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Pharmazeutische Betreuung

Der Patient im Mittelpunkt

28.10.2008
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Pharmazeutische Betreuung

Der Patient im Mittelpunkt

Von Christina Hohmann und Elke Wolf, Heidelberg

 

Kind, Rentner oder Chroniker - jeder Patient ist anders. Entsprechend wichtig ist es, die Pharmazeutische Betreuung individuell anzupassen. Viele wichtige Informationen und Tipps für die tägliche Praxis erhielten die mehr als 300 Teilnehmer auf dem Wochenendworkshop »Patient und Pharmazeutische Betreuung« in Heidelberg.

 

»Eine Investition in das Wissen bringt immer noch die besten Zinsen.« Mit diesen Worten Benjamin Franklins begrüßte Dr. Günther Hanke, Präsident der Landesapothekerkammer Baden-Württemberg, die Teilnehmer auf dem Workshop »Patient und Pharmazeutische Betreuung« am 25. und 26. Oktober in Heidelberg. Eine lohnende Investition in diesem Sinne sei auch die ständige Qualifikation im eigenen Beruf und in die eigene Kernkompetenz. »Und die ist bei uns das pharmazeutische Wissen«, sagte Hanke. Die individuelle Beratung in der Apotheke werde von Politik und Öffentlichkeit immer stärker eingefordert. Es sei somit im Interesse der Pharmazeuten selbst, sich in diese Richtung verstärkt fortzubilden. Weitere Termine der Veranstaltung sind der 15. und 16. November in Oberhausen sowie der 22. und 23. November in Jena.

 

Zwischen Anspruch und Wirklichkeit

 

»Zum Apotheker gibt es keine Alternative. Wohl aber zu seiner Aufgabenerledigung!«, sagte Walter Frie, Referatsleiter Pharmazie, Arzneimittel- und Apothekenwesen im Gesundheitsministerium des Landes Nordrhein-Westfalen. Bei der Beratung von Patienten und der Präsentation von Apotheken liegt für Frie derzeit nicht alles im grünen Bereich.

 

Das Bundesverfassungsgericht hat vor rund 20 Jahren die Arzneimittelversorgung und die Aufgaben des Apothekers beschrieben, als es um die Selbstbedienung bei freiverkäuflichen Arzneimitteln innerhalb und außerhalb von Apotheken ging. »Besser kann ein Gericht eigentlich nicht darlegen, welche Aufgaben eine Apotheke zu erfüllen hat und wie sie sich präsentieren soll«, wertete Frie, selbst Pharmazeut. In der Tat: Das Gericht zeichnet das Bild vom Apotheker in seiner Apotheke mit der Verpflichtung zur persönlichen Leitung der Apotheke in eigener Verantwortung. Es hat Apotheken nicht als gewerbliche, wirtschaftlich geprägte Betriebe angesehen, sondern als Ort bezeichnet, an dem der Apotheker eine besondere Beziehung zum Kunden eingeht. Danach befasst sich der Apotheker individuell mit jedem Rezept oder Kundenwunsch, basierend auf einem gegenseitigen Vertrauensverhältnis.

 

»Doch entspricht das in weiten Teilen der Realität?«, fragte Frie das Auditorium. Findet man wirklich diese Vorstellungen in der überwiegenden Mehrheit der Apotheken wieder? Findet in der Mehrzahl der Apotheken eine individuelle und vertrauliche Beratung statt? Wird das Arzneimittel in der Offizin als Ware besonderer Art präsentiert? Ist die Offizin als Arbeitsplatz eines Heilberuflers wahrzunehmen? Und ist der Apotheker persönlich in der Offizin als »Garant für eine gute Versorgung sichtbar und tätig«, lediglich mit Unterstützung der Angestellten?

 

Hier klafft nach Fries Meinung eine große Lücke zwischen Anspruch und Realität. Denn die meisten Apotheken präsentierten sich zumindest nach außen als gewerblich geprägter Betrieb. Ein Industrie-Plakat nach dem nächsten im Schaufenster, 20 Arzneimittelpackungen übereinander und dicht an dicht sprächen nicht für die unabhängige, seriöse Beratung. Preisdumping nach dem Motto »Arzneimittel für den schmalen Geldbeutel« setzten der Sache die Krone auf. Und auch die in der Rezeptur hergestellten Arzneimittel entsprächen nicht immer der geforderten Qualität. Hier sei jeder aufgerufen, sich an die eigene Nase zu fassen.

 

Lobbyarbeit von ABDA, Kammern und Verbänden können nicht erfolgreich sein, wenn sich viele Apotheken als Kaufmannsläden präsentieren. »Zum Bild der Apotheken, zur Wahrnehmung des Apothekers in seiner Offizin trägt jeder von Ihnen wesentlich bei. Letztendlich bestimmt das auch die Entscheidungsfindung über den Lohn der Apotheker. Seien Sie sich deshalb Ihrer Verantwortung für die gute Arzneimittelversorgung und für Ihren Beitrag zum angemessenen Lohn bewusst«.

 

Damit die inhabergeführte Präsenzapotheke auch in Zukunft lebensfähig ist, forderte Frie eine gesicherte Qualität in allen pharmazeutischen Bereichen in allen Apotheken, und das nicht nur auf freiwilliger Basis. Die vertrauliche Beratung sei zu intensivieren. Die Apotheker müssten es schaffen, zum Anwalt der Patienten zu werden. Die Patienten und Kunden sollten Vertrauen zum Heilberufler und Experten für Arzneimittel bekommen und nicht zum Kaufmann und Medikamentenhändler. Dafür sei es nötig, sich vom größten Teil des Ergänzungssortiments zu trennen. »Wenn die Apotheker zum Gesundheitswesen und nicht zum Handelswesen gehören wollen, müssen sie solche Produkte abstoßen. Das ist nicht nur im Interesse der Patienten, sondern des Berufsstandes.«

 

Eine Epidemie des Tablettenteilens

 

In Deutschland wird derzeit fast ein Viertel aller festen Arzneimittel geteilt. Dies hätten Untersuchungen mit ambulant betreuten Patienten ergeben, berichtete Professor Dr. Walter E. Haefeli von der Universitätsklinik Heidelberg. In Deutschland sei eine Epidemie des Tablettenteilens zu beobachten. Für das Teilen gibt es verschiedene Gründe. Es kann notwendig sein, um die Dosierung des Wirkstoffs zum Beispiel für Kinder oder Senioren anzupassen und die Therapie somit zu individualisieren. Auch wenn ein Wirkstoff bei einer neuen Indikation eingesetzt wird, kann es vorkommen, dass die auf dem Markt befindlichen Wirkstärken ungeeignet sind, sagte Haefeli. Als Beispiel nannte er Spironolacton, das hauptsächlich in einer Wirkstärke von 50 mg auf dem Markt ist. Für die Therapie der Herzinsuffizienz sei aber eine Dosierung von 25 mg notwendig, weshalb die Tabletten halbiert werden müssen. Einige Patienten teilen ihre Tabletten auch, um sie besser Schlucken zu können. Dies sei aber nur die Minderheit von etwa 6 Prozent. Die restlichen 94 Prozent teilten ihre Arzneiform, weil der Arzt es verordnet hat.

 

Der wohl häufigste Grund hierfür sei die erhoffte Kostenersparnis, sagte Haefeli. Doch nicht jede Arzneiform ist geeignet. Nicht teilbar sind zum Beispiel Weichgelatine-Kapseln, Dragees, Manteltabletten und Tabletten ohne Bruchkerbe. »Das muss man dem Patienten erklären«, sagte der Mediziner. So sollten die meisten überzogenen Tabletten nicht geteilt werden, da sie sonst toxisch werden (bei kanzerogenen oder mutagenen Wirkstoffen), ihre Aktivität verlieren oder ihre Freisetzung verändern können. Eine Retardierung spräche aber nicht in jedem Fall gegen das Teilen. Ist die Tablette als ganzes retardiert, sollte sie nicht geteilt werden, ist jedoch der Wirkstoff einzeln in Mikropellets retardiert, ist Teilen erlaubt.

 

»Ein Prozent der Tabletten wird aktiv zerstört, bevor sie eingenommen werden«, sagte Haefeli. Die Fachinformationen sind häufig nicht hilfreich, um zu klären, welche Tabletten sich teilen lassen. Bei nur etwa 38 Prozent der Tabletten ohne Bruchrille, die nicht teilbar sind, stehe diese Information im Beipackzettel. Das soll sich ändern: Die europäische Arzneimittelbehörde EMEA plant, explizite Informationen zur Teilbarkeit in den Beipackzettel aufzunehmen.

 

Einer Umfrage zufolge sind gut zwei Drittel der Bevölkerung mit dem Tablettenteilen zur Kostenersparnis einverstanden. Doch vielen fällt das Teilen schwer. Als Fehler werden häufig genannt, dass sich Brösel bilden, die Hälften ungleich ausfallen und dass zwischen zwei und zehn Tabletten pro Monat verworfen werden müssen, weil sie nach dem Teilen unbrauchbar waren. Daher sei es wichtig, den Patienten die richtige Teilungstechnik zu zeigen. Als Tipp nannte Haefeli, die Tabletten beherzt mit raschem Druck in einem konkaven Gefäß wie etwa einem Eierbecher zu teilen. »Dann findet man auch die zweite Hälfte wieder.« Hilfreich seien auch Tablettenteiler, die sich allerdings nur für kreisrunde Arzneiformen eignen, da bei ovalen ungleiche Teile entstehen. Die Patienten und ihre Angehörigen sollten in der Technik des Teilens geschult werden, um eine maximal wirksame Therapie zu gewährleisten.

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