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WIPIG-PZ-Kongress

Gesund bleiben, gesund werden

02.11.2010
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Von Brigitte M. Gensthaler und Hannelore Gießen, München / Prävention betrifft jedes Lebensalter. Sie beginnt bei Ernährung und Bewegung und endet bei der Suchtvorbeugung oder Vermeidung von Folgeschäden bei Stoffwechselerkrankungen noch lange nicht. Zahlreiche Vorträge gaben einen Einblick, was Apotheker leisten können.

Das Einstiegsalter für Alkohol- und Nikotinkonsum sinkt seit Jahren. Mit 15 oder 16 Jahren haben fast alle Jugendlichen schon Kontakt mit Zigaretten gehabt oder rauchen; jedes dritte Mädchen und knapp die Hälfte der Jungen trinken wöchentlich Alkohol. »Für viele Jugendliche besteht eine Party aus Rauscherleben«, berichtete Privatdozent Dr. Norbert Wodarz, Erster Vorsitzender der Bayerischen Akademie für Sucht- und Gesundheitsfragen (BAS), beim Präventionskongress.

 

Suchtprävention im Netzwerk

 

Je früher der Konsum beginne, umso höher sei das Risiko, eine Abhängigkeit zu entwickeln. Denn neurobiologische Untersuchungen zeigen, dass sich das Gehirn während der Pubertät in einer entwicklungsbiologisch besonders empfindlichen Umbauphase befindet. Daher können Suchtmittel viel stärker und nachhaltiger wirken als bei Erwachsenen. Nahezu jedem zehnten jugendlichen Alkoholtrinker drohe später eine Abhängigkeit. »Doch die eigentliche Einstiegsdroge ist Tabak«, zeigte Wodarz am Beispiel Cannabis.

Apotheker, die sich in der Suchtpräven­tion engagieren wollen, sollten interdiszi­plinär arbeiten, ermunterte Christiane Fahrmbacher-Lutz vom BAS-Vorstand die Kollegen. In einem Kooperationspro­jekt von WIPIG und BAS haben Exper­ten der BAS einen Vortrag speziell für die Zielgruppe Schüler erarbeitet. Der Apothe­ker könne damit sein spezifi­sches Fachwissen anschaulich darstel­len, Wirkweise und Wirkung, aber auch Nebeneffekte des Substanzkonsums sachlich erklären sowie über Erste-Hilfe-Maßnahmen, zum Beispiel nach Koma­saufen, informieren. »Nehmen Sie am besten gleich einen Drogenberater mit, wenn Sie den Vortrag in einer Schul­klasse halten«, empfahl die Apothekerin.

 

Die Apotheke könne in der Suchtprävention Impulse setzen und Nachdenklichkeit auslösen, sagte Fahrmbacher-Lutz. Sie könne als Ansprechpartner und »Case Manager« fungieren. Im Bedarfsfall solle sie ratsuchende Eltern und Jugendliche aber rasch an Drogenberatungsstellen weitervermitteln.

 

Prävention in Zahlen und Daten

 

»Auch in zehn bis zwanzig Jahren werden wir noch keine wirklich gute Datenlage zur Prävention haben«, erklärte Professor Dr. Marion Schaefer vom Institut für Klinische Pharmakologie der Charité Universitätsmedizin, Berlin. Auch wissenschaftlich korrekt geplante Präventionsstudien könnten nie vollständig sein, denn die unterschiedlichen Einflussfaktoren seien zu komplex. Viele Krankheiten kommen zudem meist als Cluster vor, wie Diabetes, Hypertonie und Fettstoffwechselstörungen. In Studien müssten Risikofaktoren jedoch isoliert betrachtet werden.

 

Häufig stammen die Erkenntnisse der Prävention aus großen Kohortenstudien wie der Framingham Heart Study, die Risikofaktoren für einen Herzinfarkt identifizierte, oder der British Doctors Study, die erstmals den Zusammenhang zwischen Rauchen und Lungenkrebs offenlegte. Heute noch oft zitiert wird eine bereits 1994 veröffentlichte Präventionsstudie zu den Effekten nicht-medikamentöser Interventionsmaßnahmen bei Hypertonikern. Gelang es den Patienten abzunehmen, so sank der Blutdruck um durchschnittlich 5,2 mmHg. Eine Kochsalzreduktion brachte immerhin noch eine Verminderung um 2,9 mmHg, ein Stressmanagement um 1,0 und ein Ausdauertraining um 0,8 mmHg.

 

Wie sehr auch die Lebenseinstellung das Risiko für Herzerkrankungen beeinflusst, zeigt eine im Februar 2010 im European Heart Journal veröffentlichte Studie mit knapp 2000 Teilnehmern. Je positiver ihre Lebenseinstellung war, desto geringer war ihr Risiko für Infarkt oder schlechte Durchblutung der Herzkranzgefäße. Schaefer empfahl den Apothekern, sich auf Präventionsmaßnahmen zu konzentrieren, die zum Schwerpunkt der Apotheke passen, beispielsweise Hypertonie, Diabetes mellitus oder Lipidstoffwechselstörungen.

 

Lipide unter der Lupe

 

Bei Fettstoffwechselstörungen besteht großer Beratungsbedarf, unterstrich Professor Dr. Werner Richter vom Institut für Fettstoffwechsel und Hämorheologie in Windach. So komme es darauf an, ob eher erhöhte LDL- oder Triglycerid-Werte gesenkt werden sollen. Lag früher das Hauptaugenmerk zur Verminderung des LDL-Cholesterols auf der Fettreduktion, so steht jetzt die Zusammensetzung der Fette im Vordergrund: Gesättigte Fettsäuren, die die Aktivität der LDL-Rezeptoren auf den Hepatozyten verringern, sollen durch ein- oder mehrfach ungesättigte Fettsäuren ersetzt werden.

 

Bei einer isolierten Hypertriglycerid-ämie treibt eine fettarme Kost den Triglyceridspiegel noch weiter in die Höhe. Bei Fettreduktion werden vermehrt kleine dichte LDL-Partikel gebildet, die leicht oxidierbar und damit besonders atherogen sind, warnte der Ernährungsmediziner. Am effektivsten sei es, auf Alkohol zu verzichten. In zweiter Linie sind es Glucose, Fructose und Saccharose sowie Nicotin, die die Triglyceride ungünstig beeinflussen.

 

Häufig sind sowohl LDL-Cholesterol als auch Triglyceride erhöht. Eine familiär kombinierte Hyperlipidämie trete mit einer Prävalenz von 1:16 bis 1:50 auf, hob Richter hervor. Die Familienanamnese für koronare Herzkrankheit ist meist positiv. Entscheidend für den therapeutischen Erfolg sind Gewichtsreduktion und viel Bewegung. In der Beratung sei es sinnvoll, diätetische Maßnahmen auf die Triglyceride zu konzentrieren, fasste Richter zusammen.

 

Wie eine Prävention von Fettstoffwechselstörungen in der Apotheke praktisch umgesetzt werden kann, zeigte Apothekerin Silvia Birkle, Mitarbeiterin des WIPIG, anhand der Aktion »Herzensangelegenheit 50+«. In Nordost-Bayern boten dreizehn Apotheken ein Risikoscreening auf Fettstoffwechselstörung an. Das Kapillarblut der 129 teilnehmenden Probanden zwischen 50 und 70 Jahren wurde im Institut für Fettstoffwechsel und Hämorheologie auf zahlreiche Lipidparameter untersucht. Ein Zwischenergebnis: Nur 11 Prozent der Teilnehmer hatten keine Risikofaktoren. 54 Prozent informierte das Apothekenteam ausführlich über Lebensstiländerungen, jedem Dritten wurde ein Arztbesuch empfohlen.

 

Genetische Feinschattierungen

 

Nicht nur das Risiko, eine bestimmte Krankheit zu bekommen, sondern auch die Wirkung und Verträglichkeit von Medikamenten sind genetisch mitbedingt. Ursache der unterschiedlichen Verträglichkeit von Arzneistoffen seien oft die metabolisierenden Enzyme in der Leber, berichtete Professor Dr. Manfred Schubert-Zsilavecz vom Zentrum für Arzneimittelforschung der Goethe-Universität Frankfurt am Main.

 

Besonders häufig sind genetische Unterschiede in der Familie der P450-Cytochrome. Bei immerhin 10 Prozent der Mitteleuropäer fehlt die Variante CYP2D6 komplett oder ist nur eingeschränkt aktiv. Zahlreiche Arzneimittel wie Betablocker, Antidepressiva, Codein und Antiarrhythmika werden über dieses Isoenzym metabolisiert. Funktioniert der Abbau nur eingeschränkt, bleibt der Arzneistoff länger aktiv. Umgekehrt führt eine zu schnelle Verstoffwechselung zu einer mangelnden Wirksamkeit.

 

Ein anderes wichtiges »Familienmitglied« ist das Enzym CYP2C19, das beispielsweise den Protonenpumpenhemmer Omeprazol abbaut. Geschieht dies sehr rasch, bleibt der pH-Wert des Magens zu niedrig, sodass eine Helicobacter-Eradikation misslingen kann. Patienten mit dieser CYP2C19-Variante benötigen für eine erfolgreiche Therapie eine höhere Omeprazol-Dosis.

 

Der Thrombozytenaggregations-Hemmer Clopidogrel ist ein Prodrug und wird durch CYP2C19 bioaktiviert. Bei Menschen, deren Cytochrom-Variante nur schwach aktiv ist, gelingt dies nur langsam und unvollständig, sodass der Therapieerfolg gefährdet ist.

 

Mithilfe von Genchips kann man heute die genetische Ausstattung eines Menschen mit Enzymen der Cytochrom-P450-Familie feststellen. Beispielsweise könne man mit dem AmpliChip 29 genetische Varianten von CYP2D6 und zwei Varianten von CYP2C19 erfassen, berichtete Schubert-Zsilavecz. Damit könne man schon vor der Therapie einschätzen, ob und wie ein Patient auf ein Medikament ansprechen wird. Künftig werde eine pharmakogenetische Charakterisierung der Probanden in klinische Studien integriert werden, und in zehn bis 15 Jahren werde jeder sein pharmakogenetisches Profil kennen, wagte Schubert-Zsilavecz einen Ausblick. / 

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