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Humanes Pegivirus

Der Freund unter den Feinden

05.10.2016
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Von Judith Mielke / Die Meinung der Menschheit ist eindeutig: Viren sind gefährlich, nicht selten sogar tödlich. Ein Vertreter scheint allerdings eine Ausnahme darzustellen. Das humane Pegivirus macht nach derzeitigen Erkenntnissen nicht krank und scheint sogar vor anderen Infektionen zu schützen.

Noch ist wenig bekannt über das humane Pegivirus (HPgV). Es handelt sich um ein behülltes einzelsträngiges RNA- Virus aus der Familie der Flaviviridae, das Mitte der 1990er-Jahre entdeckt wurde. Ursprünglich wurde es für ein Hepatitis auslösendes Virus gehalten, da es mit dem Hepatitis-C-Virus (HCV) verwandt ist und aus dem Blut eines Patienten mit aktiver Hepatitis isoliert wurde. Nach den Initialen des Patienten erhielt es zunächst den Namen GB-Virus (GBV).

 

Die genaue Untersuchung ergab aber bald, dass es nicht der Auslöser der Leberentzündung war. Bis heute konnte HPgV nicht eindeutig als Verursacher einer Krankheit oder von Symptomen bei Menschen ausgemacht werden, obwohl Hochrechnungen ergaben, dass 1,5 bis 2,5 Milliarden Menschen auf der Welt zurzeit eine Infek­tion mit HPgV durchmachen oder zu einem früheren Zeitpunkt bereits durchgemacht haben.

Wie das verwandte HCV kann auch das HPgV in das Stadium einer persistierenden Infektion übergehen. Allerdings ist die Quote mit circa 25 Prozent der Infektionen deutlich geringer. Bei 75 Prozent der Infizierten heilt die Infektion innerhalb von zwei Jahren komplett aus (»Journal of General Virology«, 2015, DOI: 10.1099/vir.0.000086). Übertragen wird das humane Pegivirus durch sexuelle und Blutkontakte sowie in der Schwangerschaft von der Mutter auf das ungeborene Kind. Bei Personen mit einem erhöhten Risiko für sexuell oder über Blut übertragbare Erkrankungen liegt die Prävalenz höher als in der Durchschnittsbevölkerung. Entsprechend häufig sind Koinfektionen mit HIV oder HCV.

 

Das Good-Boy-Virus

 

Diese Konstellation scheint gar nicht so ungünstig zu sein. Mehreren Studien zufolge hat eine persistierende Infek­tion mit dem humanen Pegivirus bei HIV-Positiven eine schützende Wirkung: Die Patienten haben eine höhere Anzahl von CD4+-T-Zellen, eine geringere HIV-Viruslast im Blut und zeigen eine verzögerte Progression der Krankheit zu Aids. Einer Metaanalyse von Forschern um Professor Dr. Weizhou Zhang von der Universität Iowa zufolge ist auch die Mortalität dieser Patientengruppe 2,5-fach verringert (»HIV Medicine«, 2006, DOI: 10.1111/j.1468- 1293.2006.00366.x).

 

HPgV-positive Patienten scheinen auch besser auf antiretrovirale Medikamente anzusprechen. Und die Übertragungsrate von HIV bei der Geburt ist herabgesetzt, wenn das Kind Träger des humanen Pegivirus ist (»Trends in Microbiology«,2012, DOI: 10.1016/j.tim.2012.01.004). Diese positiven Wirkungen brachten dem Virus den Spitznamen »Good Boy« ein.

 

Obwohl die positiven Effekte bei HIV-Koinfektion in zahlreichen Studien belegt werden konnten, sind die Mechanismen, die diese verursachen, bislang nicht vollständig geklärt. Ein Grund hierfür ist, dass HPgV nicht leicht in Zellkultur zu vermehren ist, was die Erforschung der Zusammenhänge im Labor erschwert. Erst seit Kurzem steht ein Tiermodell zur Verfügung, das seine Zuverlässigkeit und die Übertragbarkeit der Ergebnisse auf den Menschen noch unter Beweis stellen muss.

 

Vermutet wird jedoch, dass die positive Wirkung nicht auf einen einzelnen Effekt zurückzuführen ist, sondern wahrscheinlich mehrere Ursachen hat. Dazu gehören die veränderte Expression der HIV-Eintrittsrezeptoren, die Hemmung der HIV-Reproduktion und die verminderte Aktivierung des Immunsystems und der T-Zell-Prolifera­tion. Gerade die entzündungshemmende Wirkung von HPgV lässt vermuten, dass es auch in Zusammenhang mit anderen Erkrankungen und Infektionen eine positive Wirkung haben könnte.

 

Auf Ebola scheint dies zuzutreffen. Wie Forscher um Michael Lauck von der University of Wisconsin-Madison 2015 im »Journal of Virology« berichteten, hatten HPgV-positive Ebolapatienten eine höhere Überlebenswahrscheinlichkeit als HPgV-negative (DOI: 10.1128/JVI.02752-14). Ihre Untersuchungen hatten die Forscher während des Ebola­ausbruchs in Westafrika vorgenommen. In den drei am stärksten von der Epidemie betroffenen Ländern Sierra Leone, Liberia und Guinea liegt die Prävalenz des humanen Pegivirus bei 10 bis 28 Prozent der Bevölkerung. Entsprechend hoch war die Wahrscheinlichkeit für Koinfektionen.

 

Von 49 untersuchten Ebolapatienten wiesen tatsächlich 13 auch eine HPgV-Infektion auf. Bei den HPgV-positiven Ebolapatienten lag die Mortalität mit 47 Prozent deutlich niedriger als bei den HPgV-negativen Patienten mit 78 Prozent. Doch ein ausreichender Beleg für einen positiven Effekt einer Koinfektion bei Ebola ist diese Unter­suchung nicht, denn die Fallzahl war klein und die Möglichkeit besteht, dass der beobachtete Effekt auf andere Patientenmerkmale wie niedrigeres Alter oder den allgemeinen körperlichen Gesundheitszustand der Erkrankten zurückzuführen ist, so die Autoren.

 

Vor- und Nachteile

 

Während die geringe Veränderung der Immunantworten durch das humane Pegivirus bei Infektionen einen positiven Effekt zu haben scheint, könnte der Eingriff in das Immunsystem aber auch negative Folgen haben. Einer Untersuchung aus dem Jahr 2014 zufolge gibt es einen Zusammenhang zwischen einer HPgV-Infektion und einer Krebsart des lymphatischen Systems, dem Non-Hodgkin-Lymphom. Wie Forscher um Dr. Cindy Chang vom National Cancer Institute im Journal »Cancer Research« berichteten, war eine akute HPgV-Infektion mit einem erhöhten Risiko für die Krebsart assoziiert (2014, DOI: 10.1158/0008-5472.CAN-14-0209). Einen Beleg für einen kausalen Zusammenhang stellt die Fall-Kontroll-Studie aber nicht dar. Die Forscher fordern, den Einfluss des Virus auf das Immunsystem weiter zu untersuchen.

 

Das wäre auch sinnvoll mit Blick auf die Tatsache, dass Blutprodukte nicht auf HPgV getestet werden und allein in den USA täglich circa 1000 Bluttrans­fusionen verabreicht werden, die HPgV enthalten, schreiben die Autoren. Die positiven und negativen Effekte des Virus müssen noch in umfangreichen Studien untersucht werden. /

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