Pharmazeutische Zeitung online
Arzneimittelinformation

Hilfe bei kniffligen Fragen

20.10.2008  11:13 Uhr

Arzneimittelinformation

Hilfe bei kniffligen Fragen

Von Brigitte M. Gensthaler, Regensburg

 

Wie wird Tinctura opii bei einem Karzinoid-Patienten dosiert? Helfen Ingwer-Kapseln bei Spannungkopfschmerzen? Wie vermeidet man Ausflockungen bei der Herstellung einer Minoxidil-Estradiol-Haarlösung? Anfragen wie diese haben die Apotheker in den drei bayerischen Arzneimittelinformationsstellen täglich zu bearbeiten. Und sie bilden regelmäßig Studenten aus.

 

Das Areal des Klinikums der Universität Regensburg ist weitläufig verzweigt und etliche Baustellen erschweren den Überblick. Den direkten Weg zur Apotheke zu finden, ist für den Ortsunkundigen nicht einfach. Aber mit der richtigen Strategie gelangt der Suchende dann doch zum Ziel. Vor einer ähnlichen Situation stehen die Apotheker von der Arzneimittelinformationsstelle (AMI), wenn Kollegen aus ganz Bayern ihnen schwierige Fragen rund um das Thema Arzneimittel senden. Die gewünschten Informationen befinden sich oft weit verstreut in der Literatur, manche Recherchewege führen in die Irre und nur mit der richtigen Strategie ­ und einem fundierten Fachwissen ­ kommen sie zu einer validen Lösung des Problems.

 

Die Arzneimittelinformationsstelle in der Klinikapotheke in Regensburg ist unter den derzeitigen drei bayerischen AMI der »Senior«. Sie nahm ihre Arbeit am 1. Januar 2001 auf. 2003 folgte Würzburg, 2006 Erlangen. Alle drei Stellen sind in Krankenhausapotheken angesiedelt und kooperieren eng mit der Bayerischen Landesapothekerkammer. Und sie haben noch eine Gemeinsamkeit: Sie sind fest in die theoretische und praktische Ausbildung der Pharmaziestudenten im 7. und 8. Semester integriert. Dieses Engagement wird von der Dr. August und Dr. Anni-Lesmüller-Stiftung von Anbeginn an kontinuierlich und maßgeblich finanziell gefördert.

 

Ausbildung in Kleingruppen

 

»Beratung und Information zu Arzneimitteln sind das zentrale und entscheidende Element in der Arbeit des Apothekers. Als unabhängiger kritischer Berater von Ärzten und Patienten kann er sich unentbehrlich machen«, sagt Ulrich Rothe, Leiter der Krankenhausapotheke Regensburg, zu den vier Studenten, die ihm gespannt zuhören. Sie sitzen im Raum der AMI, in dem mehrere Computerarbeitsplätze und wissenschaftliche Nachschlagewerke zur Benutzung bereitstehen. Die Pharmaziestudenten im 7. Semester absolvieren in kleinen Gruppen ein viertägiges Praktikum zur Internetrecherche. Vor Nina Gengler, Kathrin Schmid, Stephan Feil und Steffen Pockes liegt ein spannender Nachmittag, an dem sie aktuelle Fragen aus Apotheken bearbeiten werden. »Sie sollen fit werden in der Beantwortung kniffliger Fragen«, beschreibt Rothe das Ziel der ausbildenden Apotheker.

 

Die Studenten bringen neben allgemeinen Computerkenntnissen auch Vorwissen zur wissenschaftlichen Internetrecherche mit. Bereits im 5. Semester des Pharmaziestudiums geben die Regensburger Krankenhausapotheker in einem Grundlagenkurs eine theoretische Einführung, die im 7. und 8. Semester aufgefrischt und vertieft wird. In ähnlicher Weise sind die Kollegen der Apotheke des Universitätsklinikums Erlangen unter Leitung von Dr. Frank Dörje in die Lehre im Hauptstudium einbezogen. Auch in Würzburg geben die Apotheker von der Apotheke des Uniklinikums (Leitung Dr. Johann Schurz) vor Beginn der Praktika eine ausführliche Einführung zur Literaturrecherche.

 

Zurück zum Praktikum in der Regensburger AMI: Die Studenten sollen das Gelernte jetzt praktisch umsetzen. An ihrem Computer bearbeiten sie unter Anleitung konkrete Anfragen an die AMI. Im wöchentlichen Wechsel stellen die Apotheker Brigitte Schmidt, Ulrich Rothe, Johannes Schwarzbeck und Dr. Wolf Wilczek Informationsquellen, die ohne oder mit Beschränkung zugänglich sind, sowie wissenschaftliche Fakten- und Literaturdatenbanken vor und geben viele Tipps. Wie erkennt man die Seriosität einer Quelle? Wie trennt man bei mehr als tausend Fundstellen die Spreu vom Weizen? Was tun, wenn die Suchmaschine gar keinen Treffer meldet?

 

Die zu einer Fragestellung passende Suchstrategie zu erkennen, erspart viele Irrwege und Sackgassen in der Recherche, sagt Rothe. Dem Apotheker macht es sichtlich Freude, mit den Studenten über geeignete Lösungsstrategien zu diskutieren. »Das ist wie Pingpong-Spielen.« Manchmal überraschen ihn die Studenten mit ihren Ideen. »Aber auch bei der wissenschaftlichen Recherche gilt: Viele Wege führen nach Rom. Letztlich muss das Ergebnis valide und gut untermauert sein.«

 

Geniales Konzept

 

Die Idee, die hinter dem Konzept der AMI steckt, ist ebenso genial wie einleuchtend. Der Apotheker als Arzneimittelfachmann und Berater soll gestärkt werden. Können Apotheker in der Offizin fachliche Anfragen von Kunden oder Ärzten mit den apothekenüblichen Nachschlagewerken partout nicht lösen, können sie sich per Fax oder über ein Online-Formular an die Experten wenden. Das Formular gibt es bei der Bayerischen Landesapothekerkammer; man kann es auch online herunterladen (www.blak.de). Die eingehenden Fragen werden den drei AMI zu gleichen Teilen zur Bearbeitung zugeteilt.

 

Der Fragesteller gibt neben dem konkreten Problem an, von wem die Frage kommt und wie rasch er die Antwort benötigt. In Regensburg sind vier Apotheker im Wechsel für die Recherche und Bearbeitung zuständig. Dies ist sinnvoll, findet Rothe: »Wer regelmäßig recherchiert, wird sicherer.« Jede Antwort wird schriftlich formuliert, mit Quellen belegt und von einem Apotheker gegengelesen. Grundsätzlich erhält der anfragende Kollege die Antwort schriftlich, kann sie dann selbst bewerten und dem Arzt oder Patienten kommunizieren. Und sich damit profilieren, denn: »Beratung ist das beste Mittel gegen den Arzneimittelversand.«

 

Rothe selbst hat gute Erfahrungen mit der Information der Krankenhausärzte gemacht. »Die Ärzte wollen von uns beraten werden und warten auf unser Angebot.«

 

Die meisten Anfragen an die AMI kommen von Offizinapothekern. Gelegentlich würden auch Kollegen von Behörden und Ministerien, von Krankenkassen oder aus anderen Krankenhäusern nachfragen, sagt Rothe. Das ist grundsätzlich kein Problem: Jeder Apotheker, der Kammermitglied ist, kann sich an die Experten der drei bayerischen AMI wenden.

 

Langjährige Erfahrung

 

2007 bearbeiteten die Experten in Regensburg 463 Anfragen; nimmt man alle drei AMI zusammen, sind es fast 1200. Laut Statistik wurden in Regensburg seit 2001 insgesamt mehr als 6300 Fachfragen beantwortet. Im Fokus stehen Fragen zur Arzneimitteltherapie und -sicherheit, zu Produkten und zur Phytotherapie. Etwas seltener geht es um Rezepturen, Biopharmazie, Monographie-Informationen oder Diagnostika. Im Schnitt geht jede dritte Anfrage auf ein Patientenproblem, jede fünfte auf eine Arztanfrage zurück.

 

Mehr als zwei Drittel der Apotheken brauchen die Antwort am gleichen Tag oder innerhalb von drei Tagen. Der Zeitaufwand für die Bearbeitung hänge vom Schwierigkeitsgrad der Frage ab und schwanke zwischen 30 Minuten und mehreren Stunden inklusive der Dokumentation, sagt Rothe.

 

Die Verbindung von Service für die Kollegen und Studentenausbildung ist einzigartig. Nach vielen Vorarbeiten wurde das Konzept vor acht Jahren realisiert. Die Bayerische Landesapothekerkammer war daran federführend beteiligt. Rothe lobt ausdrücklich die Weitsicht des damaligen Kammerpräsidenten Johannes M. Metzger, der »die Zeichen der Zeit erkannt und die richtigen Akzente gesetzt« habe. Durch die Einbindung der Studenten erfahren diese frühzeitig, was Klinische Pharmazie ist.

 

Damit auch Kollegen von Arzneimittelinformationsstellen anderer Bundesländer von der Rechercheleistung profitieren, werden alle erarbeiteten Texte in die bundesweite AMINO-Datenbank eingestellt. Hier liegt Rothe zufolge Bayern mit einem Anteil von mehr als 50 Prozent aller Recherchen im Spitzenfeld.

 

Die bayerischen AMI haben noch eine weitere Aufgabe. Sie überprüfen die Produkte, die regelmäßig in den bayerischen Qualitätszirkeln erstellt werden, auf sachliche Richtigkeit und Vollständigkeit. Dies sind neben Patientenbroschüren und Flugblättern auch ausführliche Vortrags-Präsentationen und Beratungshefte. Auch hier geht es darum, Sachfragen und knifflige Details nachzurecherchieren und in die Überarbeitung einzubringen.

 

Studenten im Praktikum

 

Wie wird Tinctura opii bei einem Karzinoid-Patienten dosiert? Wie vermeidet man Ausflockungen bei der Herstellung einer Minoxidil-Estradiol-Haarlösung? Die vier Studenten waren mit diesen Anfragen gut beschäftigt. Die Nachwuchskollegen haben unter anderem in der ABDA-Datenbank, dem NRF, dem MSD-Manual und in Literaturdatenbanken online gesucht. Bei der Besprechung ermahnt Rothe sie, bei der Formulierung der Antwort sehr exakt vorzugehen und die Quellen zu benennen.

 

Eine wahre Nuss zu knacken gibt eine aktuelle Anfrage, die der Krankenhausapotheker den Studenten vorlegt. Der Aufmerksamkeit der Stationsapothekerin auf der Intensivstation, Dr. Monika Bäumel, und der behandelnden Ärzte sowie der unmittelbaren Zusammenarbeit mit den Forschungsabteilungen und den Laborärzten der Regensburger Klinik ist die Beobachtung zu verdanken, dass nach Gabe des Thyreostatikums Natriumperchlorat die Analytik der Elektrolytwerte im Blut offenbar nicht mehr stimmt. Dies kann für den Patienten theoretisch gravierende Folgen bis hin zum Herzstillstand haben, wenn zum Beispiel zu viel Calcium intravenös aufgrund scheinbar niedriger Laborwerte verabreicht wird. Nun fragen die Ärzte, ob die Abnormalität der Laborwerte und ein möglicher Mechanismus bereits in der Literatur beschrieben wurden.

 

Besonders positiv sei es, wenn AMI und Ärzte im Klinikum sich gegenseitig fachlich bereichern, sagt Rothe. Er legt daher Wert darauf, dass die Klinikapotheker interessante Ergebnisse einer Recherche auch in die Arzneimittelkommission, die monatlichen Stationsgespräche oder in die hauseigene Ärzte-Infomail einbringen. Eine wesentliche Aufgabe der Apotheker sieht Rothe darin, über hausspezifische Algorithmen die Therapieabläufe im Krankenhaus mitzugestalten. Das beeinflusse die Kosten erheblich. Auch hierfür müssen die Apotheker solide Informationen beschaffen und bewerten und schließlich mit den Fachärzten diskutieren können.

 

Bei der Evaluation bekommen die drei bayerischen AMI Bestnoten von den Kollegen in der Offizin. Neun von zehn Apotheker, die den Evaluationsbogen 2007 zurücksandten, gaben an, dass die Antwort den Kern der Frage traf und angemessen ausführlich war. Und sie loben die Relevanz der angefügten Quellen und die zügige Bearbeitung ihrer Anfrage. »Hoch kompetent, dabei praxisorientiert«, schreibt ein Kollege und ein anderer meint: »Bin sehr froh, dass es die AMI gibt.« Das ist Note 1 plus.

 

Positives Feedback

 

Auch die Studenten in Regensburg beurteilen das Praktikum in der AMI sehr positiv. »Wir erfahren hier viele Tricks für die wissenschaftliche Recherche«, lobt Steffen Pockes. Und man lerne, auf welchen Seiten seriöse Informationen zu finden sind. »Das pharmakologische Wissen wird uns im Studium vermittelt, aber hier trainieren wir die Praxis«, sagt Kathrin Schmid. Dies ist auch nötig, denn bald werden die vier Pharmaziestudenten in der Offizin stehen und ebenfalls mit kniffligen Fragen konfrontiert werden. Welche Strategien dann am schnellsten zum Ziel führen, haben sie ja gelernt.

Mehr von Avoxa