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Hypersomnie

Vom Schlaf übermannt

15.10.2007
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Hypersomnie

Vom Schlaf übermannt

Von Bettina Sauer, Berlin

 

Exzessive Tagesschläfrigkeit belastet die Betroffenen stark. Doch oft ist es schwierig, die Ursache herauszufinden und die richtige individuelle Therapie einzustellen.

 

Franz-Josef Flacke schläft öfter mal während der Mahlzeit am Tisch ein. Auch seine Kollegen haben den 55-jährigen Betriebswirt aus Unna schon bei einem Nickerchen erwischt. »Dabei«, sagte er im Gespräch mit der PZ, »schaffe ich es meistens sogar, mich rechtzeitig auf die Toilette zurückzuziehen, bevor mir die Augen zufallen.« In und um Unna kennt er jeden Parkplatz. Er musste überall schon eine Pause machen, weil ihn der Schlaf übermannte.

 

Seit mittlerweile 37 Jahren leidet Flacke an »exzessiver Tagesschläfrigkeit« (Hypersomnie). Erlebt hat sie so gut wie jeder schon als Folge einer durchwachten Nacht. Doch in der Regel verschwindet sie, sobald man sich ordentlich ausgeschlafen hat. »Chronische Hypersomnie kann einen erheblichen Leidensdruck verursachen«, sagte die Neurologin und Schlafmedizinerin Professor Dr. Sylvia Kotterba von der Ruhr-Universität Bochum auf einem Satellitensymposium der Firma Cephalon beim Jahreskongress der Deutschen Neurologischen Gesellschaft in Berlin. Oft führe sie zu psychischen Belastungen, Selbstzweifeln, Depressionen und sozialem Rückzug. »Zudem steigt das Unfallrisiko, besonders im Straßenverkehr, gegenüber der Normalbevölkerung um ein Mehrfaches.« Und die Leistungsfähigkeit im Beruf sinke mitunter erheblich. Das bekam auch Flacke zu spüren: »Unter den Kollegen galt ich mehr und mehr als Schlafmütze und als der, der wieder mal Plus und Minus verwechselt hat«, sagte er. Denn seine Konzentrationsfähigkeit, gerade bei monotonen buchhalterischen Tätigkeiten, ließ im Lauf der Jahre immer mehr nach. Mit 50 Jahren musste er deshalb schließlich in Frührente gehen.

 

Hypersomnie gilt als Begleitsymptom vieler Erkrankungen, etwa Depressionen, Schizophrenie, Infekten, Tumoren, Diabetes, Schilddrüsenunterfunktion, Morbus Parkinson oder Multipler Sklerose. Auch als Folge eines Alkohol- oder Drogenmissbrauchs kann sie auftreten oder als Nebenwirkung von Medikamenten wie  etwa Hypnotika, Psychopharmaka, Antihistaminika oder Blutdrucksenkern.

 

Ursachensuche im Schlaflabor

 

Nichts von alldem betrifft Flacke. Viele Ärzte hat er über die Jahre wegen seiner Tagschlafattacken aufgesucht, um regelmäßig als hilflosen Rat zu hören: »Schlafen Sie sich einfach mal eine Woche lang richtig aus. Dann wird das schon wieder.« Aufschluss über die genauen Ursachen seiner Hypersomnie brachte ihm wie vielen anderen Betroffenen erst eine gründliche Untersuchung im Schlaflabor. Dort werden während des Nachtschlafes unter anderem Hirnströme, Herzrhythmus, Atemfluss und Bewegungen gemessen und darüber hinaus das Ausmaß der Tagesschläfrigkeit bestimmt. Dazu dienen spezielle Fragebögen und Tests, etwa die Bestimmung  der Pupillenweite im Dunkeln, die Messung der Aufmerksamkeit bei monotonen Beschäftigungen und der multiple Schlaf-Latenz-Test. Bei diesem soll der Patient sich mehrfach am Tag in einen abgedunkelten Raum legen und so schnell wie möglich einschlafen. Die Qualität der Nickerchen wird mithilfe der Hirnstrommessung und anderer im Schlaflabor üblicher Methoden überprüft. Oft erfolgt zusätzlich eine internistische, neurologische und psychiatrische Diagnostik.

 

Häufige Ursache Schlafapnoe

 

1997 bekam Flacke eine erste Diagnose: Schlafapnoe. Bei den Betroffenen setzt nachts der Atem aus, oft minutenlang und mehrmals pro Stunde. Das verursacht einen Sauerstoffmangel und verschafft dem Körper im Schlaf nicht etwa Erholung, sondern enormen Stress. »Dieser kann einerseits bedrohliche Herz-Kreislauf-Erkrankungen nach sich ziehen«, sagte Professor Dr. Martin Konermann, Ärztlicher Direktor des Kasseler Marienkrankenhauses und Leiter des dortigen Schlafzentrums auf dem Neurologenkongress.  »Andererseits löst er laufend unbewusste Weckreaktionen aus, verschlechtert die Schlafqualität erheblich und führt zur typischen ausgeprägten Tagesmüdigkeit.«  Manchen Betroffenen hilft eine gründliche Schlafhygiene, gegebenenfalls eine Gewichtsreduktion oder eine chirurgische Befreiung der Atemwege. »Ansonsten ist der Goldstandard die nächtliche nasale Überdrucktherapie mit CPAP«, sagte Konermann. Die Abkürzung steht für Continuous Positive Airway Pressure (kontinuierlicher Atemwegsüberdruck). Dabei bekommt der Patient während des Schlafes mithilfe eines Überdruckgeräts und einer Atemmaske kontinuierlich Luft aus der Umgebung zugeführt. »Viele Studien zeigen, dass sich dadurch die Herz-Kreislauf-Prognose wie auch die Tagesbefindlichkeit und damit die Lebensqualität erheblich bessern lassen«, sagte Konermann. Doch greife sie längst nicht immer. So berichteten Dr. Peter Geisler und Kollegen vor drei Jahren auf dem DGSM-Kongress, knapp ein Drittel ihrer Patienten am Schlafmedizinischen Zentrum der Universität Regensburg klagten trotz CPAP weiterhin über Tagesmüdigkeit. »Zurückzuführen ist das oft einen schlechten Maskensitz oder andere Geräteprobleme, Anwendungsfehler oder schlechte Compliance«, begründete Konermann. Doch könnten auch weitere, bislang unentdeckte Ursachen der Hypersomnie dahinterstecken. Das sei durch eine zweite umfassende Untersuchung im Schlaflabor abzuklären.

 

Störung im Schlaf-Wach-Rhythmus

 

Auch der Fall Flacke erforderte weitere Detektivarbeit. Die Therapie mit der Maske half zwar gegen seine Neigung zum Sekundenschlaf, nicht aber gegen die tägliche bleierne Müdigkeit und die minutenlangen Schlafattacken. In einer weiteren Klinik diagnostizierten die Ärzte ein Restless-Legs-Syndrom. Diese neurologische Erkrankung verursacht während des Nachtschlafes Gefühlsstörungen und Bewegungsdrang in den Gliedmaßen, die sich tagsüber in Erschöpfungszuständen äußern. Und 1999 stellten Ärzte in einem dritten Schlaflabor eine dritte Diagnose: Narkolepsie.

 

Damit zählt Flacke zu den schätzungsweise 40.000 Deutschen, die an einer genetisch bedingten neurologischen Störung des Schlaf-Wach-Rhythmus leiden. In ihrem Hypothalamus fehlen Nerven, die normalerweise Hypocretin freisetzen. Dieser Botenstoff wird auch als Orexin bezeichnet und dient zur Aufrechterhaltung des Wachzustands. Durch die Diagnose fügten sich auch Flackes andere Symptome in ein Gesamtbild. Wie er, sind viele Narkoleptiker todmüde am Tag und hellwach in der Nacht. Auf dem Neurologenkongress  sagte Professor Dr. Geert Mayer, Chefarzt der Hephata Klinik in Schwalmstadt-Treysa und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Schlafmedizin: »Der gestörte Nachtschlaf kann mit einer vorzeitigen REM-Phase beginnen, ist meist leicht, zeigt einen vermehrten Wechsel von Schlafstadien, häufige Wachreaktionen und zum Teil lange Wachliegzeiten.« Beim Übergang vom Schlafen zum Wachen und umgekehrt können Halluzinationen und Lähmungserscheinungen auftreten. Auch tagsüber lässt bei vielen Patienten die Muskelspannung oft schlagartig nach. »Diese sogenannten Kataplexien bergen ein hohes Sturz- und Verletzungsrisiko und treten oft als Folge intensiver Gefühlsregungen auf«, sagte Mayer. Bei Flacke etwa erschlaffen die Gesichtsmuskeln vornehmlich in wichtigen geschäftlichen Besprechungen.

 

Die Therapie einer Hypersomnie stützt sich auf verschiedene Säulen, darunter nach Möglichkeit die Behandlung der Grunderkrankung. Die wenigsten Patienten kommen ohne Wachmacher aus, gerade wenn sie weiterhin ihren Beruf meistern möchten. »Viele wenden Coffein- oder Theophyllinpräparate, Kaffee, schwarzen oder grünen Tee an«, sagte Konermann. »Noch weitaus wirksamer sind Amphetamine wie Methylphenidat oder Ephedrin. Doch weisen sie ein hohes Suchtpotenzial auf.«

 

Mit Modafinil kam 1998 eine Alternative auf den deutschen Markt. Der pharmakologische Mechanismus ist noch nicht vollständig geklärt. Doch belegen klinische Studien, dass Modafinil unabhängig von der Ursache gegen die Hypersomnie wirkt und kein Suchtpotenzial zu besitzen scheint. Mittlerweile erhielt es die deutsche Zulassung zum Einsatz bei Narkolepsie (1998) sowie bei exzessiver Tagesschläfrigkeit im Zusammenhang mit der Schlafapnoe (2003) und dem schweren chronischen Schichtarbeitersyndrom. Als Mittel der Wahl nennt es die European Federation of Neurological Sciences (EFNS) in ihrer 2006 veröffentlichten Leitlinie zur Behandlung der Narkolepsie. »Dann folgt Methyl-phenidat«, sagte Mayer, »an dritter Stelle Natriumoxybat.« Dieses Natriumsalz der Gamma-Hydroxybuttersäure kommt auch physiologisch als Botenstoff vor, vermittelt seine Effekte offenbar über die Freisetzung anderer Neurotransmitter und lindert verschiedene Symptome der Narkolepsie. So verbesserte es in klinischen Studien auch den Nachtschlaf und reduzierte die Häufigkeit von Kataplexien. »Gegen die Kataplexien kommt auch eine Vielzahl von Antidepressiva als Dauermedikation zum Einsatz«, sagte Mayer. »Sie entfalten ihre Wirkung über eine Hemmung von REM-Phänomenen und lindern auch damit verknüpfte Symptome wie Schlaflähmungen und Halluzinationen. Sie dürfen nie abrupt abgesetzt werden, ansonsten kann es reaktiv zu besonders starken Kataplexien kommen.«

 

Standbein Verhaltenstherapie

 

Über den richtigen Einsatz der hochwirksamen und nebenwirkungsreichen Medikamente seien die Patienten also gründlich aufzuklären. »Auch darf sich die Therapie nie allein auf  Arzneimittel stützen«, ergänzte Konermann. Die meisten Hypersomnien erzeugten einen erheblichen Leidensdruck, der auch eine psychologische Betreuung erfordere. »Jeder Patient sollte zudem im Umgang mit seiner Schlaf-Wach-Störung geschult werden«, sagte Konermann. »Er muss im Zuge einer Verhaltenstherapie lernen, seinen Tagesablauf entsprechend seiner aktuellen Situation einzurichten, gefährliche Situationen und ungewolltes Einschlafen zu verhindern.«

 

So kämen Betroffene frischer durch den Tag, wenn sie drei- bis viermal ein circa 15- bis 20-minütiges Nickrechen einlegten. Mit einem solchen könnten sie sich auch für Aktivitäten rüsten, die ein hohes Maß an Wachheit erfordern. »Dass nach Möglichkeit die allgemeinen Regeln der Schlafhygiene eingehalten werden sollten, ist selbstverständlich.« Dazu zählt, möglichst regelmäßig aufzustehen und schlafenzugehen. Kurz vorher sollte kein opulentes Mahl, Kaffee- oder Nikotingenuss mehr stattfinden. Tagaktive Tätigkeiten wie fernsehen, essen, lesen, telefonieren haben im Bettt nichts suchen. Wer nicht ein- oder durchschlafen kann, sollte aufstehen und sich eine eintönige, müde machende Beschäftigung suchen.

 

Flacke sagt, er suche immer noch nach einem Weg, um nachts richtig durchzuschlafen. Ansonsten kann er seit der Frühberentung seinen Alltag fast ohne Medikamente meistern. Um anderen zu helfen, sich mit dem Leiden zu arrangieren, arbeitet er im Vorstand der Deutschen Narkolepsie Gesellschaft. Er engagiert sich aber auch aus einem anderen Grund: »Ich möchte die Intoleranz aufbrechen, die Patienten mit Tagesschläfrigkeit entgegengebracht wird.« In dieser Hinsicht könnten die »normalen Menschen« allmählich aufwachen.

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