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Krätze

Parasiten unter der Haut

21.09.2010
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Von Brigitte M. Gensthaler / Allein das Wort Krätze löst bei den meisten Menschen schon Juckreiz aus. Spontan denken viele an Armenviertel in Entwicklungsländern und Flüchtlingslager. Doch Krätze tritt auch in Deutschland auf. Was tun, wenn die Haut plötzlich furchtbar juckt?

»Ich krieg die Krätze«: Diese Redewendung ist weit verbreitet. Die Erkrankung selbst ist viel seltener – zumindest in Mitteleuropa. Die Skabies, die durch Krätzmilben (Sarcoptes scabiei var. hominis) ausgelöst wird, kann Einzelpersonen betreffen, aber auch als Epidemie in Gemeinschaftseinrichtungen auftreten. Dazu zählen Alten- und Pflegeheime, Kindergärten, Gefängnisse und Obdachlosenheime. In Armengebieten und Flüchtlingslagern in der sogenannten Dritten Welt ist die Skabies endemisch.

Schätzungsweise 300 Millionen Menschen weltweit sind infiziert. Genaue Zahlen für einzelne Länder gibt es nicht. Für Deutschland existieren laut Robert-Koch-Institut (RKI) nicht einmal Schätzungen.

 

Global betrachtet ist Skabies eine Kinderkrankheit, Kinder sind über­pro­portional häufig von Infektionen betroffen. Jedoch gewinnt die Grup­pe der multimorbiden Senioren, vor allem in Heimen, zunehmend an Bedeutung. Das hat mehrere Grün­de. Durch Krankheiten, Medika­men­te oder altersbedingt ist ihr Immunsystem geschwächt und kann die Milbenvermehrung nicht ausreichend aufhalten. Hautkrank­heiten oder trockene Altershaut können das Krankheitsbild ver­schlei­ern, sodass die Diagnose erst spät gestellt wird. Dies gilt oft auch für Personen, die kaum Juckreiz empfinden oder sich nicht kratzen können, zum Beispiel weil sie immobil oder schwer dement sind.

 

Hygiene-Zusammenhang unklar

 

Der häufig vermutete Zusammenhang zwischen schlechter Körperhygiene und dem Auftreten von Skabies ist vermutlich fiktiv, schreibt das RKI in seinem 2009 veröffentlichten »Merkblatt für Ärzte«. Die Milben graben sich so tief in die Haut ein, dass sie mit Wasser und Seife nicht zu erreichen sind. So überleben sie, selbst wenn der Betroffene mehrmals am Tag heiß badet. Es gibt sogar den Fachbegriff der »gepflegten Skabies«: Bei Patienten, die ihren Körper gut pflegen und Kosmetika verwenden, sind die Hautveränderungen sehr diskret und unauffällig.

 

Übertragen werden die Tiere in erster Linie durch direkten engen Körperkontakt, zum Beispiel beim Schlafen in einem Bett, Spielen, Liebkosen von Kindern, Körperpflege von Kindern oder Kranken und beim Geschlechtsverkehr. Eine indirekte Übertragung über Kleidung, Bettwäsche, Ma­tratzen, Handtücher, Kissen oder Plüschtiere scheint nur bei hoher Milbenkonzentration eine Rolle zu spielen. Bereits ein einziges begattetes Weibchen, das auf der Haut haften bleibt, kann eine Krätzeerkrankung auslösen (siehe Kasten).

 

Auch Tiere können Krätze bekommen; man spricht dann von Räude. Die Parasiten können gelegentlich vom Hund auf den Menschen gelangen und diesen infizieren.Bei einer Erstinfektion treten die Symptome nach vier bis sechs Wochen, bei einer wiederholten Erkrankung bereits nach einem bis zwei Tagen auf. Die Patienten berichten über leichtes Brennen bis hin zu heftigem Juckreiz, der nachts besonders quälend ist.

Wie sich die Parasiten entwickeln

Die 0,2 bis 0,5 mm großen geschlechtsreifen Milbenweibchen graben sich parallel zur Hautoberfläche durch das Stratum corneum bis an den unteren Rand der Epidermis ein und legen in diesen Bohrgängen (Länge 1 bis 10 mm) täglich ein bis zwei Eier und ihren Kot ab. Aus weniger als 10 Prozent der Eier entstehen adulte Milben. Männliche Krätzmilben graben keine Gänge, sondern suchen auf der Haut nach unbefruchteten Weibchen. In der Regel findet man auf einer infizierten Personen nur etwa 10 bis 15 lebende Milbenweibchen, bei der gepflegten Skabies noch weniger. Bei Kindern aus Armengebieten der Dritten Welt können es aber mehrere Hundert, bei immunsupprimierten Patienten mit Borkenkrätze (Scabies norwegica oder crustosa) auch mehrere Millionen sein.

 

Außerhalb des Wirts überleben Krätzmilben bei Raumtemperatur für 24 bis 36 Stunden in Kleidung und Bettwäsche, auf Polstermöbeln oder Teppichböden, bei 12 °C und feuchter Luft sogar einige Tage.

Es entwickeln sich stecknadelkopfgroße Vesikel, erythematöse Papeln und Pusteln. Da die Milben warme Hautareale mit wenig Hornhaut bevorzugen, siedeln sie sich vor allem zwischen Fingern und Zehen, in Achseln und Leisten sowie an Brust und Penis an. Bei Säuglingen und Kleinkindern können auch Gesicht, behaarte Kopfhaut, Hände und Füße befallen sein.

 

Der Name Krätze kommt von kratzen: Wird die Haut aufgekratzt, können sich Bakterien, meist Streptokokken und Staphylokokken, ansiedeln und Abszesse, Entzündungen und Lymphangitiden verursachen. Ein generalisierter Hautausschlag ist die Folge einer Sensibilisierung durch Milbenantigene.

 

Bei immunsupprimierten Menschen entwickeln sich die Parasiten ungehemmt. Im Lauf einiger Monate entsteht eine Scabies norwegica (crustosa) mit starker Schuppen- und Borkenbildung. Die Hyperkeratose kann an eine Psoriasis erinnern. Diese Form juckt kaum und ist hoch ansteckend.

 

Den ganzen Körper behandeln

 

Die Diagnose einer Skabies wird anhand der klinischen Symptomatik, vor allem Juckreiz in der Nacht und charakteristische Hautveränderungen gestellt. Sie sollte durch den Nachweis eines Milbengangs, von Larven oder Skybalae (Kot) gesichert werden. Mit Wasser, Seife und Hautdesinfizientien kommt man den Parasiten nicht bei. Die Behandlung erfolgt durch Abtöten der Milben mit topischen oder in schweren Fällen auch systemischen Antiskabiosa. Eine international akzeptierte Therapieempfehlung gibt es nicht. Das Merkblatt für Ärzte vom RKI geht ausführlich auf die Therapie ein.

 

Zur Lokaltherapie stehen Präparate mit Permethrin, Allethrin, Benzylbenzoat, Präzipitatschwefel und Crotamiton zur Verfügung. Mittel der ersten Wahl ist Permethrin als 5-prozentige Creme. Diese muss auf dem ganzen Körper (mit Ausnahme des Kopfes und der Schleimhäute an den Körperöffnungen) verteilt werden und über acht bis zwölf Stunden einwirken. Danach wird sie mit Seife abgewaschen. Meist reicht die einmalige Anwendung. Bestehen nach zwei Wochen noch Symptome eines aktiven Befalls, wird die Prozedur wiederholt.

Permethrin kann in einer Konzentra­tion von 2,5 Prozent auch bei Säuglingen, Schwangeren und Stillenden eingesetzt werden, schreibt das RKI. Allerdings wird eine Stillpause von zwei bis drei Tagen empfohlen, da die Substanz re­sorbiert wird. Topika mit Benzylbenzoat (25-prozentig für Erwachsene, 10-pro­zen­tig für Kinder) sind altbekannte Anti­skabiosa und gelten als hochwirksam. Allerdings müssen sie mehrmals ange­wendet werden und können Hautrei­zungen und -brennen hervorrufen. Da die Substanz billig ist, wird sie derzeit häufig in Entwicklungsländern eingesetzt. In Deutschland gilt die Therapie als zweite Wahl. Crotamiton und Schwefelpräparate stuft das RKI als dritte Wahl ein.

 

»Die orale Behandlung der Skabies mit Ivermectin ist ein therapeutischer Meilen­stein«, lobt das Institut. Das Makrolid wirkt ausgezeichnet auf humanpatho­gene Insekten und Milben und ist sehr sicher. Der Patient nimmt einmal 200 µg/kg ein und wiederholt dies nach acht Tagen. Bei Patienten mit Skabies crustosa werden fünf bis sieben Behandlungen im Abstand von acht Tagen empfohlen. Einziger Nachteil: Derzeit sind in Deutschland keine peroralen Antiskabiosa zugelassen. Das insektizid und anthelminthisch wirksame Ivermectin muss daher von einer Apotheke aus dem Ausland (Beispiele Stromectol® und Mectizan®) importiert werden.

 

Waschen, lüften, einfrieren

 

Die medikamentöse Behandlung muss immer durch zusätzliche Maßnahmen ergänzt werden. So sollten Körper- und Unterbekleidung sowie Bettwäsche während der Lokalbehandlung alle 12 bis 24 Stunden, Handtücher zweimal täglich gewechselt werden.

 

Für Bettwäsche, Handtücher und Kleidungsstücke reicht normales Waschen bei 60 °C aus. Nicht waschbare Textilien kann man durch mindestens siebentägiges Lüften im Freien, chemische Reinigung oder bis zu 14-tägige Aufbewahrung in Plastiksäcken behandeln. Plüschtiere, Schuhe und andere Kleinutensilien werden durch Einfrieren milbenfrei. Polstermöbel, Betten und Fußbodenbeläge saugt man sehr gründlich ab. Chemische Mittel zur Entwesung der Umgebung sind in der Regel aber nicht erforderlich.

 

Kontaktpersonen sollten ebenfalls auf Zeichen einer Skabies untersucht werden. Unabhängig davon, ob Hautveränderungen vorliegen oder nicht, müssen Personen, die mit dem Patienten engeren oder längeren körperlichen Kontakt hatten, in der Regel also alle Mitglieder einer Familie oder Wohngemeinschaft, gleichzeitig behandelt werden. Bei Krätzeepidemien in Pflegeeinrichtungen sind sehr umfangreiche Maßnahmen erforderlich, um die Krätzmilben dauerhaft zu vertreiben. /

Literatur

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Robert-Koch-Institut, Krätzmilbenbefall. Merkblatt für Ärzte. Stand 11. Mai 2009. www.rki.de

Leitlinien der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft (DDG), Skabies. Erstellungsdatum 1/2006, aktualisiert 1/2008. leitlinien.net

Merkblatt des Niedersächsischen Landesgesundheitsamtes. Krätze (Scabies). Stand Mai 2010; www.nlga.niedersachsen.de

 

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