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Expopharm-Eröffnung

Becker fordert

23.09.2014
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»Unsere Erfahrung einer ersten Honorarerhöhung nach fast zehn Jahren ist eine absolute Zumutung«, sagte der Vorsitzende des Deutschen Apothekerverbandes (DAV), Fritz Becker, bei der Eröffnungsveranstaltung der Expopharm am 17. September in München. Eine unverzügliche Anhebung des Hono­rars verbunden mit einer regelmäßigen Überprüfung sei zwingend notwendig. Dabei müsse die Kostenentwicklung wie bei Ärzten oder Krankenhäusern jährlich berücksichtigt und in das Honorar eingepreist werden. Entgegen der bisherigen Anpassungssystematik müssten sich auch Leistungssteigerungen in einer Honorar­erhöhung niederschlagen.

Gleichzeitig forderte Becker deutlich höhere Preise für Rezepturen und BtM-Arzneimittel. Die aktuellen Honorarsätze lägen klar unter den in den Apotheken anfallenden Kosten. Außerdem müsse die Beratung bei der Abgabe dieser Arzneimittel genauso honoriert werden wie die Beratung von Apothekenkunden, die ein Fertigarzneimittel erwerben.

 

Auch beim Inkasso für Krankenkassen fordert Becker ein Honorar für die Apotheker. Diese bislang kostenlose Leistung spart den Kassen mehr als eine Milliarde Euro pro Jahr. Für Becker steht deshalb fest: »Das darf keine Gratis-Leistung der Apotheken bleiben. Ein Disago in der Höhe von 5 Prozent des von der Apotheke beim Hersteller einzuholenden Abschlags als Honorierung dieser Leistung erscheint uns absolut angemessen.«

 

Handlungsbedarf sieht Becker auch beim Nacht- und Notdienstfonds. Dessen Finanzierung müsse angehoben werden und zwar von 16 auf 20 Cent pro Arzneimittelpackung. Nur dann seien die von der Politik zugesagten 120 Millionen Euro zu erreichen. Die Unterdeckung aus den Jahren 2013 und 2014 müsse ebenfalls noch abgebaut werden. Mit der Einrichtung des Fonds insgesamt ist Becker allerdings zufrieden. Abgesehen von der Korrektur bei der Finanzierung laufe der reibungslos. »Es freut mich zu sehen, wie eine sinnvoll und effizient konzipierte Idee fachgerecht und kompetent umgesetzt wird«, sagte Becker. Der Fonds stabilisiert die flächendeckende Nacht- und Notdienstversorgung. Er werde seinem Auftrag gerecht.

 

Becker redete aber nicht nur über Geld. Genauso wichtig sei den Apothekern die Weiterentwicklung des Gesundheitssystems. Dieses müsse nicht auf kurzsichtige maximale Einsparungen sondern auf langfristige Leistungsfähigkeit ausgerichtet sein. Die Apotheker wollten in den kommenden Jahren einen erheblichen Beitrag dazu leisten. Ein Ansatz dafür sei das Präventionsgesetz. Becker: »Hier wollen wir die Rolle der Apotheke beim Entdecken von Impflücken deutlich ausbauen«, sagte Becker. Impf-Checks könnten einen wichtigen Beitrag dazu leisten. Die Apotheke als niederschwellige Institution im Gesundheitswesen sei für solche Aufgaben besonders gut geeignet.

 

Der DAV-Chef ließ keine Zweifel daran, dass die Zusammenarbeit mit den Krankenkassen immer noch Verbesserungspotenzial birgt. Er nannte aber auch gute Momente der Kooperation. Becker: »Es ist bemerkenswert und überaus erfreulich, dass sich der DAV und der GKV-Spitzenverband darauf verständigt haben, gemeinsam an die Politik heranzutreten, um die Parallelität der Anpassung von Fixentgeltung bei der Arzneimittelpreisverordnung und GKV-Abschlag aufzuheben.« Der zuletzt vereinbarte Wert von 1,77 soll dauerhaft festgeschrieben werden. Veränderungen bei der Apotheker-Honorierung wird es bei verschreibungspflichtigen Arzneimitteln dann nur noch über die Arzneimittelpreisverordnung geben.

 

Dass es mit den Kassen auch schlechter gehen kann, belegte Becker am Beispiel der Retaxationen. Die Null-Retaxationen wegen kleinster – oft noch vom Arzt verschuldeter – Formfehler sei »eine völlig unangemessene Maßnahme«. Im Jahr 2013 hätten Apotheker und GKV-Spitzenverband ausführlich über eine Regelung zu Retaxationen auf Null verhandelt. Am Ende sei eine Lösung am Widerstand der Kassen gescheitert. Nun sei die Politik am Zug. Es müsse zumindest klar sein, dass den Apothekern zumindest der Warenwert erstattet wird.

Ebenfalls um Retaxationen geht es bei der AOK-Zytostatika-Ausschreibung in Hessen. Dort hat die AOK die Versorgung in die Hand einiger weniger Apotheken gegeben. Apotheken, die an der Ausschreibung nicht teilgenommen haben oder leer ausgegangen sind, werden von der Kasse auf Null retaxiert. Becker kritisierte dies heftig: »Das ist für uns absolut inakzeptabel. Diesen Apotheken darf nicht die Lieferberechtigung abgesprochen werden.« Immerhin hätten bereits die Sozialgerichte in Darmstadt und Marburg das Recht der freien Apothekenwahl gestärkt.

 

Besser als mit den Kassen arbeitet der DAV derzeit mit Großhandel und Softwarehäusern zusammen. Mit MSV3 sei ein neues Bestellverfahren beim Großhandel entwickelt worden. Das System erleichtere Bestellungen deutlich. Und auch mit der pharmazeutischen Indus­trie haben die Apotheker ein wichtiges Projekt. Das Gemeinschaftsunternehmen Securpharm soll bis 2018 ein System aufbauen, in dem ein Arzneimittel von der Herstellung bis zur Abgabe an den Patienten eindeutig identifizierbar ist und somit Fälschungen besser erkannt werden können.

 

Die guten Beziehungen zwischen Apothekern und den Vertretern der pharmazeutischen Industrie spiegelten sich auch in den Grußworten der Marktpartner wider. In den vergangenen Jahren kam es bei der Expopharm-Eröffnung immer wieder zu Konfrontationen zwischen Industrie, Großhandel und Apothekern. Davon war in diesem Jahr in München überhaupt nichts zu bemerken.

 

Die Expopharm ist mit rund 500 Ausstellern und erwarteten 25 000 Besuchern die größte pharmazeutische Fachmesse Europas. Sie startet heute und schließt am 20. September ihre Tore wieder. /

Kommentar

Dalli Dalli

Null-Retaxationen, Festbetragsabsenkung und Co.: Am laufenden Band bekommen wir Apotheker immer wieder neue Dinge präsentiert. Leider ist es nicht wie in der ehemaligen Unterhaltungs-Show. Denn etwas zu gewinnen gibt es für uns hierbei nicht. Stattdessen haben wir häufig sogar unfreiwillig den Zonk gezogen. Auch die Parallelen zu anderen TV-Sendungen sind nicht zu übersehen. Sicher: »Wer wird Millionär?« müsste eigentlich »Wer wird Milliardär?« heißen. Denn beim Inkasso für die GKV ermöglichen wir den »Sparkassen« Erträge von mehr als einer Milliarde Euro. Und wer fällt dabei auf Null zurück? Richtig! Wir gehen ungerechterweise leer aus.

 

Wir sind auch bestimmt nicht der Meinung »Das war spitze«, wenn man auf die Blockadehaltung des GKV-Spitzenverbandes in Sachen Substitutionsliste oder auf die Absenkung der Festbeträge blickt. Letztere bedeutet zum Beispiel Zu- und Mehrzahlungen für die Patienten, die deswegen auch keine Luftsprünge machen. Statt zu den eigenen unpopulären Entscheidungen zu stehen, schweigen die Kassen und nun müssen die Offizin­apotheker wieder ausbaden, was andere verbockt haben.

 

Dalli Dalli! Bewegt euch, liebe Kassen! Denn auch ihr seid für die Gesundheit der Versicherten mit verantwortlich. Fügt euch besser ins Team der Leistungserbringer im Gesundheitswesen ein und seid fair zu den anderen! Denn würdet ihr zusammen mit allen Beteiligten im Big-Brother-Haus sitzen, hätten ihr momentan gute Chancen, als Erste von allen für die Abwahlliste nominiert zu werden. Das ist doch auch kein schönes Gefühl, oder?!

 

Sven Siebenand
Stellvertretender Chefredakteur

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