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Zytostatika-Ausschreibungen

Kritik von vielen Seiten

26.10.2016
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Von Daniela Hüttemann / In einer Expertenrunde im Bundestags-Gesundheitsausschuss haben Krankenkassen, Apotheker, Ärzte und Hersteller am 19. Oktober noch einmal ihre unterschiedlichen Standpunkte zu Exklusivausschreibungen für onkologische Rezepturen deutlich gemacht. Diese soll es künftig nicht mehr geben, dafür dürfen die Kassen mit Herstellern Rabattverträge für Rezepturbestandteile verhandeln.

Der AOK-Bundesverband warnte vor Beginn des Expertengesprächs vor der Durchsetzung eines angeblichen »Versorgungskartells aus Apotheken und Onkologen«. Hintergrund ist der am 12. Oktober vom Kabinett verabschiedete Entwurf des Arzneimittel-Versorgungsstärkungsgesetzes (AM-VSG). Er sieht unter anderem vor, dass Krankenkassen in Zukunft nicht mehr die Herstellung onkologischer Rezepturen exklusiv an eine bestimmte Apotheke vergeben dürfen. Damit würde die freie Apothekenwahl wiederhergestellt, was die Apotheker befürworten. Kassen und Hersteller sollen dagegen Rabattverträge über die Bestandteile der Rezepturen verhandeln können, etwa die zytostatischen Wirkstoffkonzentrate. Außerdem soll die Hilfstaxe erweitert werden.

Schutz vor Wettbewerb

 

»Mit Streichung der Direktverträge schützt der Bundesgesundheitsminister jetzt ein Versorgungskartell vor ein bisschen Wettbewerb«, sagte Martin Litsch, Vorsitzender des AOK-Bundesverbands. Damit gemeint waren Onkologen und Apotheker, die eine »Scheindebatte über die angeblich gefährdete ortsnahe Versorgung angezettelt« hätten. Die derzeitigen Verträge sähen eine Belieferung innerhalb von 45 Minuten vor, so Litsch. Aus seiner Sicht stärkt die AOK sogar die herstellenden Apotheken.

 

Ärzte und Apotheker sehen das anders. Von den Apotheken fühlen sich viele bei den Direktverträgen ausgeschlossen. Das gefährde die flächendeckende Versorgung mit Zytostatika-Rezepturen, so der Vorsitzende des Deutschen Apothekerverbands, Fritz Becker, in der Expertenrunde: »Wenn die Labors mal zu sind, geschieht nichts mehr.«

 

Die Ärzte sehen ihre Therapiehoheit in Gefahr und warnen vor Lieferengpässen. Stephan Schmitz, Vorsitzender des Berufsverbands der niedergelassenen Hämatologen und Onkologen, sagte, durch die Ausschreibungen werde die ganze bewährte Prozesskette ausgeschaltet. Es gehe dabei nicht nur um die Krebsmittel, sondern auch die Begleitmedikation, die aus einer Hand organisiert werden müsse, um die Pa­tienten nicht zu überfordern. Mit den Ausschreibungen werde zudem in das Arzt-Patienten-Verhältnis eingegriffen.

 

Geplante Rabattverträge

 

Von Rabattverträgen für Wirkstoffe, wie sie nun auch für Zytostatika geplant sind, war die Pharmaindustrie war noch nie ein Fan. Der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI) warnte davor, die riskante Rabattvertragssystematik auf die Versorgung mit Zyto­statika zu übertragen. »Der Gesetzgeber schafft mit dem Vorhaben, parallele Regelungsinstrumente sowohl über die Hilfstaxe als auch über Rabattausschreibungen einzuführen, eine unlösbare Vertragssituation«, kritisierte BPI-Vorstandsvorsitzender Martin Zentgraf. Das werde zu einer unsicheren und damit schlechteren Versorgung von Krebspatienten führen. Der BPI sprach sich lediglich dafür aus, die Hilfstaxe weiterzuentwickeln.

 

Die derzeitige Vergabepraxis an nur eine herstellende Apotheke habe bereits zu Unsicherheiten in der Versorgung und zu einer Marktkonzentration geführt. Die Zytostatika-Versorgung sei ohnehin auf wenige Hersteller konzentriert und ungleich komplexer als der allgemeine Arzneimittelmarkt. Auch Zentgraf warnte daher vor Versorgungsengpässen. /

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