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Krankenkassen

Beske hält 52 Prozent Beitragssatz für denkbar

21.09.2010  15:58 Uhr

Von Nils Franke, Berlin / Ohne Umsteuern droht ein Beitragssatz in der Gesetzlichen Krankenversicherung von 52 Prozent im Jahr 2060. Dies legt eine Studie von Professor Dr. Fritz Beske nahe.

Beskes Berechnungen basieren auf den aktuellen Daten des Statistischen Bundesamts, der zwölften koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung. Mit seinen regelmäßig erneuerten Horrorszenarien will der Direktor und Namensgeber des Kieler Fritz-Beske-Instituts nicht nur Unruhe stiften. »Ich stelle mir natürlich immer wieder diese Frage«, sagte er. Es sei aber nun einmal die Aufgabe der Wissenschaft, die Politik, welche nur an das Defizit der nächsten Jahre denke, langfristig zu beraten.

Seine aktuelle Prognose geht von einer Bevölkerungsentwicklung aus, nach der im Jahr 2060 in Deutschland 17 Millio­nen Menschen weniger erwerbstätig sein werden. Heute kämen drei Erwerbstätige auf eine Person über 66 Jahre, in fünfzig Jahren werde es nur noch einer sein. »Und diese Rechnung geht nicht auf.«

 

Mehr Ältere, höhere Kosten

 

Nach den Daten für das Jahr 2008 liegen die Ausgaben der Gesetzlichen Kran­ken­versicherung (GKV) für die Unter-Dreißigjährigen bei knapp tausend Euro. Bis zum neunzigsten Lebensjahr steigen die Pro-Kopf-Ausgaben auf 5300 Euro.

 

Bei deutlich mehr älteren Menschen in der Zukunft steigen somit die Gesamtausgaben erheblich. Von heute 164 Milliarden Euro könnten sie nach der Prognose von Beske auf 468 Milliarden Euro im Jahr 2060 schnellen. Wenn heute 51 Millionen Mitglieder in der GKV die Ausgaben stemmen, müssten dann nur noch 40 Millionen den viel höheren Betrag aufbringen. Der mittlere monatliche Beitrag läge dann bei knapp 500 statt wie heute 142 Euro.

 

Ebenso drastisch stiege der Beitragssatz von heute 14,9 Prozent. »Wenn man die härtesten Annahmen zugrunde legt, kann der Beitragssatz bis auf 52 Prozent steigen. Dies ist natürlich eine Zahl, die nicht diskussionswürdig ist. Selbst ein etwas darunter liegender Beitragssatz wird nicht zu finanzieren sein«, folgerte Beske. Würde man den Beitragssatz auf heutigem Niveau einfrieren, kletterte das Defizit der GKV auf 310 Milliarden Euro pro Jahr.

 

Der wesentliche Faktor in diesen Prognosen ist jedoch nicht der demografische Wandel. Dadurch allein stiege der Beitragssatz bestenfalls auf 18 oder 19 Prozent, wie Beske betont. »Das Problem ist der medizinische Fortschritt. Er hat eine erheblich Dynamik. Man kann medizinischen Fortschritt nicht zusätzlich zu dem heutigen Leistungskatalog haben, der schon der umfangreichste der Welt ist.«

 

Dieser Faktor ist auch gleichzeitig die wackeligste Stelle an Beskes Prognose. Er legt für zwei Szenarien jeweils ein Prozent beziehungsweise zwei Prozent Ausgabensteigerung durch den medizinischen Fortschritt zugrunde. Dann ergeben sich 32 beziehungsweise 52 Prozent Beitragssatz. Wie viel die Entwicklungen in der Medizin aber ausmachen werden, kann niemand vorhersagen. Beske muss seine Berechnung auf eine grobe Schätzung stützen.

 

Für die Folgerungen und konkreten Vorschläge an die Politik legte Beske gleich eine zweite Studie vor. Unter dem Titel »Solidarität erfordert Realismus« baut er seine These weiter aus, die Ausgaben dürften sich nicht mehr nach dem Bedarf richten, sondern eine Umkehrung der Finanzierung sei notwendig. »Das, was zur Verfügung steht, wird die Leistungen bestimmen«, zeigte er sich sicher. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) habe erst vor wenigen Tagen das Gleiche über die öffentlichen Haushalte gesagt.

 

Leistungen auf den Prüfstand

 

Der primäre Ansatz müsse daher eine Neubestimmung der Aufgaben der GKV sein, führte Beske aus. »Wir kommen in die Situation, dass alle Leistungen der GKV mit allen anderen Leistungen in Konkurrenz stehen. Jeder Euro, der nicht bedarfsgerecht ausgegeben wird, fehlt an anderer Stelle.« Damit könne auch keine Leistung mehr absolut notwendig sein, Ethik werde zu einer Begründung von vielen.

 

»Wir schlagen vor, die Aufgabenstellung zu konzentrieren auf die Versorgung im Krankheitsfall.« Prävention solle eine Aufgabe der Gemeinden und Länder werden. Alle versicherungsfremden Leistungen seien zu streichen, darunter auch reduzierte Beiträge für Hartz-IV-Empfänger (vier Milliarden Euro) sowie beitragsfreie Mitversicherung von Kindern, Ehegatten und Lebenspartnern (21 bis 23 Milliarden Euro).

 

Auch viele medizinische Leistungen müssten hinterfragt werden. Dies sei schwierig in Deutschland. »Wer Vorschläge zur Reduzierung des Leistungskatalogs macht, wird sofort mit dem Begriff der sozialen Demontage an die Wand gestellt«, monierte Beske. »Ich kann nur jeden warnen, sich einzubringen, bevor die Politik sich nicht dazu bekannt hat.« /

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