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BAH-Jahresversammlung

Hersteller umgarnen die Apotheker

04.10.2011
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Von Werner Kurzlechner, Berlin / Gemeinsam mit der Kassenärztlichen Bundesvereinigung arbeitet die ABDA an einem Katalog wirtschaftlicher Medikationen. Für die Pharmaindustrie offenbar Grund genug, die Apothekerschaft mit Nachdruck zu umwerben.

Die Apotheker werden derzeit in der gesundheitspolitischen Arena geradezu umgarnt. Diesen Eindruck konnte man vergangene Woche in Berlin bei der Jahreshauptversammlung des Bundesverbandes der Arzneimittel-Hersteller (BAH) gewinnen.

Dort wetterte der Verbandsvorsitzende Hans-Georg Hoffmann gegen die Gesundheitspolitik der schwarz-gelben Koalition: konkret gegen »mittelstandsfeindliche und ein Oligopol begünstigende Rabattverträge«, deren Abschaffung der BAH fordert; gegen »dirigistische Zwangsmaßnahmen« wie Preismoratorium und erhöhten Herstellerzwangsrabatt, die die Hersteller jährlich mit 1,15 Milliarden Euro belasteten; gegen bürokratische Hürden, die die Mehrkostenregelung zum Gusto der Krankenkassen ins Leere laufen ließen; gegen das AMNOG (Arzneimittelmarkt-Neuordnunggesetz) und die mit ihm einhergehende Aufweichung der Trennung von gesetzlicher und privater Krankenversicherung (GKV und PKV).

 

Offensive gegen die Politik

 

Hoffmann kündigte eine Offensive gegen die »Irrungen und Wirrungen« der Arzneimittelpolitik an. Insbesondere die Apothekerschaft lud der BAH ein, sich an der Kampagne »gegen die Bagatellisierung und für die Werthaltigkeit des Arzneimittels« zu beteiligen. Ohnehin fand Hoffmann für die Pharmazeuten nur freundliche Worte, nicht jedoch für Versammlungsgast Jens Spahn, gesundheitspolitischer Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag. »Leider ist unser Vertrauen weitgehend aufgebraucht«, drohte der BAH-Vorsitzende der Politik.

 

Spahn äußerte sich »verwundert« über diese Aussage und bekräftigte sein Interesse an einer Fortsetzung des »konstruktiven Dialogs« mit dem BAH, wenngleich die Politik die Forderung von Lobbyverbänden nie zu 100 Prozent übernehmen könne. Dann setzte er zur dreiteiligen Rechtfertigung an.

 

Erstens das Eingeständnis, bei kurzfristigen Sparmaßnahmen in der GKV »in den Instrumentenkasten von Ulla Schmidt« gegriffen zu haben. Zweitens das überzeugte Eigenlob, grundsätzlich an den richtigen Schrauben zu drehen: Die flächendeckende Versorgung als Qualitätsmerkmal des bundesdeutschen Gesundheitssystem wolle man mit dem neuen Versorgungsstrukturgesetz sicherstellen; den Zugang zu innovativen Arzneimitteln habe man so direkt wie fast nirgendwo auf der Welt belassen, mit dem AMNOG aber das Prinzip der einseitigen Preisfestsetzung beendet.

 

Spahn: Versuch und Irrtum

 

So wie die Rente mit 67 wohl nur von der SPD und das Außerkraftsetzen der Wehrpflicht nur von der CDU habe politisch durchgesetzt werden können, sei dieser wegweisende Schritt nur unter Flagge der FDP möglich gewesen. »Die Balance ist uns alles in allem gelungen«, so Spahn. Drittens aber das offene Bekenntnis, dass bei grundlegenden Veränderungen auch viel Versuch und Irrtum dabei und die Politik auf Mithilfe der Akteure angewiesen ist.

In diesem Zusammenhang lobte Spahn ausdrücklich die Zusammenarbeit von ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände und KBV (Kassenärztliche Bundesvereinigung) bei der gemeinsamen Erarbeitung eines Medikationskatalogs. Dieses seltene Miteinander von Apothekern und Ärzten habe auf jeden Fall die Chance verdient, sich in mindestens einem Modellkassenbezirk zu bewähren – das Umwerben der Apotheker durch die Pharmaindustrie darf wohl getrost in diesen Kontext eingeordnet werden.

 

Ansonsten verhehlte Spahn nicht, dass die Koalition einiges nachzuarbeiten hat. Die Generikahersteller dürfen darauf hoffen, nicht weiter belastet zu werden: »Diese Zitrone war ziemlich dick, ist jetzt aber ausgequetscht«, so der Politiker. Die im Rahmen des AMNOG derzeit brisante Frage, wie der nachzuweisende Zusatznutzen neuer Medikamente genau zu fassen ist, bedürfe womöglich ebenfalls der Nachjustierung, gab Spahn zu.

 

Wie rigide und wenig patientenfreundlich das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) hier eingestellt ist, bekräftigte dessen Leiter Professor Dr. Jürgen Windeler, der unter Berufung auf das Sozialgesetzbuch Unterstützung der Compliance als Kriterium ausschloss. /

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