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Expopharm-Eröffnung

Apotheker wollen weiter kämpfen

20.09.2017
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Auch elf Monate nach dem Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) sind die Apotheker nicht bereit, die Luxemburger Entscheidung zu akzeptieren. Gleichzeitig konnte der Vorsitzende des Deutschen Apotheker­verbands (DAV), Fritz Becker, in der Eröffnungs­rede zur Expopharm auf eine ganze Reihe von Erfolgen der Apothekerschaft verweisen.

Seit einem Jahr ist das EuGH-Urteil in der Welt. Die Konsequenzen sind ­bekanntermaßen fatal. Der DAV-Vorsitzende hat sich auch ein Jahr nach dem Urteil mit dem Luxemburger Richterspruch nicht abgefunden. »Wenn der EuGH entscheidet, dass die Arzneimittelpreisverordnung, an die sich alle Apotheken in Deutschland halten müssen, nicht gilt, dann gibt es nur einen Weg, Gleichpreisigkeit bei verschreibungspflichtigen Arzneimitteln wiederherzustellen, nämlich ein Verbot des Rx-Versandhandels«, sagte ­Becker.

 

Becker ist entsetzt darüber, dass die Tragweite des Urteils von vielen Gesundheitspolitikern dramatisch unterschätzt wird. Es könne nicht hin­genommen werden, dass ausländische Versender ihren Kunden Rabatte auf verschreibungspflichtige Arzneimittel gewährten und damit zentrale Mechanismen zur Steuerung wie Zuzahlungen oder Festbeträge ignorierten und so das Solidarsystem unterliefen.

 

Dank an den Minister

 

Becker machte in seiner Rede aber auch deutlich, dass die Apotheker nach dem EuGH-Urteil viel Unterstützung erfahren haben. An erster Stelle nannte der DAV-Vorsitzende den Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU). Dieser habe sich trotz erheblichen Gegenwinds konsequent für ein Verbot des Versandhandels mit verschreibungspflichtigen Arzneimitteln eingesetzt. Für die Apotheker sei diese Haltung ein wichtiges Signal, weiter für das Verbot zu kämpfen. Becker: »Ich versichere Ihnen, wir werden in unseren Anstrengungen nicht nachlassen. Wir werden weiterhin durch unsere Arbeit bei Tag und Nacht unsere Patienten davon überzeugen, wie wichtig der Fortbestand der Präsenzapotheken ist.« Für Apotheken und Patienten stehe viel auf dem Spiel.

 

Auch wenn das EuGH-Urteil einen großen Schatten auf die Apothekerschaft wirft, gab es in den vergangenen zwölf Monaten aus Beckers Sicht einige positive Entwicklungen. Dazu gehört der Konsens der Regierungsparteien, Exklusivverträge für Impfstoffe abzuschaffen. Die Politik habe erkannt, dass diese Praxis extrem negative Folgen für die Versorgungssicherheit und damit auch für die Impfquoten hatte. Jetzt müssten nur noch die Apotheker stärker eingebunden werden, um die Patienten über die Sinnhaftigkeit von Impfungen aufzuklären und so die Impfquoten zu steigern.

 

Als erfreulich bezeichnete Becker die Entwicklung bei Zytostatika. Krankenkassen dürfen nicht mehr Exklusivverträge mit einzelnen Apotheken abschließen. Ausschreibungen auf Apothekenebene hätten in der Vergangenheit die vertrauensvolle Zusammen­arbeit zwischen Ärzten und Apothekern gefährdet. Der DAV habe immer wieder darauf hingewiesen, dass die flächendeckende Individualversorgung für Krebspatienten nicht mehr gewährleistet werden könne, wenn zahlreiche hoch spezialisierte Apotheken von der Versorgung mit Zytostatika ausgeschlossen würden.

 

Dicke Bretter muss der DAV-Vorsitzende derzeit bei der Abgabe von Cannabis bohren. Wie in zahlreichen anderen Fällen versuchen die Krankenkassen, die Preise bei der Versorgung mit Cannabis zu drücken. Becker forderte von der Gesetzlichen Krankenversicherung »eine aufwands- und leistungsgerechte Vergütung bei der Abgabe von Cannabis und der Neuordnung der Substitution«. Zudem solle der GKV-Spitzenverband endlich zur Kenntnis nehmen, dass Verhandeln bedeute, Kompro­misse ein­zugehen. Die Geringschätzung der apothekerlichen Leistung sei keine Basis für eine partnerschaftliche Zusammen­arbeit. Sinnvolle Lösungen gebe es nur, wenn Spielregeln eingehalten würden und die Verhandlungspartner sich gegenseitig achteten.

 

Deutlich besser lief es in diesem Jahr bei der Vergütungsanpassung für Rezepturen und der Dokumentationsgebühr für Betäubungsmittel und ­T-Rezepte. Noch wichtiger für die Apotheker sei allerdings, dass es möglichst bald Klarheit darüber gebe, wie sich in Zukunft das Fixhonorar entwickelt. Die Veröffentlichung des vom Bundeswirtschaftsministerium in Auftrag gegebenen Gutachtens stehe kurz bevor. Die politische Diskussion darüber sollte möglichst schnell beginnen, forderte Becker.

 

Kompetenz berücksichtigen

 

Eine stärkere Berücksichtigung der heilberuflichen Kompetenz des Apothekers hätte sich Becker beim Thema Entlassmanagement gewünscht. Zwar sei es prinzipiell zu begrüßen, dass Klinikärzte ab dem 1. Oktober die Möglichkeit haben werden, Patienten bei deren Entlassung aus dem Krankenhaus Rezepte über die benötigten Arznei- oder Hilfsmittel mitzugeben. Nicht nachvollziehbar sei allerdings die Regelung, dass Änderungen auf dem Verordnungsblatt der erneuten Unterschrift des Klinikarztes bedürfen. »Wie stellt man sich das denn in der Praxis vor? Jemand, der gerade aus dem Krankenhaus entlassen wurde, eventuell viele Kilometer nach Hause gefahren ist, erfährt in der Apotheke seines Heimatortes, dass das Rezept nicht beliefert werden kann, weil irgendetwas der erneuten Unterschrift des Klinikarztes bedarf?«, so ­Becker. Der Vorschlag der Apotheker, Änderungen oder Ergänzungen nach ­telefonischer Rücksprache mit dem Arzt in der Apotheke vorzunehmen, sei bedauerlicherweise nicht aufgegriffen worden. Es sei daher zu hoffen, dass die Entlassrezepte extrem sorgfältig ausgestellt werden und bis ins kleinste Detail den Vorgaben entsprechen.

 

Klare Worte fand der DAV-Vorsitzende zum Arzneimittelabgabeautomaten im baden-württembergischen Hüffenhardt: »Die Arzneimittelaus­gabe in ­Hüffenhardt war jenseits aller Vorschriften.« Die Versorgung länd­licher Gebiete könne weder durch den Versandhandel noch durch Abgabe­automaten patientengerecht gewährleistet werden.

 

Securpharm im Zeitplan

 

Zum Schluss seiner Rede ging Becker noch auf zwei Zukunftsthemen der Apothekerschaft ein, das Antifälschungsprojekt Securpharm und die Netzgesellschaft Deutscher Apotheker (NGDA). Laut Becker liegen Industrie, Großhandel, Apothekerschaft und Softwarehäuser mit Securpharm im Zeitplan. Und der von der Avoxa-Tochter NGDA konzipierte Apotheken­server wurde bei der Expopharm bereits vorgestellt. /

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