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Etikettenschwindel

Apothekenware im Drogeriemarkt

16.09.2008  16:05 Uhr

Etikettenschwindel

Apothekenware im Drogeriemarkt

Von Daniela Biermann

 

Vichy, Orthomol und Eucerin sind Beispiele für hochwertige Marken, die die Hersteller apothekenexklusiv vermarkten. Doch die Produkte stehen mittlerweile in den Regalen so manchen Drogeriemarkts. Wie kommen sie dorthin? Ist das legal? Und was wird dagegen getan?

 

Die blitzblanke Budnikowsky-Filiale in der Hamburger Europa-Passage wirkt exklusiv. In großzügigen Reihen auf zwei Etagen verspricht der Drogist Einkaufsvergnügen inklusive Parfümerie, Kosmetiksalon, Café, Biolebensmittel - und apothekenexklusiver Produkte. Eine halbe Regalreihe füllen die Cremetiegel, Flaschen und Tuben von Vichy, Eucerin, Bepanthol und Frei im Erdgeschoss. Auf der anderen Etage, in der Nähe von Bio-Kräutertees und Hustenbonbons, stehen hoch dosierte Vitaminpräparate, unter anderem Centrum, Orthomol und Vitasprint. In dem bunt gemischten Regal finden sich auch bekannte Arzneimittel wie Imogas gegen Blähungen, Isla-Moos-Pastillen gegen Husten und Heiserkeit, das Schlafmittel Baldriparan und die Schlankheitspille Formoline L112. Von beratendem Personal keine Spur.

 

»Jedes Kind könnte einfach so ins Regal greifen«, kritisiert Dr. Jörn Graue, Vorsitzender des Hamburger Apothekerverbands. Dabei steht zum Beispiel auf der Baldrian-Packung »Arzneimittel für Kinder unzugänglich aufbewahren« sowie der Schriftzug »Nur in Ihrer Apotheke«.

 

Zwar sind die genannten Produkte keine apothekenpflichtigen Arzneimittel. Doch die Apotheker und Hersteller sind verärgert. »Das ist uns ein Dorn im Auge«, bestätigt Manuela Rohmann, Pressesprecherin von Orthomol. Die Produkte ihrer Firma seien rein rechtlich zwar Lebensmittel, aber sehr erklärungsbedürftige. »Und für die Beratung möchten wir Ärzte und Apotheker.« So sieht es auch Whitehall Much, Hersteller von Baldriparan, Vitasprint und Centrum. »Das sind alles beratungsbedürftige Produkte«, sagt Vertriebsleiter Friedrich Becker. »Die entsprechende Beratung kann nur in der Apotheke stattfinden. Daher haben wir uns klar gegen einen Vertriebsweg außerhalb der Apotheken entschieden.« Auch Andreas Renner, Vertriebsleiter Bayer Vital Consumer Care, äußerte sich besorgt über diese Entwicklung. Zugleich versicherte er, man habe kein Interesse daran, dass Marken wie Bepanthol oder Priorin außerhalb der Apotheke angeboten werden. Daher werden alle rechtlichen Möglichkeiten geprüft. »Alle Bestrebungen von Bayer Vital zielen darauf hin, den Vertriebsweg Apotheke zu stärken.«

 

Vertriebskanäle liegen im Dunkeln

 

Wie die Produkte in die Filialen des norddeutschen Drogisten Budnikowsky und auch der Supermarktkette Edeka-Marktkauf gelangten, ist noch nicht vollständig geklärt. Verbandsvorsitzender Graue spricht von »dunklen Kanälen« und verdächtigt Standeskollegen. Dem schließen sich mehrere Firmen an. Ein Hersteller bezweifelt jedoch, dass eine einzige Apotheke solche Mengen für die Drogeriemärkte bereitstellen kann.

 

Die Hersteller bestätigten gegenüber der PZ, dass sie bereits mehrere Spuren verfolgen. »Wir tun alles, was wir können«, heißt es bei Vichy und auch Whitehall Much ist entschlossen: »Wir werden alles daransetzen, denjenigen ausfindig zu machen.« Budnikowsky bewahrt erwartungsgemäß Stillschweigen über seine Quellen und will sich zu dem Thema nicht äußern.

 

Gerichtlich können die Hersteller gegen die Drogerien nicht vorgehen. Einige tüfteln derzeit jedoch über Möglichkeiten, den Vertrieb besser zu kontrollieren. So hat beispielsweise die Firma Beiersdorf zusammen mit dem Hamburger Apothekerverband einen Selektivvertrag über das Eucerin-Sortiment entwickelt (siehe dazu Beiersdorf: Selektiver Vertrieb für Eucerin, PZ 31/2008), der vom 1. Januar 2009 an gelten soll.

 

Die Belieferung wird an strenge Bedingungen geknüpft, unter anderem die Abnahme eines bestimmten Kernsortiments und an Schulungen des pharmazeutischen Personals. Die Verträge seien kartellrechtlich überprüft, sagt Graue. Die Depotverträge von Vichy verbieten bereits die Vermarktung, »wie sie jetzt durch Budnikowsky und Edeka-Marktkauf praktiziert wird«, hieß in einem offenen Brief an die Apotheken vom August. Die Rechtsanwälte sind eingeschaltet.

 

Orthomol versieht als Sofortmaßnahme alle Packungen mit einem Aufkleber »Aus Ihrer Apotheke«, bis die Produktion so weit umgestellt ist, dass dieses Logo auf jeder Packung aufgedruckt ist. Ob diese Maßnahme ausreicht, ist fraglich, wie das Beispiel der oben erwähnten Baldriparan-Packung zeigt. Zudem denkt die Firma darüber nach, die Packungen anhand eines neuen Barcode-Systems zurückzuverfolgen. Das System entwickelte die Firma ursprünglich für ein besseres Sicherheits- und Qualitätsmanagement. Denkbar wäre auch, dass die Hersteller ähnliche Sicherheitschips entwickeln, wie sie im Kampf gegen Arzneimittelfälschungen eingesetzt werden sollen.

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