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Arzneimittelökonomie

Internisten kritisieren Standardisierung der Therapie

23.10.2007  10:39 Uhr

Arzneimittelökonomie

Internisten kritisieren Standardisierung der Therapie

Von Daniel Rücker, Wiesbaden 

 

Unter dem Diktat der Ökonomie leiden nicht nur die Apotheker. Auch den Ärzten bereiten die sich ständig ändernden Regeln bei der Verordnung von Medikamenten wenig Freude. Es sei heute nicht mehr möglich, Patienten individuell mit Arzneimitteln zu therapieren , kritisiert die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM).

 

Internisten haben es oft mit älteren, multimorbiden Menschen zu tun. Die Zahl und Schwere der Erkrankungen sei bei der Auswahl der Medikamente entscheidend, sagte der DGIM-Vorsitzende Professor Dr. Georg Ertl bei einer Pressekonferenz seiner Gesellschaft in Wiesbaden. In vielen Fällen sei dies jedoch nicht möglich, denn durch Rabattverträge, Disease-Management-Programme, Verordnungsausschlüsse oder mit den Krankenkassen vereinbarte Tagestherapiekosten, stehe bereits fest, welches Medikament ein Arzt zu verordnen habe.

 

Dabei spiele es keine Rolle, ob manche Patienten von alternativen Medikamenten besonders stark profitierten würden. Als Beispiel nannte er Insulinanaloga, die es etwa Senioren ermöglichen würden, erst beim oder nach dem Essen die richtige Insulinmenge zu spritzen. Gerade bei älteren Menschen bestehe ansonsten die Gefahr, dass sie vorab eine bestimmte Menge des Hormons spritzten, dann aber mehr oder weniger als geplant essen.

 

Den Mangel an Therapieoptionen beklagte auch Professor Dr. Ulrich Robert Fölsch. »Multimorbide Patienten bedürfen in vielen Fällen einer individualisierten und nicht einer standardisierten Medizin.« Entscheidend sei heute der »Grammpreis eines Medikaments«, sagte er und spielte damit auf die Vereinbarungen über Leitsubstanzen an, die Krankenkassen und Kassenärztliche Vereinigungen getroffen haben. In der vergangenen Woche einigten sich Ärzte und Kassen in zwölf häufigen Indikationen auf preiswerte Substanzen, die von Ärzten bevorzugt verordnet werden sollen und auf deren Basis durchschnittliche Tagestherapiekosten vorgegeben werden. Im Sinne der Kranken sei dies nicht.

 

Der Erste ist nicht immer der Beste

 

Wenn es um individuelle Therapie geht, dann ist das Thema Analogpräparate nicht weit. Eine Lanze für die unter dem Begriff »Me toos« diskriminierten Substanzen brachen Dr. Franz Josef Wingen von Bayer Health Care und Professor Dr. Bertram Häussler vom Institut für Gesundheits- und Sozialforschung (IGES). Wingen, der auch Sprecher der Korporativen Mitglieder der DGIM ist, wehrte sich gegen die pauschale Diffamierung dieser Medikamente. Die Substanz einer Stoffklasse, die als erste auf dem Markt sei, müsse keinesfalls auch die beste sein. Den Wettlauf um die Zulassung bestimmten zu viele Faktoren, als dass sich von einem schnellen Markteintritt auf ein gutes Medikament schließen lasse.

 

IGES-Chef Häussler belegte dies mit Daten. Nach einer Untersuchung an seinem Institut geben die kurz nach der Zulassung von den Pharmakologen Professor Dr. Uwe Fricke und Professor Dr. Wolfgang Klaus vergebenen Bewertungen von A (echte Innovation) über B (deutliche Verbesserung) zu C (keinen Zusatznutzen) keinen Aufschluss über den Erfolg einer Substanz in der praktischen Anwendung. Aus einer Stichprobe von 131 Medikamenten, die im ersten Jahr in die Kategorie C eingeordnet worden waren, hätten mehr als 80 Prozent in den folgenden Jahren sehr wohl einen Zusatznutzen offenbart. Als Me toos seien bei der Markteinführung im Übrigen auch Simvastatin und Amlodipin klassifiziert worden. Heute seien sie die Leitsubstanzen ihrer Stoffklasse. Deshalb sei es dringend notwendig, die Resultate aus der Praxis stärker in die Bewertung von Arzneimitteln einzubeziehen.

 

Weitaus schwerer als mit der Analyse des Ist-Zustandes taten sich die Diskutanten erwartungsgemäß mit Verbesserungsvorschlägen. Häussler setzt hier vor allem auf mehr Wettbewerb und weniger Regulierung, wobei dies, wie ein Blick auf andere Länder zeigt, nicht zwingend zu einer besseren und vor allem kostengünstigen Arzneimittelversorgung führt. Zudem hält der IGES-Chef eine Entkoppelung von Gesundheitsausgaben und Lohnnebenkosten für zwingend notwendig. Die bisherigen und die zu erwartenden Fortschritte in der Medizin seien so groß, dass sie einen Anstieg der Kosten im Gesundheitswesen rechtfertigten.

 

Ertl sieht die medizinischen Fachgesellschaften in der Pflicht. Sie hätten sich bislang zu wenig Gedanken um die Ökonomie gemacht. Dies habe zur Folge gehabt, dass ihre Leitlinien in der Praxis oft nicht umgesetzt wurden. Die niedergelassenen Ärzte konnten ihnen nicht folgen, weil dann die Therapie zu teuer gewesen wäre. In Zukunft müssten die Fachgesellschaften ihre Empfehlungen stärker an den Zwängen orientieren, denen sich die Praktiker unterwerfen müssen.

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