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Abhängigkeit

Benzodiazepine forcieren Demenz

15.09.2014
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Von Kerstin A. Gräfe / Die langfristige Einnahme von Benzodiazepinen erhöht bei älteren Patienten das Risiko für eine Alzheimer-Demenz – um rund 5o Prozent. Das berichten Forscher im Fachmagazin »British Medical Journal«. Sie halten die Assoziation für kausal.

Gewarnt vor einer sorglosen Verschreibung von Benzodiazepinen wird schon seit Längerem, und der Verbrauch ist auch seit Jahren rückläufig. So wurden laut Arzneiverordungreport 2013 im Jahr 2012 28 Millionen definierte Tagesdosen verordnet. Im Jahr 2011 waren es noch 34 Millionen, was einem Rückgang von knapp 18 Prozent entspricht. Hauptgrund für einen kritischen Einsatz bei strenger Indikationsstellung ist das potenzielle Suchtpotenzial dieser psychotropen Substanzen.

 

Risiko steigt mit der Dauer der Einnahme

 

Aber es gibt noch einen weiteren Grund, warum Benzodiazepine zurückhaltend und allenfalls kurzfristig eingesetzt werden sollten: Sie stehen schon länger unter Verdacht, dauerhafte kognitive Defizite im Sinne einer Demenz hervorrufen zu können. Bereits 2012 präsentierte das Forscherteam um Sophie Billioti de Gage von der Universität Bordeaux Daten einer Kohortenstudie, wonach das Risiko älterer Menschen nach Benzodiazepin-Einahme um 60 Prozent erhöht war (doi: 10.1136/bmj.e6231). Einen Kausalzusammenhang konnten die Wissenschaftler allerdings nicht nach­weisen. Dies ist ihnen nun in einer neueren Untersuchung möglicherweise gelungen.

 

Das Team um Billioti de Gage analysierte für seine Untersuchung die Versicherungsdaten von rund 2000 Alzheimer-Patienten in Québec, deren Gesundheitszustand mindestens seit sechs Jahren vor der Diagnosestellung überwacht wurde. Jedem Alzheimer-Patienten stellten die Forscher als Kontrollgruppe drei gleichaltrige Gesunde desselben Geschlechts gegenüber. Nach den Berechnungen der Forscher ging die Verordnung von Benzodiazepinen mit einer um 51 Prozent erhöhten Rate von Alzheimer-Erkrankungen einher. Dabei war ein erhöhtes Risiko erst nach der Verordnung von mehr als 90 Tagesdosierungen nachweisbar. Betrug die Einnahmedauer zwischen drei und sechs Monaten, erhöhte sich das Risiko für eine Alzheimer-Erkrankung um 32 Prozent. Waren es mehr als sechs Monate, lag die Erhöhung bei 84 Prozent. Zudem konnten die Autoren zeigen, dass diese Korrelation bei lang wirksamen Benzodiazepinen ausgeprägter war als bei kurz wirksamen (Odds Ratio 1,70 versus 1,43). Letzteres und die aufgezeigte Dosis-Abhängigkeit werten die Wissenschaftler als Argument für eine erwiesene Kausalität. Die vollständigen Studiendaten sind im »British Medical Journal« veröffentlicht (doi: 10.1136/bmj.g5205).

 

Aber auch eine ganz andere Erklärung sei derzeit nicht auszuschließen, so die Forscher. Eine Alzheimer-Demenz im Frühstadium könnte die Ursache für Angstzustände und Schlafstörungen der Probanden gewesen sein, die deshalb mit Benzodiazepinen behandelt wurden. Dagegen spricht allerdings die gefundene Dosis-Abhängigkeit.

 

Stärkerer Fokus auf kognitive Nebenwirkungen

 

Ärzte sollten vor einem Einsatz von Benzodiazepinen Nutzen und Risiken sorgfältig abwägen und solche Medikamente nur für kurze Dauer verordnen, lautet der Rat von Billioti de Gage. Doch oft sind es die Patienten selbst, die diese Medikamente von ihren Ärzten einfordern, wie Professor Dr. Kristine Yaffe von der University of California in San Francisco in einem begleitenden Kommentar schreibt (doi: 10.1136/bmj.g5312). Die Professorin für Psychiatrie, Neurologie und Epidemiologie fordert, generell Nebenwirkungen der Medikation älterer Menschen auf einen Einfluss auf die kognitiven Fähigkeiten besser zu dokumentieren. In der Regel würden diesen Patienten zur Behandlung verschiedener chronischer Erkrankungen dauerhaft mehrere Mittel gleichzeitig verschrieben, die in der jeweiligen Kombination auch Hirnfunktionen beeinträchtigen könnten. /

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