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Union

Rollende Apotheken gibt es schon heute

10.09.2013
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Von Stephanie Schersch und Ev Tebroke, Berlin / Die Union will die Kompetenz des Apothekers künftig noch stärker im Gesundheitswesen nutzen. Ihr gesundheitspolitischer Sprecher kann sich vor diesem Hintergrund vorstellen, bestimmte Betreuungsleistungen in Zukunft gesondert zu honorieren. Mit der PZ sprach Jens Spahn (CDU) außerdem über exklusive Rabattverträge, die Macht der Krankenkassen und die Bedeutung rollender Apotheken.

PZ: Die Union möchte die flächendeckende Arzneimittelversorgung auch mithilfe »rollender Apotheken« sicherstellen, so steht es im Wahlprogramm. Allerdings wehren sich Unionspolitiker vehement gegen die Behauptung, damit seien Apothekenbusse gemeint. Was steckt denn nun hinter dieser Formulierung?

Spahn: Ich kann diese ganze aufgeregte Debatte nicht nachvollziehen. Uns geht es im Kern lediglich um die Frage, wie wir die Arzneimittelversorgung im ländlichen Raum auch in Zukunft sicherstellen können. Mit Rezeptsammelstellen, Versandhandel und Botendienst gibt es bereits Lösungen, die zum Teil sehr erfolgreich eingesetzt werden. Rollende Apothekenangebote gibt es schon heute, denn die allermeisten Apotheken liefern ihren Patienten bei Bedarf Medikamente nach Hause.

 

PZ: Mit den rollenden Apotheken soll also nichts anderes als der reguläre Botendienst gemeint sein?

 

Spahn: Etwas anderes beabsichtigen wir nicht. Allerdings müssen wir auch auf künftige Herausforderungen reagieren und überlegen, wie wir die Versorgung in zehn bis zwanzig Jahren auf dem Land sicherstellen wollen. Hier müssen wir zusammen mit den Apothekern auch über neue Konzepte nachdenken.

 

PZ: DocMorris scheint Ihre Idee der rollenden Apotheke anders zu interpretieren und kurvt seit Kurzem mit einem eigenen Apothekenbus durchs Land.

 

Spahn: So lange sie dort nicht widerrechtlich Medikamente verkaufen, dürfen sie in einem freien Land kurven, wo sie wollen. Wir jedenfalls wollen die flächendeckende Versorgung mit den Apothekern sicherstellen und nicht gegen sie. Ich denke, das haben wir in den vergangenen vier Jahren auch sehr deutlich gezeigt. In Zukunft wollen wir die Kompetenz des Apothekers im Gesundheitswesen sogar noch stärker nutzen.

 

PZ: Wie stellen Sie sich das vor?

 

Spahn: In vielen Krankenhäusern ist der Apotheker bereits heute regelmäßig bei Visiten dabei und bringt seine Kompetenz als Arzneimittelfachmann in die Therapie ein. Eine solche Rückkoppelung zwischen Arzt und Apotheker wünsche ich mir auch in anderen Bereichen. Vor diesem Hintergrund hoffe ich, dass das gemeinsame Versorgungsmodell von ABDA und Kassenärztlicher Bundesvereinigung weiter vorankommt. Apotheker bieten ihren Patienten zudem einen niedrigschwelligen Zugang zu Beratung in vielen Gesundheitsfragen. Diese Kompetenz sollten wir stärker nutzen.

 

PZ: Union und FDP haben vor Kurzem mit der Notdienstpauschale ein Extra-Honorar für eine bislang völlig unterfinanzierte Leistung eingeführt. Können Sie sich ähnliche Vergütungselemente auch für andere Leistungen der Apotheker vorstellen?

 

Spahn: Ja, Handlungsbedarf sehe ich vor allem bei der Betäubungsmittelgebühr. Hier hätten wir gerne schon in dieser Legislaturperiode eine Anpassung vorgenommen. Es war aber absehbar, dass insbesondere die SPD diesen Schritt im Bundesrat blockieren würde.

 

PZ: Derzeit ist das Fixhonorar der Apotheker an die reine Abgabe eines Arzneimittels gebunden. Möchten Sie daran festhalten? Beim Apothekertag 2012 haben Sie angedeutet, man könne das Honorar künftig stärker an die Beratung und Betreuung durch den Apotheker knüpfen.

 

Spahn: Eine Honorierung, die sich nur an der Abgabe des Arzneimittels orientiert, bildet die Kompetenz der Apotheker nicht ausreichend ab. Ich kann mir daher gut vorstellen, künftig auch Betreuungsleistungen wie zum Beispiel das Medikationsmanagement gesondert zu honorieren. Hier warten wir endlich auf eine erste Umsetzung des ABDA-KBV-Modells.

 

PZ: Heißt das, Sie wollen bestimmte Leistungen zusätzlich honorieren, oder soll es lediglich eine Umschichtung einzelner Honorarbestandteile geben?

 

Spahn: Wir befinden uns derzeit aufgrund der Rücklagen in der Gesetzlichen Krankenversicherung in einer sehr komfortablen Situation. Die Apotheker haben davon bereits mit der Notdienstpauschale und der Anhebung der Fixzuschlags profitiert. Auch in Zukunft wollen wir gezielt in die Qualität der Versorgung investieren. Wenn also gute und schlüssige Vergütungskonzepte auf dem Tisch liegen, kann man über vieles reden.

 

PZ: Wie sieht es mit einer Dynamisierung des Fixhonorars aus? Die Apotheker wünschen sich, dass die regelmäßige Anpassung ihres Honorars künftig verpflichtend im Gesetz steht.

 

Spahn: Dass die Vergütung regelmäßig überprüft werden soll, steht ja bereits im Gesetz. Ich kann mir grundsätzlich vorstellen, auch die Parameter genauer festzuschreiben, die als Basis für eine Anpassung dienen sollen. Über diese Kriterien müsste man in Ruhe beraten.

 

PZ: Beim Apothekenabschlag gab es in den letzen Jahren immer wieder Streit zwischen Kassen und Apothekern. Auch vor dem aktuellen Kompromiss stand zunächst die Mediation durch einen unabhängigen Dritten. Ist der Weg über die Selbstverwaltung beim Abschlag gescheitert?

 

Spahn: Ich bin grundsätzlich ein Freund der Selbstverwaltung. Die Verhandlungspartner sind schließlich immer näher am Geschehen als die Politik. Natürlich funktioniert Selbstverwaltung aber nur dann, wenn beide Seiten den Willen zur Einigung haben. Die vermisse ich beim GKV-Spitzenverband manches Mal. Andernfalls muss die Politik entscheiden. Auf Dauer scheint es mir nicht sinnvoll, dass wir beim Apothekenhonorar mit Abschlag und Fixhonorar zwei Stellschrauben haben. Hier sollten wir künftig eine Komponente fixieren und das könnte der Abschlag sein.

 

PZ: Der Apothekenabschlag ist nicht der einzige Punkt, in dem die Selbstverwaltung keine Lösung findet. Derzeit streiten Apotheker und Kassen zum Beispiel auch über die Aut-idem-Liste. Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) hat vor diesem Hintergrund kürzlich die Macht des GKV-Spitzenverbands kritisiert. Teilen Sie diese Einschätzung?

 

Spahn: Der GKV-Spitzenverband braucht in jedem Fall eine stärkere Rückkoppelung zu den Mitgliedskassen. Die Verantwortlichen der einzelnen Kassen haben oftmals einen ganz anderen Blick auf die Dinge als der GKV-Spitzenverband selbst. In Zukunft muss der Verband wieder stärker die Interessen seiner Mitglieder vertreten und die Interessen der Patienten im Blick haben.

PZ: Für die Einführung der frühen Nutzenbewertung hat Schwarz-Gelb selbst aus der Opposition viel Lob geerntet. Das Verfahren wurde von allen Seiten dabei immer wieder als lernendes System bezeichnet. Wo sehen Sie mehr als zwei Jahre nach Einführung des Arzneimittelmark-Neuordnungsgesetzes (AMNOG) Nachbesserungsbedarf?

 

Spahn: Die frühe Nutzenbewertung hat sich bereits als lernendes System bewiesen. Dennoch gibt es Punkte, die wir uns noch einmal genau anschauen müssen. In Versorgungsbereichen, in denen es schon lange keine Innovationen mehr gab, zum Beispiel bei Antibiotika, kann als Vergleichstherapie nur ein günstiges Generikum herangezogen werden. Für den Nutzenvergleich ist das kein Problem, das Generikum sollte aber nicht Basis für die Preisverhandlungen sein. Denn sonst werden die Preise für Innovationen künstlich gedrückt, sodass sich Investitionen für Hersteller nicht lohnen.

 

PZ: Im vergangenen Herbst gab es in einigen Teilen Deutschlands zu wenig Grippeimpfstoffe. Grund waren Lieferschwierigkeiten beim Hersteller Novartis, mit dem viele Kassen exklusive Rabattverträge geschlossen hatten. In der Koalition gab es daraufhin Überlegungen, Exklusivausschreibungen zu verbieten. Dieses Vorhaben ist offensichtlich im Sande verlaufen.

 

Spahn: Wir haben die Kassen per Gesetz dazu verpflichtet, bei Ausschreibungen die Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Im Idealfall sollten sie also auf mehr als einen Anbieter setzen. Ich hoffe, dass alle aus dem Debakel im vergangenen Herbst gelernt haben. Sollte es in diesem Jahr ein ähnliches Chaos geben, würden wir sicherlich nicht tatenlos zuschauen.

 

PZ: Was meinen Sie damit?

 

Spahn: Wir müssten zu dem Schluss kommen, dass die Kassen mit dem In­strument der Ausschreibung nicht verantwortungsvoll umgehen können. Und dann müsste es wegfallen.

 

PZ: Diese Legislaturperiode war für die Apotheker insbesondere mit Blick auf das AMNOG mit großen Einschnitten verbunden. Worauf müssen sie sich einstellen, sollten Union und FDP ihre Koalition in den kommenden vier Jahren fortführen?

 

Spahn: Wir wollen uns auch in der nächsten Legislaturperiode weiter verstärkt Versorgungsthemen widmen. Dazu gehört auch das Medikationsmanagement in der Apotheke, das wir fördern wollen. Außerdem sollte es darum gehen, die Zusammenarbeit der Gesundheitsberufe zu stärken. Letztlich ist eine gute Versorgung nur gemeinsam mit allen Leistungserbringern möglich, nicht gegen sie. /

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