutlich ausgeprägter als bei gesunden Menschen, aber »längst nicht so dramatisch wie bei einer Demenz«. Nach heutiger Kenntnis gehe es eher um einen Verlust von Verknüpfungen als von Hirnzellmasse, erklärte Ziemssen.

 

Den messbaren Schwund von Hirnvolumen bezeichnete er als Prädiktor für abnehmende Kompensationsmechanismen und kognitive Beeinträchtigungen. Laut Ziemssen sollte die Hirn­atrophie als vierter Parameter für das Ziel Krankheitsfreiheit ergänzt werden (NEDA-4). »Wir sollten die Hirnsubstanz so gut wie möglich schützen.« Gemäß großer Studien wirke Fingolimod auf alle vier NEDA-Parameter – Schubrate, Behinderungsprogression, MRT-Aktivität und Hirnatrophie – positiv. /

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