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Diabetes- und Sportgipfel

Anreize statt Arzneimittel

30.10.2012
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Von Annette Mende, Berlin / 1000 Schritte nach dem Essen senken den Blutzucker stärker als 1000 mg Metformin. Die Behandlung von Typ-2-Diabetikern besteht dennoch meist ausschließlich aus einer Pharmakotherapie. Beim ersten Diabetes- und Sportgipfel in Berlin diskutierten Experten über Möglichkeiten, diese Situation zu verändern.

»Auf uns rollt keine Diabetes-Welle zu, sondern ein Diabetes-Tsunami.« Mit diesem drastischen Vergleich beschrieb Professor Dr. Hans-Georg Predel von der Deutschen Sporthochschule Köln das Ausmaß des weltweiten Zuwachses an Patienten mit Typ-2-Diabetes. Die Gründe dafür sind hinlänglich bekannt. Oft sind es Bewegungsmangel sowie eine falsche und zu reichhaltige Ernährung. Keine Neuigkeit ist auch, dass eine Umstellung der Lebensweise dagegen mehr hilft als Tabletten. Doch alle Appelle von Ärzten und Gesundheitspolitikern an die Vernunft des Einzelnen verhallen mehr oder weniger ungehört.

Wie es mit viel persönlichem Engagement gelingen kann, eine Laufgruppe aus Diabetikern auf die Beine zu stellen, zeigt das Diabetes Programm Deutschland (DPD). Es entstand auf Initiative von Dr. Michael Rosenbaum, Vizepräsi­dent des Deutschen Behindertensportverbandes. Rosenbaum, der selbst begeisterter Marathonläufer ist, erkrankte vor zwei Jahren an Typ-1-Diabetes. Mit Insulin zu laufen bedeutete für ihn eine grund­legende Umstellung. Er musste lernen, sehr kontrolliert zu laufen und seinen Blutzuckerspiegel vor, während und nach der Belastung häufig zu messen, um Unterzuckerungen zu vermeiden.

 

Lauftreffs in sechs Städten

 

Trotzdem schaffte er es, den nächsten Köln-Marathon mitzulaufen. »Mit diesem persönlichen Erfolg reifte der Entschluss, ein Laufprogramm für Diabetiker zu initiieren«, so Rosenbaum. Diese Idee hat er erfolgreich in die Tat umgesetzt: Mittlerweile gibt es DPD-Laufgruppen nicht nur in Köln und Bonn, sondern auch in Düsseldorf, Frankfurt, Berlin und Hamburg. In ihnen treffen sich Diabetiker beides Typs zweimal wöchentlich, um sich in einem sechsmonatigen Trainingsprogramm unter ärztlicher Betreuung auf einen großen Stadtlauf vorzubereiten. Zu den Partnern des DPD gehört unter anderem die ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände.

 

Doch trotz dieses bemerkenswerten Erfolgs erreicht das DPD nur einzelne Patienten – und teilt damit das Schicksal anderer Interventionsprogramme. Um den »Diabetes-Tsunami« abzuwenden, braucht es aber gesamtgesellschaftliche Ansätze. Davon zeigte sich Professor Dr. Peter E. H. Schwarz vom Uniklinikum Dresden überzeugt. »Typ-2-Diabetes ist verhinderbar. Wir haben also ein verhinderbares Problem, und zwar nicht nur ein medizinisches, sondern auch ein wirtschaftliches und ein soziales«, sagte er.

 

Denn chronische Erkrankungen, allen voran der Diabetes, seien auch eine Katastrophe für die Wirtschaft. »Wären 2007 in Deutschland nur halb so viele Menschen an Diabetes erkrankt gewesen, hätten wir ein um 4,8 Prozent höheres Bruttosozialprodukt gehabt«, rechnete Schwarz vor. Dies bedeute einen immensen Verlust an Steuereinnahmen für den Staat. Solche Einbußen durch Krankheitsprävention zu verhindern, sei keine Aufgabe für die Krankenversicherung. »Wir brauchen dafür eine breitere Basis.«

 

Unverzichtbar sei eine wissenschaftliche Evaluation verschiedener Interventionen. »Wir müssen wissen, welche Maßnahmen sich lohnen, und auch, wann sie sich lohnen«, erklärte Schwarz. Kindern gesunde Ernährung näher zu bringen sei beispielsweise eine erfolgreiche Strategie zur Verhinderung von Diabetes. Sie zahle sich aber erst nach mehreren Jahrzehnten aus.

 

Fettsteuer mit Erfolg

 

Sehr viel schneller zeigte sich dagegen der Effekt einer Besteuerung ungesunder Lebensmittel. So habe Dänemark im Oktober des vergangenen Jahres eine Steuer auf ungesättigte Fettsäuren eingeführt. In der Folge sei der Verkauf von Nahrungsmitteln mit einem hohen Anteil dieser Fettsäuren um 4 Prozent zurückgegangen. Man rechne damit, dass das Durchschnittsgewicht der dänischen Bevölkerung innerhalb eines Jahres um 1,2 Kilogramm sinkt. »Das ist das effektivste Präventionsprogramm für chronische Erkrankungen, das wir kennen. Und es wurde vom Finanzministerium umgesetzt«, sagte Schwarz. /

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