Pharmazeutische Zeitung online
Hilfsmittel

Verkauf von Teststreifen boomt

23.09.2008
Datenschutz bei der PZ

Hilfsmittel

Verkauf von Teststreifen boomt

Von Martina Janning

 

Die Ausgaben der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) für Heil- und Hilfsmittel steigen inzwischen stärker als für andere Posten. Diabetes-Teststreifen, die zum großen Teil von Apotheken abgegeben werden, tragen dazu bei, zeigt eine Studie der Gmünder Ersatzkasse.

 

Die Gmünder Ersatzkasse (GEK) hat im Jahr 2007 gegenüber dem Vorjahr 5,56 Prozent mehr für Heilmittel wie Physiotherapie, Logopädie und Ergotherapie ausgegeben. Für Hilfsmittel, zu denen etwa Bandagen, Schuheinlagen und Hörgeräte zählen, musste die Krankenkasse sogar 9,45 Prozent mehr berappen. So gab die GEK im vergangenen Jahr 81 Millionen für Hilfsmittel und 83 Millionen für Heilmittel aus. Beide zusammen belegen damit Rang vier der GEK-Gesamtausgaben hinter den Posten Krankenhäuser, Arzneimittel und Ärztehonorare.

 

»Heil- und Hilfsmittel kommen immer häufiger zum Einsatz und verzeichnen mittlerweile höhere Ausgabenzuwächse als Ärzte und Krankenhäuser«, berichtete GEK-Vorstandsvorsitzender Rolf-Ulrich Schlenker bei der Vorstellung des Heil- und Hilfsmittel-Reports 2008 in Berlin. Verantwortlich dafür sei die wachsende Zahl älterer Menschen in Deutschland.

 

Bei den Heilmitteln belegten die Ausgaben für Physiotherapien mit 61,1 Millionen Euro Platz eins. Die Aufwendungen für jeden Versicherten kletterten dabei deutlich um 6,24 Prozent gegenüber dem Jahr 2006. Zum Vergleich: Für Ergotherapien stiegen die Kosten pro Versichertem um 2,39 Prozent, für Logopädie um 3,58 Prozent. Insgesamt investierte die GEK in Ergotherapien 11,7 Millionen Euro, in Sprachtherapien 9,6 Millionen Euro.

 

Kritik an hohen Verordnungszahlen

 

Am stärksten wuchsen die Ausgaben für podologische Leistungen mit 47,93 Prozent pro Versichertem. Dies sei aber ein gewünschter Effekt, erklärte der Autor der Studie, Professor Dr. Gerd Glaeske vom Zentrum für Sozialpolitik der Universität Bremen.

 

Das Plus resultiere aus der höheren Inanspruchnahme, besonders durch Diabetiker. Podologische Behandlungen können Spätschäden an Füßen durch schlecht heilende Wunden oder Verletzungen bei der Fußpflege verhindern. Beides führe noch immer zu rund 30.000 Amputationen von Zehen oder Vorderfüßen im Jahr, berichtete Glaeske. Die Analyse der Verordnungen von Hilfsmitteln ergab, dass ihre Zahl mit dem Alter der Versicherten zunimmt. Etwa 18,5 Prozent der 50- bis unter 60-Jährigen und 45 Prozent der 80- bis unter 90-Jährigen bekamen Hilfsmittel verordnet.

 

Als einen Schwerpunkt bei den Hilfsmitteln untersuchten Glaeske und sein Team die Verordnung von Diabetes-Teststreifen. Dabei stießen sie auf eine Verschiebung zugunsten von Apotheken: In den Jahren 2003 bis 2007 nahm die Zahl der Versicherten, die ihre Teststreifen allein über eine Apotheke bezogen, um fast 60 Prozent zu, während sie bei den sonstigen Leistungserbringern um 8,7 Prozent und Kombinationen um 18,8 Prozent abnahmen. Die Menge der Rezepte, die über Apotheken abgerechnet wurden, stieg von rund 65.000 im Jahr 2003 auf über 90.000 im Jahr 2007. Die Anzahl der über andere abgerechneten Verordnungen von Teststreifen sank von knapp 24.000 in 2003 auf unter 19.000 im Jahr 2007.

 

Kritik übte Glaeske an den »erstaunlich hohen Verordnungsmengen«. Von 2003 bis 2007 beglich die GEK rund 500.000 Rezepte für über 73 Millionen Teststreifen. »Diese Mengen sind therapeutisch fragwürdig«, urteilte der Experte. In einem Extremfall etwa erhielt ein Versicherter im Jahr 2007 über 10.000 Diabetes-Teststreifen.

 

Damit hätte er rund 30 Mal am Tag seinen Blutzuckerspiegel messen können. In der Regel überprüfen Diabetiker ihren Blutzuckerwert nur drei- bis viermal täglich.

 

Ärzte- und Apotheken-Hopping

 

Bei den Beispielen ausgeprägter Überversorgung stellten die Forscher eine große Anzahl an beteiligten Ärzten und Leistungsanbietern fest. Das bedeute, dass Versicherte »Ärzte- beziehungsweise Apotheken-Hopping« betreiben. Dieses Verhalten erschwere eine Intervention, resümieren die Wissenschaftler in ihrem Bericht.

 

Mehr Einflusspotenzial sprechen sie einer weiteren Auffälligkeit zu: Bei den am häufigsten eingesetzten Diabetes-Teststreifen existieren große Preisdifferenzen pro Packung. Am höchsten waren die durchschnittlichen Preise bei den sonstigen Leistungserbringern, am niedrigsten bei Versandapotheken.

 

Präsenzapotheken waren im Mittel etwas kostengünstiger als sonstige Leistungserbringer. Solche Preisunterschiede zwischen den Anbietern seien kaum zu rechtfertigen, sagte Glaeske in Berlin. Um die Kosten zu senken, regte er an: Kassen könnten Diabetes-Teststreifen für ihre Versicherten einkaufen und günstigen Anbietern den Vorzug geben.

Mehr von Avoxa